Portal AU-Schein.de bietet Krankenschein im Internet an

Kostenpflichtiger Inhalt: Per Mausklick : So funktionieren Krankschreibungen ohne Arztbesuch

Seit Anfang des Jahres können erkältete Arbeitnehmer über ein Onlineportal eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung erhalten.

Nase verstopft, Gliederschmerzen Heiserkeit: Eine satte Erkältung bahnt sich an. Ein Krankenschein muss her. Normalerweise schleppt sich der Angeschlagene zu seinem Hausarzt, der ihm anschließend eine Arbeitsunfähigkeits (AU)-Bescheinigung, den „gelben Schein“, ausstellt.

Doch das scheint Schnee von gestern zu sein. Denn seit Anfang des Jahres ist das junge Hamburger Unternehmen AU-Schein.de an den Start gegangen. Wer sich bei einer Erkältung für maximal drei Tage krankschreiben lassen will, gibt die Symptome seines Wehwehchens ein und „ein Arzt diagnostiziert auf Basis der Angaben des Patienten nach telemedizinischer Diagnose die Erkältung“, heißt es bei AU-Schein.de. Insgesamt werden 22 Symptome abgefragt. Ist die Krankheit festgestellt, erhält der Patient seine Krankschreibung digital und zwar über Whatsapp und anschließend noch per Post. Diese kann der Leidende dann als E-Mail an den Arbeitgeber und die Krankenkasse weiterleiten. Das Ganze kostet neun Euro. Für jeden Nutzer darf ein solcher AU-Schein maximal für drei Tage und nur zweimal pro Jahr ausgestellt werden. Inzwischen hätten mehr als 10.000 Patienten den Service bereits in Anspruch genommen, heißt es bei AU-Schein.de. Der Dienst sei inzwischen auch auf die Schweiz und Österreich ausgedehnt worden.

Möglich wurde dieses Geschäftsmodell, weil die Landesärztekammer Schleswig-Holstein das gelockerte Fernbehandlungsverbot der Bundesärztekammer – geregelt in der Musterberufsordnung der Ärzte (MBO-Ä) – für das norddeutsche Bundesland liberaler umgesetzt hat als andere Kammern. Nach der bis Mitte 2018 geltenden Regelung war eine Diagnose, die ausschließlich über Print- und andere Kommunikationsmedien lief, bei Patienten, die bisher nicht in der Kartei geführt wurden, untersagt. Ein AU-Schein durfte bis dahin in solchen Fällen nur ausgestellt werden, wenn ein Arzt den Patienten zuvor untersucht hatte. Dies ist nach der neuen Regelung auch bei einem bisher unbekannten Patienten „im Einzelfall“ nicht mehr zwingend vorgeschrieben.

Als die neue Musterregelung in das Landes-Berufsrecht der Ärzte Schleswig-Holsteins übertragen wurde, kam dort der Begriff „im Einzelfall“ jedoch nicht mehr vor. Diese Regelung nutzt AU.schein.de aus. So fährt täglich eine Ärztin von Hamburg nach Schleswig-Holstein und stellt die Scheine aus. Inzwischen distanzieren sich die Ärztekammern von Hamburg und Schleswig-Holstein jedoch von diesem Geschäftsmodell, ohne es allerdings kippen zu können

Auch Juristen haben inzwischen Gefallen an der Sache gefunden. So wird die Frage diskutiert, ob mit diesem Teleservice in Sachen gelber Schein Datenschutzvorschriften verletzt werden. Niedersachsens Datenschutzbeauftragter stößt sich beispielsweise daran, dass der AU-Schein zunächst über Whatsapp verschickt wird und merkt an, dass die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) es verbietet, den Messenger-Dienst im geschäftlichen Kontext zu nutzen.

 Ob der Arbeitgeber die Krankmeldung anerkennen muss oder sie ablehnen kann, ist juristisch ebenfalls umstritten. „Dem ärztlichen gelben Schein kommt erst einmal ein hoher Beweiswert zu“, merkt die Kölner Anwaltskanzlei Wilde Beuger Solmecke an. Am Ende „muss ein Gericht entscheiden, ob möglicherweise allein die fehlende direkte Untersuchung ausreicht, um den Beweiswert einer AU zu erschüttern“, lassen die Juristen wissen. Daran orientieren sich auch die Krankenkassen, an die der Schein ebenfalls übermittelt werden muss, da sie die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall übernehmen. Doch auf dem Beleg ist nicht mehr erkennbar, auf welchem Weg die Diagnose zustande kam, so dass, so vermuten Experten, die Kasse die Lohnfortzahlung für diese maximal drei Tage durchwinken dürfte.

Auch wenn die Startup-Firma AU-Schein.de die bisherigen Grenzen der Telemedizin sprengt, so hat die Digitalisierung in den virtuellen Wartezimmern der Praxen längst um sich gegriffen. Wer sich beispielsweise die App von teleclinic.com herunterlädt und ärztlichen Rat sucht, wird nach der Registrierung zu einem virtuellen Assistenten geleitet, der mit gezielten Fragen das Krankheitsbild möglichst detailliert herausarbeiten soll. Anschließend vermittelt er ein Gespräch mit einem Facharzt aus Fleisch und Blut, der dann in einem Telefonat oder Video-Chat die Diagnose stellt.

Abgerechnet wird nach der Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ). Auf dem AU-Schein wird die Diagnose des Arztes als so genannter ICD-Code verschlüsselt dokumentiert, weil es den Arbeitgeber oder die Kasse nichts angeht, an was der Arbeitnehmer erkrankt ist. Über das, was die einzelnen ICD-Codes bedeuten, die von der Weltgesundheitsorganisation erstellt wurden, klärt die Techniker-Krankenkasse (TK) mithilfe einer Smartphone App und auf ihrer Internet-Seite auf. So erfährt der Patient, dass der Code M23 für die „Binnenschädigung des Kniegelenkes“ steht oder beim Code K35 der Blinddarm raus musste, weil er akut entzündet war.

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