Digitale Aufklärung ist wichtiger, als Facebook zu zerschlagen

Nach Datenlecks bei Facebook und Google : Nicht zerschlagen, sondern aufklären

Trotz fast wöchentlicher neuer Fälle von Datenlecks selbst bei den großen Plattformen erteilt Christoph Meinel, Direktor des Hasso-Plattner-Instituts, Forderungen, etwa Google oder Facebook zu zerschlagen, eine Absage.

Auch deutsche Politiker wie der von der CSU für das Rennen um die Präsidentschaft der EU-Kommission auserkorene Manfred Weber hatten diese Maßnahme jüngst gefordert. „Das ist zu kurz gedacht“, sagt Meinel im Gespräch mit unserer Zeitung. „Stattdessen sollte unsere Gesellschaft dem gesamten Thema der Digitalisierung mehr Beachtung schenken.“

Der Hochschuldirektor wirbt daher für mehr digitale Aufklärung, wie er es nennt. Damit meine er nicht, das künftig jeder lernen solle zu programmieren. Stattdessen gehe es um das Verständnis grundsätzlicher Zusammenhänge, beispielsweise wie mit persönlichen Informationen Mehrwert geschaffen werde. „Jeder Nutzer muss wissen, wie die eigenen Daten von Unternehmen genutzt werden“, so Meinel. Den Menschen müsse auch bewusster gemacht werden, dass unverschlüsselte Mitteilungen und E-Mails ebenso einsehbar seien wie Postkarten. Oder dass Passwörter kein lästiges Hindernis auf dem Weg zur Anmeldung bei Online-Diensten seien, sondern dem Schutz ihrer Privatsphäre dienten. Noch immer nutzten zu viele Menschen leicht zu erratende Kennwörter wie „123456“ oder „passwort“, wie Statistiken jedes Jahr aus Neue zeigten. In der Summe müsse ein Verständnis für die digitale Welt vermittelt werden, das es allen Menschen ermögliche, wohlbedachte Entscheidungen zu treffen – und darüber zu diskutieren, wie die digitale Zukunft aussehen soll. „Wie könnte zum Beispiel ein soziales Netzwerk gestaltet sein, das den Austausch mit anderen ermöglicht, ohne die Privatsphäre der Nutzer zu schädigen?“ Daher fordert Meinel von der Politik, schon Kindern die nötigen digitalen Fertigkeiten zu vermitteln.

Da er wisse, dass sowohl gesellschaftliche als auch politische Prozesse ihre Zeit brauchten, hofft Meinel auch auf technologische Fortschritte. Die immer neuen Datenlecks machten deutlich, dass die bestehenden Verfahren ungeeignet seien, persönliche Informationen zu schützen. Statt etwa Facebook die Verwaltung der eigenen Daten zu überlassen und darüber auch weitere Dienste zu nutzen, schlägt Meinel vor, dieses Prinzip umzudrehen. Anwender sollten die Hoheit über die eigenen Daten behalten können und diese Internetdiensten nur in dem Umfang und nur so lange zur Verfügung stellen, wie sie es für nötig hielten. Das Konzept der „self-sovereign identity“ versammle Ansätze, die genau diese Anforderungen in Zukunft erfüllen könnten. „Wir müssen uns jedoch noch gedulden. Benutzbare Anwendungen stecken noch in der Entwicklung.“ Bis es soweit sei, werde es immer wieder zu Einbrüchen in die Server von Facebook und Co. kommen. Um das zu verhindern, seien die Plattformen erstens zu komplex. Zweitens seien die dort lagernden Daten zu wertvoll, um nicht das Interesse von Kriminellen zu erregen, ist sich Meinel sicher.

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