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Die Panik chattet mit

Die Panik chattet mit

Schmerzen beim Wasserlassen, seltsame Hautverfärbungen oder die schnellste Diät – das Internet bietet eine Fülle an Informationen für Rat suchende Patienten. Seriöse Inhalte erkennen Nutzer an Prüfsiegeln.

GirlyN hat Angst. Seit Wochen hat sie jeden Tag Kopfweh, ihr ist übel und sie leidet unter Stress. Bang will GirlyN auf der Seite gesundheitsfrage.net im Forum von anderen Nutzern wissen: "Habe ich einen Gehirntumor?" Noch am gleichen Tag vermutet Nutzerin Emelina, es könne Migräne sein, empfiehlt einen Arztbesuch und die Google-Suche nach Entspannungsübungen. Nutzerin Shivania rät, GirlyN solle sich auf Nahrungsmittel-Unverträglichkeiten untersuchen lassen. Und Nutzer Wtaler warnt vor Handystrahlen, die Tumore verursachen könnten, wie er der "Cyberchonderin" GirlyN schreibt.

Cyberchondrie - das Wort setzt sich zuammen aus den Begriffen Cyber und Hypochondrie und beschreibt Menschen, die bei Angst vor schlimmen Krankheiten nicht zum Arzt gehen, sondern Infos über ihre Symptome und mögliche Diagnosen im Internet suchen. Zum Beispiel in Gesundheitsforen, in denen sie andere Nutzer befragen.

Laut einer Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom) von Anfang Januar suchen besonders ältere Menschen medizinischen Rat im Internet . So informieren sich zwei von drei Internetnutzern (68 Prozent) ab 65 Jahren verstärkt über Krankheiten, Ernährung und Medikamente im Internet . Selbst bei Nutzern ab 80 Jahren seien es immer noch 57 Prozent.

Kein Ersatz für Arztbesuch

"Der Trend geht zum informierten, mündigen Patienten und dabei spielt das Internet eine entscheidende Rolle", sagt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder und warnt: "Einen Arztbesuch ersetzt das Internet in aller Regel nicht."

Online-Portale zu Gesundheitsthemen gibt es viele. Doch wie erkennen Nutzer seriöse Angebote, die übersichtlich gestaltet sind und hochwertigen Inhalt anbieten? Unabhängige Portale lassen sich an bestimmten Gütesiegeln erkennen: zum Beispiel dem HON-Siegel der "Health on the Net Foundation", dem Logo des "Aktienforums Gesundheitsinformationssystem" (afgis) oder dem Zertifikat "Geprüfte Homepage" der Stiftung Gesundheit. So hat zum Beispiel die Seite netdoktor.de das afgis-Logo und eine Auszeichnung vom Verband Deutscher Zeitschriftenverleger für erstklassige Inhalte. Das Portal onmeda.de kann den HON-Code und ebenfalls das afgis-Logo vorweisen. Foren und Selbsthilfegruppen sind dagegen nach Angaben des Bitkom mit Vorsicht zu Rate zu ziehen, da dort Laien für Laien schreiben und oft Tipps gegeben werden, die von der Schulmedizin wegführen.

Für Eckart Rolshoven, Vorstandsmitglied bei der Ärztekammer des Saarlandes und seit 30 Jahren als Arzt für Allgemeinmedizin zugelassen, sind diese Online-Chats "eher eine Plage", da die Unabhängigkeit der Information schwer oder auch gar nicht zu überprüfen sei. Manche Selbsthilfegruppen würden zudem von der Pharmaindustrie gesponsert, so Rolshoven. Sowohl Patienten als auch Ärzte könnten von den Infos im Netz aber auch profitieren: "Wenn es seriöse Quellen sind, halten sich der Zeitaufwand durch Erklärungen und gesparte Zeit durch bessere Informiertheit die Waage."

Online-Sprechstunden ohne persönlichen Kontakt zwischen Arzt und Patient gibt es in Deutschland nicht. Die Ärzte-Berufsordnung verbietet eine Behandlung, die ausschließlich über Print- und Kommunikationsmedien läuft - auch Fernbehandlungsverbot genannt.

Riskante Online-Sprechstunde

Dennoch gibt es Angebote wie das umstrittene Portal von "Dr. Ed" unter www.dred.com , das sich auch an deutsche Nutzer wendet. Dort melden sich Ratsuchende per Telefon, E-Mail oder Video-Chat, schildern ihr Leiden, ein Arzt stellt die Diagnose. Bis hierhin alles kostenfrei. Erst, wenn der Arzt eine Behandlung vorschlägt, indem er etwa ein Medikament verordnet, fallen Kosten an. Das Medikament können Patienten sich über eine Versandapotheke nach Hause liefern lassen.

Portale wie das von "Dr. Ed" berufen sich auf eine EU-Richtlinie, wonach sich Patienten ihren Arzt europaweit selbst suchen dürfen, die sogenannte Patientenmobilitätsrichtlinie. Eckart Rolshoven hält Online-Sprechstunden für riskant. Es sei über eine Videoberatung nicht möglich, gefährliche Krankheitsverläufe zu erkennen und beispielsweise einen Husten von einer Lungenentzündung zu unterscheiden.

Nutzerin GirlyN schreibt jedenfalls wenige Tage später ins Forum, sie sei tatsächlich beim Arzt gewesen, der einen Tumor ausgeschlossen habe. Doch beruhigt ist sie nicht - und fragt erneut die anderen Nutzer, was ihr fehlen könnte.