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Das Risiko wird oft unterschätzt
Die Online-Sucht greift weiter um sich

Heranwachsende verbringen heute viel Zeit mit dem Smartphone. Sie können oftmals noch nicht selbst einschätzen, ab wann dieses Verhalten zur Sucht werden kann. Hier seien vor allem die Eltern gefragt, sagen Experten.
Heranwachsende verbringen heute viel Zeit mit dem Smartphone. Sie können oftmals noch nicht selbst einschätzen, ab wann dieses Verhalten zur Sucht werden kann. Hier seien vor allem die Eltern gefragt, sagen Experten. FOTO: dpa / Tobias Hase
Berlin. Jugendliche und junge Erwachsene sind besonders gefährdet, von Handy und sozialen Medien abhängig zu werden. Von Ulrike von Leszczynski (dpa)

Das Handy surrt und mit der Nachtruhe vieler Teenager in Deutschland ist es vorbei. Ganz dringend müssen sie dann noch nach Mitternacht eine Antwort tippen und ein Foto hochladen. Laut einer repräsentativen Studie der Krankenkasse DAK ist das nicht nur ein Albtraum-Szenario besorgter Helikopter-Eltern. Rund 100 000 Kinder und Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren haben sich der DAK zufolge bei ihren Ausflügen in die Online-Welt nicht mehr im Griff. Sie gelten als süchtig nach sozialen Medien.


Zum ersten Mal hätten Wissenschaftler für Deutschland einen genauen Blick auf die Auswirkungen geworfen, die Kurznachrichtendienste wie Whatsapp und soziale Netzwerke wie Facebook auf Jugendliche haben könnten, sagt Rainer Thomasius. Er ist Ärztlicher Leiter des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters in Hamburg. Soziale Medien sollten nicht grundsätzlich verteufelt werden, stellt der Forscher klar. Sie seien nützlich für die Identitätsentwicklung junger Menschen, wichtig auch für das Erproben von Kommunikation und Beziehungsgestaltung. Doch wie bei anderen Verlockungen im Internet gebe es Grenzen.

„Problematisch wird es, wenn die Balance zwischen der realen und digitalen Welt aus den Fugen gerät“, sagt DAK-Vorstandschef Andreas Storm. Was sich bei der Umfrage unter 1001 Jugendlichen herauskristallisiert hat, macht ihm ein wenig Angst. Ein Viertel der Teenager verbringt vier oder mehr Stunden pro Tag in sozialen Netzwerken. Ebenfalls jeder Vierte bekommt durch Chatten, Posten und Liken zu wenig Schlaf und riskiert obendrein Streit mit den Eltern.



2,6 Prozent der befragten Kinder und Jugendlichen können laut der Studie ihre Lust auf soziale Medien nicht mehr selbst steuern. Sie litten ohne ihr Handy unter regelrechten Entzugserscheinungen. Ein Drittel dieser als abhängig eingestuften Jugendlichen zeige Anzeichen einer Depression, ein Phänomen, das auch von anderen Internet-Süchten bekannt ist. „Wir haben jetzt die Chance gegenzusteuern“, sagt Storm. Es gelte zu verhindern, dass aus 2,6 Prozent der Teenager zehn Prozent würden.

„Ich finde 2,6 Prozent nicht dramatisch hoch“, sagt Dorothée Hefner, Kommunikationswissenschaftlerin an der Hochschule Hannover. Diese 2,6 Prozent seien aber natürlich in einer gefährlichen Situation. „Und über diese Zahl hinaus gibt es sicher Jugendliche, denen es nicht gut geht mit ihrer Nutzung von sozialen Medien“, ergänzt sie. Und auch für all jene, die nicht unter ständigem Chatten und Posten litten, bleibe die Frage, wie ein gesunder Umgang mit sozialen Medien aussehen könne.

Für Marlene Mortler, Drogenbeauftragte der Bundesregierung, sind feste Regeln wichtig. „Ich verdamme soziale Medien nicht“, betont auch sie. „Aber wir dürfen nicht nur über die Chancen, sondern müssen auch über Risiken reden.“ Deshalb gelte es für Eltern und auch für Schulen, bei der Medienerziehung Grundsätze aufzustellen. Für Mortler ist das auch eine Generationenfrage. „Eltern sind in hohem Maße orientierungslos“, so ihre Einschätzung.

Das liegt nicht nur daran, dass ihre Kinder ihnen bei der neuen Technik immer um eine Nasenlänge voraus sind. Soziale Medien locken natürlich auch Erwachsene – allerdings in weit geringerem Maß. Ab einem Alter von 30 Jahren gehe das Suchtpotential sozialer Medien zurück, sagt Rainer Thomasius. „Aber die ganze Gesellschaft muss sich fragen: Wie legen wir Normen für die Nutzung fest“, so Dorothée Hefner. Bei Eltern gebe es hohen Beratungsbedarf bei der Erziehung.

„Viele Eltern reden auch untereinander nicht darüber“, berichtet Hefner. Ihrer Meinung nach sollten etwa auf Elternabenden Richtlinien über die Smartphone-Nutzung der Kinder diskutiert werden. Am sinnvollsten sei es, gemeinsam mit dem Nachwuchs Regeln festzulegen und auf deren Einhaltung zu bestehen. Es gebe Apps, die das Nutzungsverhalten der Jugendlichen aufzeichneten, das könne als Diskussionsgrundlage dienen.

Doch es geht nicht nur um Verbote. In Hefners Untersuchungen spielten vertrauensvolle Beziehungen in der Familie eine große Rolle. „Je stärker die Bindungssicherheit der Kinder an ihre Eltern ist, desto weniger anfällig sind sie für eine problematische Nutzung ihrer Handys“, so ihre Einschätzung. Es gebe dennoch Punkte, an denen das Nutzungsverhalten grundsätzlich bedenklich werde. „Wenn das Leben außerhalb des Mobiltelefons nicht mehr als attraktiv und ausgefüllt erscheint, weil so ein starker Fokus auf dem Handy liegt“, sagt Hefner. In der DAK-Studie zeigten bereits fünf Prozent der befragten Teenager kein Interesse mehr an Hobbys und anderen Beschäftigungen, weil sie lieber online waren.

„Das Problem ist nicht, dass Teenager durch soziale Medien zu wenig mit ihren echten Freunden kommunizieren“, urteilt Hefner. Denn meist seien die ebenfalls online. „Aber sie sind von anderen Tätigkeiten abgelenkt.“ Ein Schlafdefizit sei ein echtes Problem. „Aber auch die ständigen Unterbrechungen, zum Beispiel der Gedankenfluss bei Hausaufgaben.“ Für Jugendliche sei es schwerer als für Erwachsene, sich nicht vom Handy ablenken zu lassen. „Sie lernen solche Abgrenzungsmechanismen ja gerade erst.“ Hefner empfiehlt, das Handy nachts nicht neben das Bett zu legen, so könne auch der Schlaf nicht gestört werden.