Die Lügenmärchen gekaufter Freunde

Saarbrücken · „Gefällt mir“-Angaben im Internet sind oft gefälscht. Halbseidene Unternehmen bieten „Freundschaften“ zum Kauf an.

 Nicht immer ist klar ersichtlich, wer wirklich hinter „Gefällt mir“-Angaben in sozialen Netzwerken steht. Viele der Likes sind schlicht gekauft. Foto: Fotolia

Nicht immer ist klar ersichtlich, wer wirklich hinter „Gefällt mir“-Angaben in sozialen Netzwerken steht. Viele der Likes sind schlicht gekauft. Foto: Fotolia

Foto: Fotolia

Freunde zu finden und beliebt zu sein ist leicht. Zumindest dann, wenn man online in sozialen Netzwerken unterwegs ist - und zusätzlich bereit, sich seine Fans zu kaufen. Keine echten Anhänger zwar, aber immerhin Likes. Die zeigen schließlich, dass man anderen gefällt. Wer viele Likes hat, denkt mancher Kunde automatisch, der muss gute Auswahl, gute Preise und gute Qualität haben. Kein Wunder, dass Unternehmen, die ihren Bekanntheitsgrad und ihr Ansehen in sozialen Netzwerken vergrößern wollen, bereit sind, für solches Lob zu bezahlen.

In Bangladesch, so berichtete der britische TV-Sender Channel 4, gebe es richtige "Klickfarmen", deren Mitarbeiter professionell gefälschte Benutzerkonten bei Facebook betreuten - jeder rund 1000 im Durchschnitt. Der Betreiber selbst verlange 15 Euro für 1000 Likes, die der Kunde dann innerhalb weniger Stunden zugespielt bekäme.

Doch auch in Deutschland gibt es diese Dienstleistung inzwischen: "Wir bieten Ihnen einen schnellen, preiswerten und bequemen Service, mit dem Sie die Zahl Ihrer Fans steigern können", wirbt ein Berliner Unternehmen auf seiner Homepage. "Wie das funktioniert? Bei uns können Sie ganz einfach Likes kaufen!" Und nicht nur das: Auch "Kommentare, Beitraglikes, Reposts und weitere" sind im Angebot. Bei den neuen Anhängern handle es sich wahlweise um deutsche oder internationale Fans von überall auf der Welt. Als "Bestseller" gilt nach Unternehmensangaben das "Paket" mit 222 deutschen Fans zum Preis von "einmalig nur 39 Euro". Preiswerter seien jedoch internationale Anhänger: 1000 gebe es schon für 29 Euro.

Die Werbung mit gekauften Likes ist wettbewerbswidrig, hat das Landgericht Stuttgart entschieden. Dennoch sei das Thema immer noch aktuell, erklärt Rechtsanwalt Moritz Braun aus der Kanzlei Schulenberg & Schenk in Hamburg, die auf gewerblichen Rechtsschutz spezialisiert ist und die Entscheidung erstritten hatte.

Ein junges Direktvertriebsunternehmen hatte damals innerhalb weniger Monate mehr als 14 500 Likes gesammelt. Ein Mitbewerber entdeckte jedoch, dass die meisten der Fans aus Indonesien, Indien und Brasilien stammten. In diesen Ländern war das Unternehmen aber gar nicht aktiv. Likes aus dem Ausland sollten den Eindruck erwecken, dass das jeweilige Unternehmen international bekannt und erfolgreich sei, erläutert Braun.

Das Konkurrenz-Unternehmen stellte daraufhin einen Antrag auf Erlass einer einstweiligen Verfügung. Mit Erfolg: Das Landgericht gab diesem statt und verbot der Firma, im geschäftlichen Verkehr mit gekauften Likes auf Facebook zu werben. Rechtliche Grundlage ist das Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb, wonach unwahre oder zur Täuschung geeignete Angaben als irreführende geschäftliche Handlungen verboten sind.

Mit einem Facebook-Like auf dem Profil eines Unternehmens bringt der jeweilige Nutzer zum Ausdruck, dass ihm das Unternehmen oder dessen Produkte gefallen. Gleichzeitig sorgt die Vernetzung der Facebook-Nutzer mit anderen Personen im Netzwerk dafür, dass das Unternehmen hierdurch weiter bekannt wird.

Gekaufte Facebook-Fans, die sich in Wahrheit gar nicht mit dem Unternehmen beschäftigt haben, sind aber nicht nur direkte Täuschungen der anderen Nutzer der sozialen Netzerwerke. "Das Unternehmen verschafft sich hierdurch im sozialen Netzwerk zudem einen unlauteren Reichweitenvorteil", so Moritz Braun.

Er glaubt jedoch, dass die Verbraucher heutzutage "stärker sensibilisiert" sind: "Wenn Sie ein junges Unternehmen finden, das bei seinem Facebook-Auftritt Tausende Fans hat, die überhaupt nicht aus Deutschland kommen, sollten Sie stutzig werden", rät er. Ein Verstoß gegen das Wettbewerbsrecht werde vor allem dann zum Thema, wenn das betroffene Unternehmen aktiv mit der großen Zahl seiner Anhänger werbe, sich also beispielsweise öffentlichkeitswirksam für die x-tausendste "Gefällt mir"-Angabe bedanke.

"Ich kann keinem Unternehmen empfehlen, Likes zu kaufen", so der Jurist. "Denn erstens kommt es heraus, weil sich Wettbewerber und Verbraucher die Internet-Auftritte genau anschauen, zweitens wird sich wohl auch die Rechtsprechung nicht ändern. Zudem droht ein erheblicher Imageschaden."

Auch andere Landgerichte, so ist er überzeugt, folgen dem Urteil aus Stuttgart, das die Hamburger Kanzlei damals erstritten hatte.

Einen Unterlassungsanspruch können übrigens nur echte Wettbewerber geltend machen. Verbraucher und sonstige Kunden, die sich darüber ärgern, dass ein Unternehmen mit gefälschten Likes wirbt, müssen Institutionen wie die Verbraucherzentralen einschalten oder Verbände, die in solchen Fällen klagebefugt sind.

Georg Tryba, Sprecher der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, ist skeptisch, ob es tatsächlich richtig sei, dass Kunden erst einmal die Likes der Firmen oder Produkte, für die sie sich interessieren, kontrollieren. "Das mag für Nutzer, die an technischen Spielereien interessiert sind, hilfreich sein", meint er, die meisten Menschen seien damit aber überfordert.

Der Ansatz müsse seiner Ansicht nach ein anderer sein: "Eigentlich sollte man sich viel mehr Gedanken darüber machen, ob die Zahl der Likes überhaupt eine wichtige Größe ist, von der ich mich beeindrucken lassen muss." In erster Linie gehe es um die grundsätzliche Frage, wie man mit Bewertungen im Internet umgehe. "Und da gibt es tausende Möglichkeiten, dass die Sache gefälscht ist oder dass Leute etwas bewerten, von dem sie keine Ahnung haben."