Die eingefrorene Zeit

Berlin · Heute vor fünf Jahren startete Googles Panorama-Dienst Street View in 20 deutschen Städten. Datenschützer schlugen damals Alarm, hunderttausende Haushalte ließen Gebäude verpixeln. Die Aufregung hat sich gelegt – doch wegen der Querelen hat Google den Dienst seit fünf Jahren nicht mehr aktualisiert.

Wer in Deutschland wissen will, wie seine Nachbarschaft vor fünf Jahren aussah, hat eine aufwendig gestaltete Gedächtnisstütze: Google Street View . Denn anders als in anderen Teilen der Welt ist hierzulande im digitalen Panorama-Dienst des Internet-Riesen die Zeit stehengeblieben. Seit dem Start in 20 großen Städten in Deutschland am 18. November 2010 ist Street View weder aktualisiert noch erweitert worden. Und die auf Antrag der Einwohner unkenntlich gemachten Gebäude bleiben bis auf weiteres verschwommen - denn unwiederbringlich verpixelt wurde in den Original-Aufnahmen.

Google macht deutlich, dass sich daran auch nichts ändern wird, solange die Einwohner weiterhin das von Datenschützern erkämpfte Recht haben, der Veröffentlichung von Bildern ihrer Wohnhäuser schon zu widersprechen, bevor die Aufnahmen überhaupt online gehen. "Solange dieser Punkt besteht, wird es keine neuen Aufnahmen von deutschen Straßen geben", so eine Sprecherin. Die Vorab-Verpixelung anhand gemeldeter Adressen habe nicht nur einen großen Aufwand für das Unternehmen bedeutet, sondern auch zu Fehlern geführt, die vermeidbar gewesen wären, argumentiert sie. Googles Kamerawagen seien zwar seitdem in Deutschland unterwegs gewesen - aber nur um herkömmlichen Stadtpläne zu aktualisieren, nicht den Street-View-Dienst.

Die Debatte um Street View kochte schon lange vor dem Deutschland-Start des Dienstes hoch. "Ich kann mir anhand von solchen Diensten anschauen, wo und wie jemand lebt, welche privaten Vorlieben er oder sie hat, wie seine Haustür gesichert ist oder welche Vorhänge an den Fenstern sind - und das ist noch das Wenigste", warnte schon Anfang 2010 die damalige Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU ). "Damit wird das Private ohne Schutzmöglichkeiten an die globale Öffentlichkeit gezerrt."

Auch der Bundesdatenschutzbeauftragte Peter Schaar witterte einen Einflussgewinn für den Internet-Riesen. "Google kann die Fotos von den Häusern, Straßen und Menschen mit anderen Infos verknüpfen", mahnte er im "Tagesspiegel". "Wie und wo man wohnt, kann Rückschlüsse auf die Einkommensverhältnisse zulassen."

Gestartet war Street View im Mai 2007 zunächst in den USA. Seit 2008 wurden Gesichter in den Aufnahmen automatisch unkenntlich gemacht. Vor Deutschland war der Dienst bereits unter anderem in Großbritannien verfügbar. Dort konnten Bürger ihre Häuser in den Ansichten nach der Veröffentlichung verfremden lassen. In Deutschland beantragten 244 000 Haushalte bereits im Vorfeld, ihre Wohnhäuser auf den Street-View-Aufnahmen unkenntlich zu machen. Google betonte, dies seien knapp drei Prozent der Haushalte gewesen - in Umfragen hatte sich zuvor zum Teil die Hälfte der Bürger gegen den Dienst ausgesprochen. Angaben dazu, wie viele ihre Häuser danach noch verpixeln ließen, gibt es nicht.

In den vergangenen Jahren fuhren auch andere Technologiefirmen wie Nokia oder Microsoft deutsche Straßen mit Kamerawagen ab, starteten aber keinen Street-View-Konkurrenten. Aktuell schickt Apple seine eigenen Kamera-Autos unter anderem nach Frankreich und Italien - für Deutschland gab es dafür aber bisher keine Ankündigung.

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