1. Leben
  2. Internet

Die digitale Welt ist vielen noch versperrt

Bitkom-Studie : Die digitale Welt ist vielen noch versperrt

Eine Studie im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom zeigt, dass vor allem ältere Menschen ihre Computer-Kompetenzen als mangelhaft einstufen. Aber auch Jüngere sehen bei sich Nachholbedarf.

Spätestens seit der Corona-Krise ist vielen Bürgern bewusst geworden, welche Bedeutung die Digitalisierung hat. Für Menschen im Homeoffice gehören digitaler Datenaustausch und Videokonferenzen längst zum beruflichen Alltag, andere nutzen die Online-Welt privat für Einkäufe, Bankgeschäfte und virtuelle Arztbesuche. Ganz zu schweigen von sozialen Netzwerken, Kamera-Anrufen und Messenger-Diensten, mit denen der Kontakt zu Freunden und Familienangehörigen aufrechterhalten wurde. Und die Einsatzmöglichkeiten sind längst noch nicht am Ende. Ganz im Gegenteil: Ständig ist von neuen Technologien die Rede.

Doch fast jeder dritte Bundesbürger, so die Initiative „Digital für alle“, könne dem nicht mehr folgen. Einem großen Teil falle es schwer, sich souverän und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen. Das habe eine repräsentative Studie mit 1000 Bundesbürgern ergeben, die das Marktforschungsunternehmen „Bitkom Research“ im Auftrag des Digitalverbandes Bitkom durchgeführt hat.

„Wie schützt man seine Daten im Internet? Welche Online-Quellen sind vertrauenswürdig? Was kann man tun, wenn das Smartphone einmal nicht so will wie man selbst? Fragen wie diese stellen viele Menschen noch immer vor unüberwindbare Hürden“, sagt Anna-Lena Hosenfeld, Expertin des Bündnisses „Digital für alle“. Zwar erklärte eine Dreiviertelmehrheit, technische Geräte wie Smartphone oder Computer bedienen und nutzen zu können, solange keine Fehler oder unerwartete Ereignisse auftreten, aber 23 Prozent beherrschen das nicht. Die Internetrecherche stellt viele ebenfalls vor Herausforderungen: Etwa ein Drittel scheitert daran; ebenso wie bei dem Versuch, Programme und Apps zu installieren. Und gar die Hälfte gab an, Fehlermeldungen und technische Probleme auf eigenen Geräten nicht selbst beheben zu können. Doch nicht nur bei dem technischen Wissen erreichen viele Nutzer ihre Grenzen, sondern auch bei Fragen zur Sicherheit. Laut Studie passen 39 Prozent nicht ihre Datenschutzeinstellungen individuell an, und knapp jeder Zweite traut sich nicht zu, eine Online-Quelle im Hinblick auf ihre Vertrauenswürdigkeit einzuschätzen.

„Das Ergebnis hat mich überhaupt nicht überrascht“, sagt Karin Bickelmann, Leiterin des Medienkompetenzzentrums der Landesmedienanstalt Saarland (LMS). Tatsächlich habe die Studie bestätigt, dass man immer am Ball bleiben müsse und es  wichtig sei, dass weiter Medienkompetenz vermittelt werde. Und das aus zwei Gründen: Man müsse nicht nur lernen, mit der fortschreitenden Technik umzugehen, „sondern wir müssen auch verstehen, was dahintersteckt und was wir alles mit unserem „Wischen“ und dem „Bestätigen“ freigeben und preisgeben.“

Das beziehe sich keinesfalls nur auf ältere Menschen, die das Internet erst im Erwachsenenalter kennengelernt haben. „Selbst wenn es irgendwann eine Generation gibt, die komplett mit dem Internet aufgewachsen ist, wird es weiter Probleme geben“, ist Bickelmann überzeugt. „Innerhalb der Generationen wird es dann einen Unterschied geben, ob man sich von den Medien benutzen und berieseln lässt oder ob man sie selbst mitgestaltet.“ Dies sei eine Bildungsfrage.

Das sieht auch die Initiative „Digital für alle“ so: „Die Digitalisierung bietet großartige Chancen, aber längst nicht alle können daran teilhaben“, sagt Anna-Lena Hosenfeld. „Unsere Studie zeigt, dass Unsicherheiten, Bedenken und auch Ängste in der Bevölkerung weit verbreitet sind.“ So verbinde jeder Vierte mit der Digitalisierung etwas Negatives, jeder Dritte sehe sie als Gefahr, und jeder Sechste stehe digitalen Technologien grundsätzlich negativ gegenüber. Auch wenn die deutliche Mehrheit keine Probleme sehe, darf man nach Ansicht Hosenfelds nicht zulassen, dass eine so große Gruppe von Menschen digital abgehängt wird. „Alle Menschen sollten in die Lage versetzt werden, sich souverän und sicher, selbstbewusst und selbstbestimmt in der digitalen Welt zu bewegen.“

Damit das gelingen kann, reicht es nach Ansicht von Karin Bickelmann nicht aus, Kurse anzubieten, um das Tablet oder Smartphone bedienen zu können. „Natürlich bringen wir den Teilnehmern bei, mit Technik umzugehen, aber es ist immer auch ein Stück Hintergrundwissen dabei, um ihr kritisches Bewusstsein zu schulen.“ Wie aktuell beim Thema Videokonferenzen: Dort lernt man nicht nur, wie man solche Termine selbst veranstaltet oder ihnen beitritt, sondern auch welche Programme geeignet sind. Etwa unter dem Aspekt, einen Anbieter zu wählen, der seinen Server nicht in den USA habe.

Der Wunsch nach Medienkompetenz sei bei älteren Menschen enorm, nach Ansicht der Medien-Expertin muss sie aber schon im Kindesalter vermittelt werden. „Wischkompetenz hat man heute schon mit zwei Jahren“, meint sie. „Aber die Frage ist doch: Was passiert, wenn ich weiterwische?“ Dann werden vielleicht Dinge vorgeschlagen, die man gar nicht möchte – einfach, weil es einen Algorithmus gebe.

Karin Bickelmann ist unterm Strich jedoch zuversichtlich, dass es gelingt,  Unsicherheiten beim Umgang mit dem Internet zu beseitigen und auch kritisch damit umzugehen. In den sozialen Netzwerken sei bereits eine Entwicklung erkennbar: „Als Facebook aufgekommen ist, hat kein Jugendlicher die Privatsphäre-Einstellungen genutzt“, blickt sie zurück. Damals seien die Medienexperten in Schulen gegangen, um diese individuellen Sicherheitsvorkehrungen zu zeigen. „Heute nutzt zwar von den Kindern keiner mehr Facebook“, sagt Bickelmann, „aber das Wissen ist bei den heutigen Eltern da.“ Und das könne man auch auf Instagram oder Snapchat übertragen.

Der Bedarf nach mehr Digitalkompetenz ist jedenfalls hoch. Laut Studie gaben sich selbst Jüngere zwischen 16 und 29 Jahren bei einer eigenen Beurteilung nur die Note „befriedigend“. Die über 65-Jährigen stuften ihre Digitalkompetenz gar als  „mangelhaft“ ein.