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Der Unterricht via Internet funktioniert noch nicht überall reibungslos

Wie klappt der Online-Unterricht? : Holpriger Start ins Online-Zeitalter für Schulen

Wenn nur über das Internet unterrichtet wird, stellt das viele Schulen in Deutschland vor große Herausforderungen.

() Etwa 32 500 Schulen in Deutschland sind zurzeit geschlossen, um die Verbreitung des Coronavirus einzudämmen. Das Internet soll nun dabei helfen, den Schulbetrieb aufrecht zu erhalten. Dafür ist Deutschland nur bedingt gerüstet. Es gibt aber auch positive Vorbilder.

Der Direktor der Freiherr-vom-Stein-Schule im hessischen Fulda, Ulf Brüdigam, kann zwar nicht auf eine große Online-Plattform aus einem Guss zurückgreifen. Doch die Kombination aus einer Online-Speicher-Lösung, einer sogenannten Cloud, der Lernplattform Moodle und den öffentlich zugänglichen Inhalten sorgt dafür, dass die Schüler nicht auf das Lernen verzichten müssen. „Wir bieten das auch als App für das Handy an, denn quasi alle Schüler verfügen über ein Smartphone.“ Beim Ansturm der ersten Tage waren die Download-Zeiten zwar länger als sonst, doch immerhin gingen die Anlaufstellen nicht in die Knie.

In Bayern dagegen wurde der Fernunterricht zeitweise komplett lahmgelegt. Nach Schließung der Schulen ächzte die landesweite Online-Plattform Mebis bereits unter der starken Nachfrage. Als dann noch Cyberkriminelle die Plattform angriffen, stand das System etliche Stunden lang still. Bayern gehört aber immerhin zu den Ländern, die überhaupt eine halbwegs funktionierende Online-Plattform haben. Allerdings ist Mebis nicht für einen flächendeckenden Ersatz von geschlossenen Schulen ausgelegt. Fachleute verweisen darauf, dass das System technisch inzwischen in die Jahre gekommen sei.

Viel schlechter dran sind die Schulen in Baden-Württemberg. Hier wurden schätzungsweise 20 Millionen Euro in den Aufbau der Lernplattform „ella“ versenkt. Wegen technischer Mängel wurde das System nicht in Betrieb genommen. Die Schulen im Südwesten müssen sich mit einer improvisierten Lernplattform herumschlagen, die in diesen Tagen nur schwer erreichbar ist.

Am Hasso-Plattner-Institut (HPI) in Potsdam sieht man in dem teilweise desolaten Zustand eine Chance. „Generell sind solche Krisenzeiten oft auch Zeiten, wo notgedrungen Innovationen vorankommen“, sagt Institutsdirektor Christoph Meinel. Das HPI, das der gemeinnützigen Stiftung des SAP-Mitbegründers Hasso Plattner gehört, hat mit der „Schul-Cloud“ eine moderne Lernplattform entwickelt, die auch für den eigenen Lern- und Lehrbetrieb („­openHPI“) verwendet wird.

Die Schul-Cloud des HPI war ursprünglich dafür entwickelt worden, den Unterricht mit interaktiven Medien und Lernmethoden zu bereichern. Die Cloud ermöglicht den Kindern, Hausaufgaben digital zu empfangen und einzureichen. Nun hat das HPI das Konzept aber erweitert, um einen Fernunterricht zu ermöglichen. „Das ist kein Eins-zu-Eins-Ersatz für den herkömmlichen Unterricht, aber inhaltlich kann man eine Menge machen.“ Die Kommunikation könne dabei in beide Richtungen laufen. Dabei würden auch die geltenden Datenschutzregeln eingehalten.

Thüringen, Brandenburg und Niedersachsen nutzen die Schul-Cloud bereits in Pilotprojekten, auch am Gymnasium Carolinum in Neustrelitz (Mecklenburg-Vorpommern). Dort kommuniziert Schulleiter Henry Tesch mit seinen Schülern auch über Instagram. Auf längere Sicht werde es nicht ausreichen, den Schülern über eine Lernplattform Aufgaben zu senden. Deshalb geht das Carolinum einen Schritt weiter. Für die zwölfte Klasse wurde die erste Online-Stunde im Fach Geschichte abgehalten in Form eines Online-Webinars, bei dem sich die rund 60 Teilnehmer wie im analogen Klassenzimmer melden konnten.

Aus Sicht von HPI-Chef Meinel ist es aber zunächst einmal die größte Herausforderung, die Schulen schnell anzuschließen, die noch nie mit der Cloud gearbeitet haben. „Meist fehlen da digitale Konzepte und das Grundwissen, wie digitale Lernsysteme im Unterricht sinnvoll genutzt werden können.“

Ein Vorbild könnte die Alemannenschule in der 7000-Einwohner-Gemeinde Wutöschingen im Landkreis Waldshut (Baden-Württemberg) sein, die im vergangenen Jahr mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde. Die Gemeinschaftsschule koppelte sich schon vor Jahren vom Wirrwarr der landeseigenen Ressourcen ab und setzt seit 2011 im Kampf um das eigene Überleben auf die selbst entwickelte „Digitale Lernplattform“ (DiLer), die wiederum auf der offenen Software Joomla aufsetzt. DiLer wird inzwischen auch anderen Schulen angeboten. Eine abgespeckte „Community Edition“ ohne Video-Chat-Funktion und technische Dienstleistung ist frei.

„Wir haben E-Learning äußerst konsequent und nachhaltig eingeführt“, sagt Dieter Umlauf, Oberstufenleiter der Alemannenschule. An seiner Schule verfügen alle Schüler über ein iPad. „Wir kommunizieren im geschützten Raum über DiLer. Hier nutzen wir Talkie zur Live-Kommunikation in Wort, Schrift und Bild, tauschen Materialien aus, und der Unterricht geht weiter.“

Zum Online-Konzept der Schule, die auf herkömmliche Klassenzimmer verzichtet, gehört aber nicht nur die reine Konnektivität. Es werden auch neue Konzepte wie das Challenge Based Learning praktiziert. Bei diesem Konzept werden Ziele formuliert, aber keine Lösungswege vorgegeben. „Die Schüler sind gefordert, sich selbst einzubringen und können sich so am ehesten mit ihren Fähigkeiten an der Lösung eines Problems beteiligen“, sagt Umlauf. Dieses Konzept funktioniert auch in Zeiten der Krise.

In Halle/Saale setzt man auf eine Kooperation mit dem Unternehmen Sofatutor, einem der führenden Anbieter im Online-Nachhilfemarkt. Über die Plattform von Sofatutor haben die Schüler Zugriff auf Lernvideos von der ersten bis zur zwölften Klasse, interaktive Übungen, Arbeitsblätter sowie einen Chat, über den sie Unterstützung erhalten. In der Kultusministerkonferenz der Bundesländer wurde dem Vernehmen nach schon darüber diskutiert, ob man das System nicht im größeren Stil einführen soll.

Auch in Rheinland-Pfalz müssen Schulen umdenken. Doch bereits vor der Schließung habe es Vorbereitungen gegeben, erklärt das Bildungsministerium auf Anfrage: „Von Grundschulen, die ihren Schülerinnen und Schülern Pakete packen über E-Mail-Verteiler bis hin zu weiterführenden Schulen, die über Plattformen wie Moodle arbeiten, erleben wir momentan alles und das ist sehr gut so.“ Bei Problemen erhielten die Schulen Hilfe durch die Schulaufsicht oder das Pädagogische Landesinstitut (PL).

Ähnlich sieht die Situation an saarländischen Schulen aus. Lehrer stellten laut Ministerium für Bildung und Kultur Lernmaterialien sowohl online als auch nicht digital zur Verfügung. Das Ministerium unterstütze die Schulen dabei mit der Lernplattform „Online Schule Saarland“, die in Zusammenarbeit mit dem Landesinstitut für Pädagogik und Medien (LPM) entwickelt und vor wenigen Tagen freigeschaltet wurde. Nach Angaben des Ministeriums gibt es auf der Plattform verschiedene Möglichkeiten für Lehrer und Schüler zur Kommunikation und zum Austausch von Unterrichtsmaterialien. Derzeit nutzten rund 260 Schulen das Angebot.

(dpa)