| 00:00 Uhr

Der Kuckuck ist ein Weltenbummler

Der Kuckuck gibt den Biologen Rätsel auf. Die Vögel absolvieren in jedem Jahr eine viele tausend Kilometer lange Reise zwischen Europa und Afrika. Wie sie dabei immer wieder an vertraute Plätze zurückfinden können, versuchen Biologen der Max-Planck-Gesellschaft zu erkunden. Nico Pointner

Radolfzell. Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell sind auf Verfolgungsjagd. Sie spüren einem Lebewesen nach, das umso rätselhafter erscheint, je mehr man darüber erfährt. Die Biologen des Max-Planck-Instituts verfolgen den Kuckuck. Er bringt das Kunststück fertig, bei seinen tausende Kilometer langen Wanderungen über die Kontinente mit beinahe schlafwandlerischer Sicherheit ans Ziel zu finden.

Nach Satelliten- und Computeranalysen sind die Forscher um Professor Martin Wikelski überzeugt, dass Kuckucke nicht nur einen angeborenen Kompass besitzen. Sie müssen bei ihren Langstreckenflügen auch andere Orientierungshilfen nutzen. Gemeinsam mit Forschern aus Dänemark, den Niederlanden, Schweden und den USA hat Wikelski die Routen von Kuckucken aus Dänemark und Südschweden verfolgt.

Die Tiere erhielten dafür fünf Gramm schwere Minisender auf den Rücken geschnallt, die alle zwei Tage Positionsmeldungen an acht Satelliten des Ortungssystems Argos sandten, die die Erde in 850 Kilometern Höhe umkreisen.

Von den acht mit Sendern ausgestatteten Tieren seien drei im folgenden Jahr in ihre Heimatregion zurückgekommen, zwei von ihnen sogar genau an den Ort, wo sie gefangen worden waren. Die skandinavischen Kuckucke brechen im Herbst zur Reise in ihre Überwinterungsgebiete auf. Sie führt sie über mehrere Zwischenstopps 7100 Kilometer weit nach Zentralafrika . Dabei überqueren die Tiere im September die Sahara im Grenzgebiet zwischen Libyen und Ägypten. Aus ihrem Winterquartier im südwestlichen Zentralafrika machen sich die Vögel im Februar auf einen 9100 Kilometer langen Heimflug und kommen nach mehreren Zwischenstopps im Mai wieder in ihren Brutgebieten an - mehr als zehn Monate nach ihrem Start. Keine zwei Monate später bereiten sie sich schon wieder auf den nächsten Rundflug vor.

Der Flug der Kuckucke, so die Biologen des Max-Planck-Instituts, ist präzise auf Nahrungs- und Brutbedingungen auf der Strecke abgestimmt. Die Ankunftstermine in ihren Heimatregionen müssen außerdem mit dem Brutverhalten ihrer Wirtsvögel zusammenpassen: Je nördlicher sie liegen, desto später brüten die potenziellen Stiefeltern ihrer Küken. Kuckucke aus verschiedenen Regionen fliegen deshalb zu unterschiedlichen Zeiten auf verschiedenen Routen. Sie fliegen außerdem nicht im Schwarm und praktisch im Blindflug, weil sie meist nachts unterwegs sind. Weil außerdem die Altvögel und die Jungtieren nicht gemeinsam auf die Reise gehen, kann sich der Nachwuchs nicht an den Routiniers orientieren.

Trotzdem brachten die von den Forschern mit Sendern ausgerüsteten Vögel das Kunststück fertig, nach einer 5000 Kilometer langen Etappe innerhalb eines 160 Kilometer messenden Zielkreises zu landen. Die Biologen gehen nach der Datenanalyse davon aus, dass die Vögel einem angeborenen Flugprogramm folgen, das Richtung und Entfernung ihrer Reise vorgibt. Allerdings, das zeigten Computersimulationen, wäre dieser Autopilot bei der Orientierung auf so großen Distanzen viel zu ungenau.

Kuckucke berücksichtigten offenbar zusätzliche Informationen aus ihrer Umgebung wie Winde, Gerüche oder Strukturen der Landschaft. Wie sich allerdings Jungtiere bei ihrem ersten Flug orientieren, ist immer noch ebenso rätselhaft, wie es nicht geklärt ist, wie es den Tieren gelingt, sich später so genau an ihren Flugplan zu erinnern. Antworten auf diese Fragen könnte das neue Forschungsprogramm Icarus geben, das es in einigen Monaten von der Internationalen Raumstation aus möglich machen soll, weltweit den Zug von 10 000 Tieren mit tausendfach höherer Genauigkeit als bisher zu verfolgen, so das Max-Planck-Institut.