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Der große Traum vom Geben und Nehmen

Saarbrücken. Ob Hose, Auto oder Rasenmäher: Betrieben von Enthusiasten, bieten spezielle „Shareconomy“-Portale die Möglichkeit, über das Internet Alltagsgegenstände aller Art mit anderen Menschen zu teilen. Eva Lippold

"Es ist 2014 und man kann Kleider nur kaufen." Unglaublich finden das Pola Fendel und Thekla Wilkening. Seit ihrer Schulzeit tauschen die beiden ihre Kleider, mittlerweile betreiben die Studentinnen aus Hamburg den Kleidertausch professionell. In der Kleiderei, einer Art Bücherei für Klamotten, können ihre Kunden für eine Monatsgebühr Kleidungsstücke ausleihen. Wegen der großen Nachfrage wollen Fendel und Wilkening nun mit ihrem Projekt online gehen.

"Bevor wir gestartet sind, haben alle gesagt: Das funktioniert doch nie, die Leute wollen die Kleider, die ihnen gefallen, auch besitzen." Doch ihre Erfahrungen bewiesen das Gegenteil. "Theoretisch könnten die Kunden ein Kleidungsstück immer weiter verlängern, also praktisch für immer behalten. Aber das macht niemand", berichtet Fendel. Nun suchen die beiden im Netz nach finanziellen Unterstützern für ihr Online-Projekt.

Immer mehr Menschen teilen und tauschen lieber, anstatt zu kaufen. Über drei Millionen Menschen haben im vorigen Jahr weltweit über die Internetplattform Airbnb, auf der Privatpersonen ihre Unterkunft vermieten können, eine Bleibe gebucht. 750 000 Menschen in Deutschland leihen sich lieber ein Auto via Carsharing, anstatt selbst eines zu besitzen. Mit der Online-Plattform Foodsharing können Menschen Lebensmittel teilen, immer mehr Onlineanbieter verleihen auch kleinere Gebrauchsgegenstände. "Warum soll ich mir eine Bohrmaschine anschaffen, wenn ich sie nur einmal im Jahr benutze?", fragt Andreas Arnold. Über die Plattform Lifethek verleiht er tageweise Bollerwägen, Fahrradanhänger oder Rasenmäher. "Teilen passt einfach besser zu unserer flexiblen Lebensweise. In Zukunft wird es wichtiger sein, Zugang zu den Dingen zu haben, als sie zu besitzen", glaubt Arnold.

"Unser Konsumverhalten wird sich über kurz oder lang radikal verändern", meint auch Thomas Dönnebrink. Er ist einer der Vordenker der sogenannten Shareconomy, ein Begriff, der eine Form gemeinschaftlichen Wirtschaftens und Konsumierens zusammenfasst. Mit dem Netzwerk Ouishare, das vor zwei Jahren in Paris gegründet wurde, möchte er die Idee des Teilens auch in Deutschland fester verankern. Mein Haus, mein Auto, meine Yacht - das war einmal, glaubt Dönnebrink. Besonders jungen Menschen sind Statussymbole ihm zufolge nicht wichtig. "Da findet ein Wertewandel statt. Früher war es ein Ausdruck von Stärke, wenn man die Wand voller Hirschgeweihe hatte, heute hat sich das komplett umgekehrt. Wir lernen, wenn auch langsam, dass wir nicht ewig so weitermachen können."

Auch Pola Fendel und Thekla Wilkening möchten mit ihrer Kleiderei die Menschen zum Umdenken anregen: "Wir wollen nicht die Welt retten, aber wir wollen den Leuten schon sagen: Kauft weniger." Die breite Masse erreiche man über das Thema Nachhaltigkeit allerdings nicht, glaubt Andreas Arnold von der Lifethek. Die meisten lassen sich nur durch finanzielle Anreize vom Wert des Teilens überzeugen, glaubt auch Shareconomy-Experte Dönnebrink. "Dass die Leute dadurch mehr verdienen oder Geld sparen - das ist die Eintrittskarte."

Der Boom des Teilens macht auch vor den Produktionsprozessen nicht halt. Bei sogenannten Open-Source-Projekten kann sich mittlerweile die ganze Internetgemeinde an der Entwicklung einzelner Produkte wie dem Wikispeed-Auto oder dem Phonebloks-Handy beteiligen. "Monopolisten oder staatliche Institutionen kann man mit diesen neuen Möglichkeiten leicht umschiffen. Davor kann auch die Wirtschaft die Augen nicht mehr verschließen", meint Thomas Dönnebrink.