Der gläserne Verbraucher

Der gläserne Verbraucher

Anhand der Daten, die jeder Nutzer heute im Internet hinterlässt, versuchen Konzerne Prognosen über ihr künftiges Konsumverhalten zu treffen. Der Informatik-Professor Rüdiger Grimm der Uni Koblenz fordert besseren Schutz für die Verbraucher.

Maßgeschneiderte Werbung, die bei der Google-Suche oder in Werbung auf Facebook eingeblendet wird, sind ein alter Hut. Die Internet-Konzerne lesen die Suchverläufe, Kurznachrichten oder Emails aus und schalten dazu passende Angebote. Wer nach Spielzeug für Kinder sucht, wird dann schnell Anzeigen von Lego oder anderen Herstellern eingeblendet bekommen. Konzerne wie Google verfolgen dabei noch einen weiteren Hintergedanken: Sie interessiert nicht nur das Hier und Jetzt. Sie versuchen, das zukünftige Leben der Verbraucher vorherzusagen.

Anwender hinterlassen im Internet ihre digitalen Spuren. Wie viel Geld geben sie monatlich aus? An welche Orte reisen sie? Welche Videos schauen sie sich an? Welche Musik hören sie? Die Konzerne tragen diese Informationen in Datenbanken zusammen. Spezielle Programme berechnen aus der Vielzahl an Informationen, wie die Konsumenten von morgen ticken könnten.

"Aufgrund der Daten werden Prognosen über Bürger getroffen." So lautet der Befund von Rüdiger Grimm, Professor für IT-Sicherheit an der Uni Koblenz. Er beobachtet die Entwicklung des Internets seit dessen Anfängen Ende der 1980er Jahre. Aktuell ist er als wissenschaftlicher Berater am Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie in Darmstadt tätig.

Grimm macht den Nutzern keinen Vorwurf. "Beim Datenschutz sind die Verbraucher auf sich allein gestellt", so der Wissenschaftler. Viele überfordere schlicht die Fülle der Einstellungen bei Google oder Facebook . Auch würden sie unzureichend informiert, wo Daten über sie erhoben werden.

"Die Masse der Daten aller macht es den Konzernen möglich, Vorhersagen über unser zukünftiges Verhalten zu treffen", erklärt Grimm. Wie die Konzerne diese Werte berechnen, legen sie so gut wie nie offen. Der Verkauf der Ergebnisse an Unternehmen sei jedenfalls eine Goldgrube.

Die Berechnungen der Unternehmen nehmen entscheidend Einfluss auf das Leben der Verbraucher, erklärt Grimm. Sie prognostizierten, ob die jeweiligen Nutzer in Zukunft kreditwürdig sind und welche Produkte ihnen angeboten werden. Ganze vorne mischen Google und Facebook mit. "Google bietet Anwendern nicht nur eine Suchmaschine, Youtube und ein Mail-Programm an, sondern verkauft seine Prognosen an Unternehmen weiter", sagt Grimm. Der Wissenschaftler fordert mehr Verbraucher-Schutz. "Bis heute greifen Google oder Facebook weitflächig Daten ab, ohne exakt darauf hinzuweisen, was damit geschieht", sagt er. Um der ungezügelten Datensammelei einen Riegel vorzuschieben, fordert er, Netzwerke einzurichten, die den Datenverkehr anonym ablaufen lassen. Anfragen an Seiten sollen über mehrere Zwischenstationen verschlüsselt werden. Diese leiten die Daten dann weiter. "Damit bleibt der Nutzer gegenüber Seitenbetreibern unerkannt", so Grimm.

Einstweilen rät der Informatik-Professor Verbrauchern, mit ihren Daten sparsam umzugehen. Also nicht jeder Anwendung zu erlauben, auf Adressbücher zuzugreifen oder Google einzuräumen, es dürfe die Videovorlieben des Zuschauers auf Youtube auswerten. In Zukunft sollten Nutzer von Datenschutzaufgaben entbunden werden, schlägt der Wissenschaftler vor. Vielmehr müssten die Entwickler Programme so entwerfen, dass diese nur auf jene Nutzer-Daten zugreifen, die sie tatsächlich benötigen.

Mehr von Saarbrücker Zeitung