Der fahrende Flügel

Mit einem am Flugzeugflügel orientierten Konzept versuchte der Ingenieur Karl Schlör in den 1930er Jahren eine stromlinienförmige Autokarosserie zu bauen. Das Schlörmobil hatte einen sensationellen Luftwiderstandswert. Doch bei Seitenwind war es praktisch nicht zu beherrschen.

 Der vor 75 Jahren entwickelten Göttinger Ingenieure diese Autokarosserie, die vom Profil eines Flugzeugflügels abgeleitet ist. Der nach seinem Konstrukteur benannte Schlörwagen hatte einen rekordverdächtigen Luftwiderstandsbeiwert von 0,15.

Der vor 75 Jahren entwickelten Göttinger Ingenieure diese Autokarosserie, die vom Profil eines Flugzeugflügels abgeleitet ist. Der nach seinem Konstrukteur benannte Schlörwagen hatte einen rekordverdächtigen Luftwiderstandsbeiwert von 0,15.

Göttingen . Sparen, sparen, sparen lautet die Devise im Automobilbau. Mit immer ausgeklügelteren Verfahren versuchen die Ingenieure , den Verbrauch unter die Ein-Liter-Grenze zu zwingen. Für die schmalbrüstigen Automobilchen, in denen die Passagiere hintereinander sitzen müssen, damit der Luftwiderstand so gering wie möglich bleibt, wird alles aufgeboten, was die Technik hergibt.

Wie viel Widerstand die Stirnfläche eines Autos der Luft bietet, wird durch den sogenannten cW-Koeffizienten ausgedrückt. Werte unter 0,2 gelten als sehr gut, die besten Prototypen erreichen heute Werte um 0,18. Doch das war schon einmal deutlich besser. Vor 75 Jahren stellten Strömungsforscher der Aerodynamischen Versuchsanstalt Göttingen (AVA) ein Auto vor, das einen cW-Wert von 0,15 erreichte, berichtet das Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR ), der Nachfolger der AVA. Der sogenannte Schlörwagen, benannt nach seinem Entwickler Karl Schlör (1910-1997), war ein Experimentalauto, das im Gegensatz zu modernen Fahrzeugen, wie zum Beispiel dem VW XL 1, nicht nur zwei, sondern sieben Personen Platz bot. Dafür sei der Verbrauch mit rund acht Litern auf 100 Kilometern allerdings auch deutlich höher gewesen, so die DLR .

Die Form des Fahrzeugs ähnelte einem halben Tropfen, was dem Auto den Spitznamen "Göttinger Ei" eintrug. Im englischen Sprachraum wird es weniger charmant wegen gewisser Ähnlichkeiten mit einer Assel auch als "Pill bug" bezeichnet. Im Grunde sei der Schlörwagen allerdings "ein Flügel auf Rädern" gewesen, erklärt Professor Andreas Dillmann, Leiter des DLR-Instituts für Aerodynamik und Strömungstechnik. Er stand auf dem Fahrgestell eines Mittelklassemodells von Mercedes (170 H), so Jens Wucherpfennig vom DLR . Die Karosserie sei jedoch eine komplette Neuentwicklung gewesen. Um ihre aerodynamischen Eigenschaften so günstig wie möglich zu halten, sei sie auf 2,10 Meter verbreitert worden, so dass die Räder in der Karosserie verschwanden.

40 Prozent Ersparnis

 Im Sparmobil von Karl Schlör hätten sieben Personen Platz gefunden. Fotos: DLR(2)/VW

Im Sparmobil von Karl Schlör hätten sieben Personen Platz gefunden. Fotos: DLR(2)/VW

Der Boden des Autos war geschlossen, die Fenster schlossen bündig mit der Außenhaut ab. Trotz seiner Aluminium-Karosserie sei der Wagen allerdings 250 Kilogramm schwerer als der Serien-Mercedes gewesen. Auf einer Autobahn bei Göttingen habe das Auto 1939 eine Reihe von Testfahrten absolviert. Während der Serienwagen dort 105 Kilometer pro Stunde erreichte, sei Schlörs Stromlinienflitzer 136 Kilometer pro Stunde schnell gewesen. Der Verbrauch habe im Vergleich zum Serienmodell bis zu 40 Prozent niedriger gelegen.

Im Jahr 1939 wurde der Schlörwagen das erste und einzige Mal bei einer Autoausstellung in Berlin gezeigt. Dass er niemals in Serie ging, habe allerdings nicht nur am Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gelegen, so das DLR . Den geringen cW-Wert habe sich sein Konstrukteur damals um den Preis extremer Seitenwindempfindlichkeit erkauft. Das Auto sei eine Herausforderung für jeden Fahrer gewesen und sei bei starkem Wind praktisch nicht zu beherrschen gewesen, so Dillmann.

Den Krieg überstand die Karosserie schwer beschädigt in einem abbruchreifen Gebäude. Nach 1948 verliert sich ihre Spur. Ein nach Originalzeichnungen des DLR-Archivs gefertigtes verkleinertes Modell wird nun im Museum PS.Speicher in Einbeck gezeigt, so das DLR . Das im Juli eröffnete Museum einer gemeinnützigen Kulturstiftung ist der Technik der Fortbewegung gewidmet.

ps-speicher.de

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