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Datensammelwut bei Facebook
Denn sie wissen genau, was wir tun

Dass Facebook Daten seiner Nutzer sammelt, ist klar. Wie viele Informationen das soziale Netzwerk aber wirklich über jeden Kontoinhaber speichert, zeigt sich im Daten-Archiv. Dort können sogar Festnetz-Nummern von Personen gelagert sein, die nie auf Facebook angemeldet waren.
Dass Facebook Daten seiner Nutzer sammelt, ist klar. Wie viele Informationen das soziale Netzwerk aber wirklich über jeden Kontoinhaber speichert, zeigt sich im Daten-Archiv. Dort können sogar Festnetz-Nummern von Personen gelagert sein, die nie auf Facebook angemeldet waren. FOTO: dpa / Oliver Berg
Saarbrücken/Weingarten. Ein Selbstversuch auf Facebook zeigt: Das soziale Netzwerk speichert sogar Daten ohne jeglichen Bezug zum Internet. Von Katja Sponholz

Die aktuelle Diskussion um den Facebook-Datenskandal und die britische Firma Cambridge Analytica hat die 21-jährige Nelly Schlüchtermann bislang relativ gelassen verfolgt. Seit dreieinhalb Jahren ist sie bei dem sozialen Netzwerk angemeldet und hat sich über Datenschutz nie großartig Gedanken gemacht. „Ich habe mir immer gedacht, was soll es denen bringen, wenn sie irgendetwas über mich wissen? Die können meine Daten gerne haben!“ Doch seit zwei Tagen denkt sie anders. Da hat die Studentin aus Weingarten das erste Mal einen Einblick in ihr persönliches Facebook-Archiv genommen. Ihre Bilanz: „Erschreckend!“


Es sind nur wenige Schritte erforderlich, um den digitalen Ordner mit seinen privaten Daten herunterladen zu können. Dazu müssen Nutzer oben in der Kopfleiste auf den Pfeil rechts neben dem Fragezeichen gehen und „Einstellungen“ anklicken. Unter „Allgemeine Kontoeinstellungen“ findet man den Hinweis: „Lade deine Kopie deiner Facebook-Daten herunter!“ Danach gilt es zu warten, bis der Link zum Download der Daten im E-Mail-Eingang auftaucht. Je nach Datenmenge kann das eine halbe Stunde dauern.



Bei Nelly Schlüchtermann dauerte es nur drei Minuten. „Es ist schon komisch, zu erfahren, was die von einem kennen. Man sagt zwar immer, die wissen eh alles, aber wenn man das dann schwarz auf weiß sieht, ist es doch noch einmal anders.“ Zumal das Ergebnis des Downloads in einigen Punkten völlig anders ausfiel, als die Studentin es erwartet hatte. Nach und nach arbeitete sie ihr Profil, Kontakte, Chronik, Fotos und Videos ab. Erschreckend seien vor allem die Kontaktinformationen gewesen. Denn da waren keinesfalls nur die 321 aktuellen Facebook-Freunde gespeichert, sondern auch Namen mit Telefonnummern und E-Mail-Adressen von Menschen, die zum Teil gar kein Facebook haben. „Erst dachte ich, es hänge mit meinen Kontakten über WhatsApp zusammen, weil der Kurznachrichtendienst ja auch zu den Zuckerberg-Unternehmen gehört“, sagt sie. Doch dann habe sie festgestellt, dass selbst Festnetz-Nummern in ihrem Archiv aufgelistet waren.

Selbst Kontaktdaten von Bekannten, die sie längst gelöscht hatte, tauchten in der Liste auf. Und sogar die Telefonnummer aus einem Krankenhaus, die ihr inzwischen verstorbener Großvater hatte, als er vor längerer Zeit in der Klinik war. Erklären kann sich die Facebook-Nutzerin das nicht wirklich. Denn eigentlich habe sie immer, wenn auf ihrem Handy die Nachfrage kam: „Darf Facebook auf deine Kontakte zugreifen?“ mit „Nein“ geantwortet.

Auch andere Erkenntnisse waren für die 21-Jährige überraschend. Zum Beispiel, dass bei ihren Kontakten nicht nur stand, mit wem sie seit wann befreundet ist, sondern auch noch aufgelistet ist, welche Freundschaftsanfragen sie jemals seit ihrem ersten Tag auf Facebook am 2. August 2014 abgelehnt hatte. Selbst gelöschte Freunde seien noch gespeichert gewesen. Und auch, wann sie wo Fotos gemacht und mit welchem Rechner und welcher IP-Adresse sie sich jeweils an- und abgemeldet hat. Auch jeder einzelne Chat im Messenger, laut Facebook 136 private Unterhaltungen, war mit allen Dialogen komplett erhalten. Ganz gleich, ob sie vorher bereits gelöscht worden waren.

Der Selbstversuch hat die künftige Lehrerin nachdenklich gemacht. „Es ist ein komisches Gefühl, die Bestätigung zu haben, dass Facebook wirklich alles von mir weiß. Da frage ich mich schon, was passiert mit meinen Daten und auch denen meiner Freunde?“ Nelly Schlüchtermann hat Konsequenzen gezogen. Als erstes hat sie ihre Handy-Nummer auf Facebook gelöscht, von der sie gar nicht wusste, dass sie hier überhaupt gespeichert und sichtbar war. Danach habe sie ihre Privatsphären-Einstellung überprüft und dahingehend geändert, dass ihr Profil nicht mehr öffentlich ist, sondern nur von Freunden gesehen werden kann.

Was bleibt, ist die Sorge, wie es passieren konnte, dass Facebook Zugriff auf ihre Handy-Kontaktdaten hatte. „Die könnten jetzt alles Mögliche damit anstellen, und die jeweiligen Personen wissen das gar nicht.“ Umgekehrt kann das genauso passieren. Mitunter sind dafür Facebook-Apps, kleine Programme wie Spiele, Umfragen oder Tests, verantwortlich. „Wenn einer Ihrer Freunde Apps auf Facebook nutzt, gibt er Dritten möglicherweise Zugriff auf Ihre Daten, weil Sie befreundet sind“, warnt Social-Media-Experte Hauke Mormann von der Verbraucherzentrale Nordrhein- Westfalen.

In den Facebook-Einstellungen können Nutzer verbieten, dass Apps die Facebook-Daten auslesen und nutzen dürfen. Dazu klickt man bei „Von anderen Personen verwendete Apps“ auf „Bearbeiten“ und entfernt sämtliche aktiven Haken. Die Verbraucherzentrale erklärt auch, was passieren kann, wenn man das nicht macht: Beispielsweise nutzt einer der Facebook-Freunde den Facebook-Login auf irgendeiner Internetseite und erlaubt dafür einer App im sozialen Netzwerk, auf sein Profil zuzugreifen. Diese Infos werden an die Betreiber der App gesendet. Gleichzeitig will diese App möglicherweise auch auf Infos der Freunde des Nutzers zugreifen. „Facebook hat hinter dieser Möglichkeit von vorne herein einen Haken gesetzt. Dieser sollte unbedingt entfernt werden“, rät der Internet-Experte. Denn: „Der Skandal um Facebook und Cambridge Analytica legt nahe, dass auf diese Weise erhaltene Daten dazu eingesetzt werden können, um Sie in Ihren Entscheidungen zu beeinflussen und sogar Wahlen zu manipulieren“, so Mormann.

Wer nun seine Facebook-Mitgliedschaft beenden will, muss auf https://www.facebook.com/help/delete_account sein Profil löschen. „Es ist aber unklar, ob all Ihre Daten auch wirklich unwiderruflich von den Facebook-Servern gelöscht werden“, sagt Mormann.

Nelly Schlüchtermann will diesen Schnitt allerdings nicht vollziehen. Für sie überwiegen die Vorteile. „Ich werde bei Facebook bleiben“, sagt sie. „Aber ich werde überprüfen, wie ich meine Einstellungen so ändern kann, dass künftig kein Zugriff mehr auf meine Handy-Kontakte möglich ist.“