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Das Internet wird zur Suchtmaschine

 Online-Computerspiele können zu Abhängigkeit führen, warnen Psychologen. Foto: Seidel/dpa
Online-Computerspiele können zu Abhängigkeit führen, warnen Psychologen. Foto: Seidel/dpa FOTO: Seidel/dpa
Berlin. Hunderttausende Menschen sind süchtig nach Apps, Online-Shopping oder Internet-Spielen. Schon Kleinkinder nutzen Smartphones. Doch welche Möglichkeiten gibt es, um der wachsenden Internetsucht zu begegnen? dpa-Mitarbeiter David Fischer

Von Smartphones , Tablets oder Computern geht eine hohe Suchtgefahr aus. "Den digitalen Reizen zu widerstehen, fällt vielen Menschen in unserem Land schwer", erklärte die Drogenbeauftragte der Bundesregierung Marlene Mortler (CSU ) bei einer Konferenz zu Internet- und Computerspielabhängigkeit in Berlin . Zwischen 500 000 und 600 000 Menschen in Deutschland seien von Online-Angeboten abhängig. Das Problem sei verbreiteter als Cannabis- oder Medikamentensucht, sagte der Psychologe Florian Rehbein vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen.


Vor allem unter den Jüngsten entwickelt sich die Internetsucht rasant: Die Zahl der Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren, die nicht mehr ohne Internet auskommen können, habe sich nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) seit 2011 fast verdoppelt, sagte Mortler. Bedenklich sei auch, dass bereits 70 Prozent der Zwei- bis Fünfjährigen Smartphones benutzen. "Das ist problematisch, denn Kinder müssen in diesem Alter lernen, sich in der realen Welt zurechtzufinden", sagte die Drogenbeauftragte Mortler. Sie mahnte zu einer "gesunden Online-Offline-Balance".

Damit Kinder nicht internetsüchtig werden, sollten sich Eltern regelmäßig nach deren Medienkonsum erkundigen. "Das Wichtigste ist, darüber zu sprechen", sagt Oberärztin Susanne Pechler vom Isar Amper Klinikum München-Ost. Auch verbindliche Regeln könnten helfen, etwa, dass das Smartphone oder der Tablet-PC beim Abendessen nicht auf den Tisch kommen. "Dann müssen sich aber auch alle Familienmitglieder daran halten", sagt Pechler.



Wenig hilfreich sei hingegen, die Verbindung zum Internet einfach zu kappen. "Das erzeugt nur Widerstand", sagt Pechler. Bei jüngeren Kindern könnten Eltern auch eine Zeit vorgeben, in der der Nachwuchs mit den Geräten spielen darf.

Zeitschaltuhren seien eine weitere Möglichkeit, um die Internetnutzung unter Kontrolle zu bringen, sagt Bert te Wildt, Oberarzt der Ambulanz der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapie des Universitätsklinikums Bochum. Diese Taktik könne durchaus auch bei Erwachsenen helfen. "Wichtig ist, dass man Regeln aufstellt, sie einhält und dokumentiert."

Als häufigste Ursache für Internetsucht bei Jugendlichen bezeichnet te Wildt Online-Spiele. Ein besonders hohes Suchtpotential haben ihm zufolge Rollen- und Strategiespiele. Dabei könnten sich die Spieler leicht in den "unendlich großen Weiten des Internets verlieren", so te Wildt.

Ein Forscher der Arbeitsgruppe des Drogen- und Suchtrates appellierte zudem an die Verantwortung von Lehrern. In Schulen müssten gefährdete Kinder und Jugendliche früh betreut werden, um sicherzugehen, dass sie nicht in eine Sucht hineinrutschen, sagte Hans-Jürgen Rumpf von der Deutschen Gesellschaft für Suchtforschung und Suchttherapie. Studien zufolge leidet jeder hundertste Jugendlichen unter Internetabhängigkeit.

Wer testen möchte, ob er gefährdet ist, kann die Internetseite des Online-Ambulanz-Service für Internetsüchtige ("Oasis ") der nutzen. Das Projekt steht unter der Leitung von Professor Bert te Wildt. Betroffene finden dort auch Hilfe. Im Mittelpunkt des Programms stehen psychologische Tests und zwei 50-minütige Sprechstunden-Termine, die via Webcam abgehalten werden. onlinesucht-ambulanz.de