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Technologie im Alltag
So krempelt das Internet unser Leben um

Saarbrücken. Vom Brief bis zum Bargeld – in den kommenden Jahren werden technische Hilfsmittel unsere Gewohnheiten komplett verändern. Von Jakob Kulick

Das Auto nach Hause steuern, den Briefkasten leeren, mit dem Schlüssel die Haustür öffnen und in der Wohnung angekommen per Hand die Heizung aufdrehen. Was heute für viele der völlig alltägliche Gang der Dinge ist, könnte schon in wenigen Jahren ganz anders ablaufen. Umfragen und Analysen versprechen eine Zukunft, in der technische Hilfsmittel heutige Gewohnheiten vergessen machen.


Autofahren: Die Deutschen lieben nicht nur ihre Autos, sie lieben es auch, diese selbst zu steuern – bisher. Denn drei Viertel der Bundesbürger sind laut einer Umfrage des TÜV Rheinland bereit, die Kontrolle über ihre Karossen einem Computer zu überlassen. Nur etwa jeder Zehnte lehne das autonome Fahren grundsätzlich ab. Zwei Drittel der Befragten fänden jedoch die Schuld- und Haftungsfrage bei Unfällen problematisch und 60 Prozent fürchteten, die Sicherheit könne beim autonomen Fahren zu kurz kommen. Eben so viele äußerten ethische Bedenken: Wie soll sich das Auto bei einem unvermeidlichen Unfall verhalten? Aber alle diese Vorbehalte änderten nichts an der grundsätzlichen Zustimmung zur neuen Technologie – und die sei in der jüngeren Generation besonders ausgeprägt. 86 Prozent der 18- bis 29-Jährigen können sich laut TÜV Rheinland vorstellen, sich von ihrem Auto kutschieren zu lassen.



Schlüssel und Passwörter: Was in Filmen früher dem Banksafe oder gar der Aktivierung eines atomaren Sprengkopfes vorbehalten war, ist heute schon in vielen Unternehmen, Hotels und öffentlichen Gebäuden selbstverständlich. Ob per Iris-Scan oder oder Fingerabdruck ­– biometrische Verfahren ersetzen zunehmend klassische Schlüssel und Passwörter. Wem das für die eigene Haustür zu heikel sei, der kann aus einer Vielzahl anderer vernetzter Schließsysteme wählen, die Chipkarten, kleine Sender oder Handy-Apps einsetzen. Aber auch im Privaten sind biometrische Verfahren schon weit verbreitet. Vor allem jüngere Menschen verlassen sich beim Zugang zu Handys und Online-Diensten gerne auf die Einzigartigkeit ihrer Körpermerkmale, statt sich Nummern- und Zahlenfolgen zu merken, wie die Studie „The Future of Identity“ des IT-Unternehmens IBM zeigt. Bereits jetzt hätten 65 Prozent aller und 75 Prozent der zwischen 20 und 36 Jahre alten Europäer, keinerlei Probleme mit dem Einsatz von Biometrie. Nur einer von zehn Befragten sei nicht daran interessiert, diese Technologie in Zukunft zu nutzen.

Papierdokumente: Laut einer Studie des Digitalverbandes Bitkom wünschen sich immer mehr Menschen in Deutschland, auf papierne Dokumente zu verzichten. Schon fast jeder Dritte wolle etwa Rechnungen oder Verträge am liebsten per E-Mail erhalten. Noch 2013 habe dieser Anteil bei nur 15 Prozent gelegen. Dass Bitkom zufolge bereits jeder Vierte Befragte wichtige Akten eigenhändig einscannt oder abfotografiert, um sie auf dem Rechner zu speichern, illustriert die Sehnsucht nach Dokumenten in Datei- statt Leitz-Ordnern. Das Gleiche gelte für Unternehmen: Mehr als die Hälfte wünsche sich, Briefpost durch elektronische Kommunikation zu ersetzen, jedes vierte habe neuere Papierakten bereits überwiegend digitalisiert. Selbst das deutsche Gerichtswesen muss bis zum Jahr 2026 nicht nur seinen gesamten Schriftverkehr elektronisch abwickeln, sondern auch alle anderen Dokumente digitalisieren und rechtssicher verwenden können.

Fernbedienung: Einer jahrzehntealten Institution des heimischen Wohnzimmers droht das Ende: der Fernbedienung. Das ultimative häusliche Machtsymbol in der Ära des Fernsehens und Gegenstand ungezählter Geschwisterkonflikte könnte für immer vom Couchtisch verschwinden. Das zumindest propagierten viele Aussteller der diesjähringen Internationalen Funkausstellung. Allein innerhalb der nächsten vier Jahre könnte sich nach Prognosen des Statistikdienstes Statista die Verbreitung vernetzter Heimgeräte von Unterhaltungselektronik und Küchenausstattung über Gebäudesicherheit bis Licht- und Sanitärsteuerung auf 31 Prozent verdoppeln. Der Umsatz mit Smart-Home-Produkten in Deutschland wachse im gleichen Zeitraum von 2,6 auf 5,5 Milliarden Euro. Die Ergebnisse einer Bitkom-Umfrage stützen die Wachstumsprognose: Mehr als ein Drittel der Bundesbürger plane, sich in den nächsten zwölf Monaten ein intelligentes Haushaltsgerät für die eigenen vier Wände zuzulegen. Bevorzugte Steuermethode: aktuell das Smartphone und künftig immer öfter per Sprachbefehl – keineswegs jedoch längliche, mit bunten Knöpfen versehene Plastikkästchen.

Bargeld: Die Bundesbürger zahlten zwar bisher so gerne wie die Bewohner kaum eines anderen Industriestaates mit Papiergeld und Münzen. Das geht geht aus einem Bericht der Unternehmensberatung Boston Consulting Group hervor. Dennoch scheint die Entwicklung zum sogenannten Mobile Payment, also die Bezahlung per Smartphone-App, sowie zum kontaktlosen Zahlen mit der Bankkarte auch in Deutschland Fahrt aufzunehmen. Das bestätigt eine Umfrage der Postbank, der zufolge bereits jeder fünfte Deutsche sogennante Mobile-Payment-Dienste nutzt. Dies entspreche einer Verdopplung innerhalb von zwei Jahren. Ein weiteres Fünftel der Befragten wolle die Technologie in Zukunft verwenden. Zu weiterem Wachstum könnte beitragen, dass die Computerfachzeitschrift „c’t“ kürzlich einer Reihe von Bezahl-Apps bescheinigte, sowohl praktisch als auch sicher zu sein. Das Gleiche bestätigte die Stiftung Warentest kontaktlosen Zahlungsvorgängen mit der Giro- oder Kreditkarte – laut Bitkom sorgten bisher vor allem Sicherheitsbedenken für die Vorbehalte der Deutschen gegenüber den neuen Zahlungstechnologien.

Datenschutz: Alle aufgeführten technischen Hilfsmittel haben eines gemein: Sie generieren Daten und funktionieren deshalb auch als Sensoren – sie überwachen ihre Besitzer. Stefan Hessel, Jurist und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl der Universität des Saarlandes für Rechtsinformatik, leitet aus dieser Bewandnis drei Kriterien zur Bewertung digitaler und vernetzter Produkte ab. Das erste Kriterium sei der Datenschutz oder die Frage: Was wissen die Hersteller über die Nutzer? Das sei wichtig, denn die von den Geräten erzeugten Daten ließen sich leicht zu sensiblen Informationen verknüpfen. Meldeten die schlauen Heimgeräte zum Beispiel im Winter, die Heizung sei stark reduziert und die Haustür abgeschlossen, lasse das den Schluss zu, dass der Bewohner nicht zu Hause ist. Die Frage sei zudem, was der Hersteller mit solchen Informationen mache – verkauft er sie vielleicht an eine Versicherung? Mit diesen Problemen hänge das zweite Kriterium, die IT-Sicherheit, eng zusammen, so Hessel. Wenn die Geräte nicht sicher seien, könnten neben dem Hersteller auch Unberechtigte die erzeugten Daten einsehen oder die digitalen Helfer sogar steuern. Wie heikel dieser Punkt ist, werde am Beispiel autonomer Autos besonders deutlich. Als drittes Bewertungskriterium sieht Hessel die Frage, ob die Folgen des technologisches Fortschritts wirklich wünschenswert seien. Die Leute müssten beispielsweise erwägen, wie sich das Verhalten von Menschen ändere, die ständig von Sprachassistenten belauscht werden.