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Das Ende der Mär vom reinen Fleischfresser

Das Ende der Mär vom reinen Fleischfresser

Der Neandertaler starb aus, weil er nur das Fleisch großer Landtiere aß, so eine gängige These. Dass er seine Ernährung jedoch sehr wohl an verschiedene Gegebenheiten anpassen konnte, belegen neue Studien.

Hinter das Rätsel, warum die Neandertaler vor rund 30 000 Jahren von dem anatomisch modernen Menschen verdrängt wurden, müssen Forscher ein noch größeres Fragezeichen setzen als bisher gedacht. Einer verbreiteten Hypothese zufolge sollten die Neandertaler im Nachteil gewesen sein, weil ihre Ernährungsweise gegenüber der der Vorfahren heutiger Menschen eingeschränkt war.

Die Basis der Theorie: Die typische Isotopensignatur - das Verhältnis der schweren zur leichten Variante eines chemischen Elements - von Tieren schlägt sich in den Knochen derer nieder, die diese als Nahrung verzehren. So hatten Forscher aus dem hohen Anteil schwerer Stickstoffisotope in den Knochen rund 35 000 Jahre alter anatomisch moderner Menschen geschlossen, dass diese auch Fisch gegessen hätten, während sich die Neandertaler dieser Zeit auf das Fleisch großer Landtiere wie Mammut und Bison beschränkten.

Neuere Ausgrabungsergebnisse widerlegen diese Theorie jedoch. So haben Geowissenschaftler der Universität Tübingen unter der Leitung von Hervé Bocherens bei Forschungen in einer Höhle im nördlichen Kaukasusgebirge herausgefunden, dass die Urmenschen sehr wohl Fisch auf dem Speisezettel hatten.

Noch breiter erscheint das Nahrungsspektrum des Neandertalers durch Untersuchungen, die Wissenschaftler vom Massachusetts Institute of Technology in Cambridge an 50 000 Jahre alten Exkrementen aus der Ausgrabungsstätte El Salt im Süden Spaniens durchführten. "Wir glauben, dass die Neandertaler das aßen, was gerade verfügbar war, je nach Situation, Jahreszeit und Klima", so die Forscher im Fachmagazin Plos One. In den Kotresten fanden sich Stoffe, die auf Fleischkonsum hinweisen, aber auch Spuren von Phytosterin. Diese chemischen Verbindungen entstehen bei der Verdauung von Pflanzen. Auf dem Speiseplan der Neandertaler standen demnach auch Knollengewächse, Beeren und Nüsse.

"Der biologische Unterschied zwischen den beiden prähistorischen Menschentypen erscheint immer kleiner", so bilanziert Bocherens die neuesten Erkenntnisse. Man könne nicht davon ausgehen, dass kleine Verhaltensunterschiede zwischen den Menschenformen ausreichten, um das Aussterben des Neandertalers und die weltweite Ausbreitung des anatomisch modernen Menschen zu erklären.