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Corona-Effekt bei Videosprechstunden

Bitkom-Umfrage : Corona-Effekt bei Videosprechstunden

Immer öfter werden in Arztpraxen Ferndiagnosen per Internet gestellt. Jeder zehnte Patient nutzt mittlerweile diese Möglichkeit.

Das Interesse an Videosprechstunden ist in der Coronakrise stark gestiegen. Das geht aus einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom hervor. Während im Frühjahr dieses Jahres noch acht Prozent der Deutschen das telemedizinische Angebot genutzt hatten, waren es im Juli bereits 13 Prozent. Das Ergebnis der Umfrage zeigt außerdem, dass auch Patienten, die früher nie gedacht hätten, ihren Arzt nur am Bildschirm zu konsultieren, von dieser Möglichkeit Gebrauch machen wolle: Fast die Hälfte kann sich vorstellen, den Arzt künftig nicht mehr in seiner Praxis, sondern per Videotelefonie zu konsultieren.

Diese Offenheit ist nicht verwunderlich, schließlich bringen die digitalen Angebote sowohl für Patienten als auch für Ärzte einige Vorteile mit sich. „Das gilt insbesondere, wenn sie die Bürokratielast in den Praxen eindämmen, sodass mehr Zeit für die Versorgung der Patienten bleibt“, sagt der Bundesvorsitzende des Deutschen Hausärzteverbandes Ulrich Weigeldt auf Anfrage unserer Zeitung. Außerdem ersparten Videosprechstunden den Patienten lange Fahrtwege und Wartezeiten. Und in prall gefüllten Wartezimmern sitze auch niemand gerne, schon gar nicht in Zeiten der Corona-Pandemie.

Wichtig sei aber, dass die Angebote nur als Unterstützung dienten, so Weigeldt. Weder für den Arzt noch für seine Patienten. Den persönlichen Kontakt könnten Videosprechstunden nicht komplett ersetzen. „Hätten sich etwa Arzt und Patient nie zuvor gesehen, könnte eine Videokonsultation ein Risiko für die Versorgung bedeuten, weil wichtiges Vorwissen, wie etwa über bestehende Krankheiten, möglicherweise fehlt“, betont er. Die Möglichkeit eines anschließenden Kontakts in der Arztpraxis oder per Hausbesuch müsse stets gegeben sein.

Dass digitale Gesundheitsangebote nur funktionieren, wenn bereits eine vertrauensvolle Beziehung besteht, unterstreicht auch das Ergebnis der Bitkom-Studie. Fast alle Befragten, die bereits Erfahrung mit Videosprechstunden hatten, haben das Angebot bei einem ihnen bekannten Arzt genutzt.

Nicht zu vernachlässigen sind aber auch die 38 Prozent der Befragten, für die eine Online-Sprechstunde überhaupt nicht in Frage kommt. Die Gründe dafür sind vielfältig: während manche ganz simpel den persönlichen Kontakt bevorzugen oder nicht über die nötigen technischen Voraussetzungen verfügen, haben andere Angst vor einer Fehldiagnose.

Bei einfachen Erkrankungen könnten Ärzte via Videosprechstunde zuverlässig die korrekte Diagnose stellen und die richtige Behandlung einleiten, sagt Dr. Josef Mischo, Präsident der Ärztekammer des Saarlandes: „Allerdings erscheint die Akzeptanz durch die Patienten noch gering.“ Aber bei längeren und chronischen Erkrankungen werde sich in den nächsten zwei bis drei Jahren „die Kombination von persönlicher Patientenvorstellung mit zwischenzeitlichen Kontrollen durch eine Videosprechstunde“ durchsetzen, da ist sich Mischo sicher. Das führe dann wiederum dazu, dass auch die ausschließliche Online-Sprechstunde bei einfachen Krankheiten mehr genutzt werde.

Viele Deutsche würden diese Entwicklung wohl begrüßen, denn laut der Studie des Digitalverbands sind knapp zwei Drittel (65 Prozent) der Meinung, dass der Ausbau digitaler Gesundheitsangebote hierzulande nicht schnell genug vorangehe. 60 Prozent hätten den Eindruck, dass Deutschland bei der Digitalisierung des Gesundheitssystems im Vergleich zu anderen Ländern zurückliege. Auch der Chef des Deutschen Hausärzteverbands sieht Nachholbedarf. Woran es in Deutschland noch immer fehle, seien praxisnahe digitale Lösungen, die vor Ort mit den späteren Nutzern erarbeitet würden und so eine wirkliche Erleichterung für alle Beteiligten brächten. „Wir erleben stattdessen häufig, dass IT-Projekte außerhalb der Versorgungsrealität ins Leben gerufen werden, die nicht nur in Teilen unfertig sind, sondern auch überhaupt nicht mit dem Praxisalltag zusammenpassen“, so Weigeldt.