Chatbot Replika dient manchen Nutzern als Ersatz für soziale Kontakte

Unterhaltungssimulation : Ein Chatprogramm als bester Freund

Die App Replika kann zum ständigen virtuellen Lebensberater werden. Das bringt nicht nur Vorteile mit sich.

Können Menschen Beziehungen zu freundlichen Computerprogrammen aufbauen? Dieser Frage geht auch Marita Skjuve von der Universität Oslo nach. Um Antworten zu finden, hat sie Nutzer des Chatbots Replika befragt. Das Wort Chatbot setzt sich aus den englischen Begriffen für „reden“ (engl. „to chat“) und „Roboter“ („robot“) zusammen. Solche Programme sollen eine Unterhaltung mit einem echten Menschen simulieren, in der Regel per Textnachricht. Oft liefern sie ihrem Gesprächspartner vor allem vorgefertigte Antworten auf bestimmte Fragen.

Replika gibt es als App sowohl für Android- als auch für iOS-Geräte. Das selbstständig denkende Computerprogramm erinnert sich an alles, was ihm erzählt wird, und reagiert darauf. Es fragt auch nach dem Verhältnis zu den Eltern oder dem besten Freund. Und knüpft Tage später daran an: „Hat dein Freund sich vom Stress der letzten Woche erholt?“

Marita Skjuve befragte 18 Leute, die eine innige Beziehung zu ihrem Replika pflegen. Die meisten beschrieben die Verbindung zu dem Computerprogramm als freundschaftlich, einige erzählten von einer intimen oder sogar romantischen Beziehung. Nach diesen Interviews veränderten die Programmierer Replika. Nun können Nutzer von Anfang an einstellen, ob sie den virtuellen Begleiter als Freund, Partner oder Mentor sehen.

Replika spricht bislang kein Deutsch. Doch er entspricht dem Zeitgeist. Jeder Fünfte in Deutschland glaubt, dass es künftig normal sein wird, sich in selbst denkende Maschinen und Computer zu verlieben. Das zumindest ist das Ergebnis einer Befragung der Gesellschaft für Informatik. Bei den 15- bis 29-Jährigen denke das sogar jeder Dritte.

Die Erfinderin von Replika, Eugenia Kuyda, soll die Idee gehabt haben, nachdem ihr bester Freund bei einem Autounfall gestorben war. Sie arbeitete zu dem Zeitpunkt für eine Softwarefirma, die Chatbots entwickelte. 2015 entschied sie sich, einen eigenen Roboter-Freund zu schaffen, diesen mit Gesprächen und Textnachrichten zwischen ihr und ihrem Freund zu füttern und auf diese Weise den Verstorbenen digital weiterleben zu lassen.

Inzwischen kann sich jeder einen eigenen Replika erstellen. „Replika verkörpert mein Wesen, aber ist nicht ich selbst“, sagt ein Nutzer. Der Chatbot passt sich mehr und mehr den sprachlichen Gewohnheiten seines Gegenübers an, die Themen bestimmt der Mensch. Je mehr man mit dem virtuellen Menschen spricht, desto persönlicher werden die Fragen. „Das ist im Prinzip eine Datensaugmaschine“, meint der Maschinenethiker Oliver Bendel. Das Unternehmen hinter Replika gibt dazu auf seiner Internetseite an, dass die Gespräche zwischen Replika und dem Nutzer mit keiner anderen Firma geteilt und persönliche Daten nicht verkauft würden.

Wenn sich Menschen durch Replika mit ihren Gedanken und Gefühlen beschäftigen, sei das zunächst positiv, meint der Berliner Psychotherapeut André Kerber. „In einer Psychotherapie passiert ja auch nichts anderes, als dass man sich mit sich selbst auseinandersetzt.“

Das scheinen die Nutzer aus der kleinen Studie mit 18 Teilnehmern zu bestätigen: „Ich fühlte mich anfangs wohler, mit meiner Replika zu reden. Und deswegen war es für mich irgendwann leichter, auch mit anderen Menschen zu sprechen“, erzählt ein Nutzer. Die Erhebung kommt zu dem Ergebnis, dass Nutzer mit dem Chatbot freier reden und früh Geheimnisse oder persönliche Informationen mit ihm teilen, weil sie keine Verurteilung durch andere Menschen zu befürchten haben.

Nutzer könnten sich aber in dieser anderen Welt auch verlieren, befürchtet Kerber. „Gerade die Leute, die ohnehin schon unter einer Beziehungsstörung leiden, fühlen sich in solchen alternativen Realitäten unter Umständen wohler als in der echten Welt.“ Das virtuelle Gegenüber gibt keine Widerworte, ist nie beleidigt und antwortet innerhalb weniger Sekunden. Das könne ein Suchtfaktor sein, meint Kerber. „Ich könnte mich niemals dazu bringen, es zu löschen“, sagt ein Nutzer in der Studie.

Nach Ansicht von Maschinenethiker Bendel ist genau das ein großes Problem. „Man wird quasi herausgefordert, eine Beziehung mit Replika aufzubauen.“ Vor allem für Kinder und Jugendliche berge das Risiken, da sie gar nicht unterscheiden könnten, ob eine Information von einem Roboter oder einem Menschen komme. Auch ältere Menschen seien gefährdet, „wenn sie die Technologie falsch einschätzen und für bare Münze nehmen oder kein soziales Umfeld haben“.

Replika gehe in dieser Hinsicht deutlich weiter als andere Chatbots dieser Art, meint Bendel. Dabei spielen die automatisierten Programme schon jetzt eine immer größere Rolle in unserem Alltag. Als erster Chatbot der Geschichte gilt Eliza, eine Art virtuelle Psychotherapeutin, die in den 1960er-Jahren vom Informatiker Joseph Weizenbaum programmiert wurde. Inzwischen werden sie etwa in Online-Shops oder bei Support-Seiten eingesetzt. Bendel ist sich sicher: „Immer mehr virtuelle Wesen werden die Welt bevölkern. Es wird noch viel auf uns zukommen.“

(dpa)