Bundesärztekammer besorgt um Datenschutz bei der Fernbehandlung

Digitalisierung im Gesundheitswesen : Ohne Wartezimmer zur Sprechstunde

Bald sollen Patienten für eine Diagnose nicht mehr in die Praxis gehen müssen. Doch viele Ärzte bleiben skeptisch.

Patienten in Deutschland werden nach Erwartungen der Ärzteschaft künftig verstärkt übers Internet mit ihrem Arzt in Kontakt treten. „Videosprechstunden werden sich als eine von vielen Formen ärztlicher Patientenversorgung in Deutschland etablieren“, sagt Frank Ulrich Montgomery, Präsident der Bundesärztekammer. Vorrang haben müsse dabei die Sicherheit der Daten. Patienten müssten mit der digitalen Verarbeitung ihrer persönlichen Informationen einverstanden sein, so Montgomery.

Den Weg für die Fernbehandlung von Patienten hatte vor einem Jahr der Deutsche Ärztetag geebnet. Bei der Fernbehandlung, auch Telemedizin genannt, sollen Patienten per Telefon oder Internet von einem Arzt behandelt werden. Dabei sollen sie auch Überweisungen oder Bescheinigungen erhalten können, ohne persönlich in eine Praxis gehen zu müssen. Inzwischen haben fast alle Landesärztekammern ihre Berufsordnungen entsprechend angepasst.

Die Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich laut einer Erhebung des Digitalverbandes Bitkom eine digitale Revolution im Gesundheitswesen. So meint jeder Zweite, dass zumindest Teile der medizinischen Versorgung in Zukunft ausschließlich digital stattfinden werden, um die steigenden Kosten des deutschen Gesundheitssystems aufzufangen. Gleichzeitig sind die Deutschen offen für diese Neuerungen. Zwei von drei Smartphone-Besitzern verwenden bereits Gesundheits-Apps. Am beliebtesten sind solche Anwendungen, die über Gesundheits-, Fitness-, Gewichts- oder Ernährungsthemen informieren, die bereits 25 Prozent nutzen. Ähnlich stark genutzt werden auch Apps, die Körper- und Fitnessdaten wie zum Beispiel Herzfrequenz, Blutdruck oder gegangene Schritte aufzeichnen (24 Prozent).

Auch laut Ärztekammerpräsident Montgomery wünschen sich immer mehr Menschen, zunächst auf elektronischem Weg mit ihrem Arzt in Kontakt zu treten. Doch die Telemedizin wird nach Ansicht von Montgomery die persönliche Behandlung durch einen Arzt nicht ersetzen, kann sie aber ergänzen.

Die Digitalisierung kann Patienten noch mehr Möglichkeiten bieten. So hat Bundesgesundheitsminister Jens Spahn vor Kurzem angekündigt, den Versicherten mit einem neuen Gesetz Zugang zu Gesundheits-Apps auf Kosten der Krankenkassen ermöglichen. Solche Anwendungen sollen Patienten etwa dabei helfen, ihre Medikamente richtig einzunehmen. Versicherte sollen zudem elektronische Patientenakten mit ihren Gesundheitsdaten bekommen.

„Bei der Digitalisierung in der Medizin sind wir aus jahrelanger Erfahrung bisher skeptisch gewesen“, so Montgomery. Die Industrie habe mit der Lieferung von Geräten für den Anschluss ans Internet nicht immer mitgezogen. Nicht alle Gebiete seien an schnelle Netze angebunden. Doch mit der voranschreitenden Digitalisierung sei es nur sinnvoll, dass sich auch die Medizin daran anpasse.

Zugleich mahnt Montgomery, dass mit sensiblen Patientendaten sorgsam umgegangen werden müsse. „Es ist kontraproduktiv, wenn am Ende keiner mehr wirklich weiß, wo welche Daten gespeichert sind“, sagt der Präsident der Bundesärztekammer. „Es ist für einen Arzt auch unzumutbar, wenn er mit Patientenakten arbeiten muss, die völlig unterschiedlich strukturiert sind“, sagt er. „Die Patientenakten müssen praxistauglich, patientenfreundlich und sicher sein.“

Für mehr Datensicherheit sieht er auch die Patienten in der Pflicht. „Für mindestens so gefährlich wie Hackerangriffe halte ich den unbedarften Umgang der Menschen mit ihren Daten“, erklärt Montgomery. „Es ist erschreckend, wie viele persönliche Daten freiwillig an große Datensammelkonzerne gegeben werden, auch zum Beispiel über Fitnessarmbänder oder Schrittzähler im Smartphone.“ So kommen wertvolle Daten zusammen, die die Anbieter teuer verkaufen können. Montgomery erklärt daher, dass die Menschen über einen sorgsameren Umgang mit den eigenen Daten verstärkt aufgeklärt werden müssen.

Im Vergleich mit anderen Ländern hinkt die Bundesrepublik bei der Digitalisierung des Gesundheitswesens weit hinterher. Das hat eine Erhebung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung ergeben. Forscher haben in 17 Ländern weltweit untersucht, welche Strategien zum digitalen Gesundheitswesen es gibt, welche technischen Voraussetzungen vorhanden sind und inwieweit neue Technologien genutzt werden. Deutschland gehörte zu den Schlusslichtern. Vor der Bundesrepublik haben sich Frankreich und die Schweiz platziert, hinter Deutschland liegt nur noch Polen. Auf den ersten Rängen des Vergleichs landen Estland, Kanada, Dänemark, Israel und Spanien. Die weiteren Teilnehmer der Studie waren England, Schweden, Portugal, die Niederlande, Österreich, Australien, Italien und Belgien.

(dpa)
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