1. Leben
  2. Internet

Bolsonaro setzte Falschnachrichten im Wahlkampf ein

Jair Bolsonaro machte Wahlkampf über Whatsapp : Mit Falschnachrichten ins Präsidentenamt

Jair Bolsonaro, das neue Staatsoberhaupt Brasiliens, verdankt seinen Wahlsieg Schmutzkampagnen in sozialen Medien.

Es war ein mediales Massaker. Kurz vor dem ersten Durchgang der brasilianischen Präsidentenwahl am 7. Oktober prasselten auf den Kandidaten der linken Arbeiterpartei PT, Fernando Haddad, Falschnachrichten und Halbwahrheiten herein. Mit Angriffen über Facebook und Twitter hatte die Partei gerechnet. Die über verschlüsselte Whatsapp-Kanäle verbreitete Propaganda erwischte die PT dagegen eiskalt.

Der Universitätsprofessor Haddad, von 2005 bis 2012 Bildungsminister und danach Bürgermeister von Sao Paulo, plane die Legalisierung von Pädophilie und Inzest. Er habe Baby-Flaschen mit einem Plastikpenis als Nuckelaufsatz verteilen lassen, so ein in 48 Stunden drei Millionen Mal versendetes Video. Haddad plane zudem Zwangsabtreibungen.

Hinter den Falschnachrichten standen Anhänger von Jair Bolsonaro. Bis zu 2 000 Whatsapp-Gruppen versorgte sein Team mit Propagandamaterial. Die Zeitung Folha de S. Paulo berichtete auch über von Unternehmern finanzierte Whatsapp-Kampagnen. Gerichtsfeste Beweise konnte das Oberste Wahlgericht in diesen Beschuldigungen jedoch nicht erkennen.

Auch die PT hatte im Internet aktive Gruppen. Doch gegen Bolsonaros „Freiwilligen-Armeen“ sahen sie alt aus. Rund 80 Prozent aller Falschnachrichten richteten sich laut Untersuchungen gegen Haddad. Am meisten geschadet habe ihm das „Kit Gay“, so die PT: Haddad habe als Bildungsminister homosexuelles Pornomaterial an Sechsjährige verteilen lassen, lautete die Botschaft. Bolsonaro selbst hielt das vermeintliche Schulmaterial in jede Kamera. Traditionelle Medien warnten vergeblich.

Bei keiner Wahl zuvor seien soziale Netzwerke derart massiv eingesetzt worden, so Marco Aurelio Ruediger, Leiter des Big-Data-Analyse-Center der Universität Fundacao Getulio Vargas in Rio de Janeiro. Bolsonaro habe clever agiert: „Kurze, leicht verständliche Botschaften, die sich auf die drei großen Probleme Brasiliens konzentrierten: Gewalt, Arbeitslosigkeit und Korruption.“

Schuld daran sei die „kommunistische“ PT, die von 2003 bis 2016 regierte, so Bolsonaro. Ihr Gründer, Ex-Präsident Luiz Inacio Lula da Silva, sitzt seit April wegen Korruptionsvorwürfen in Haft; seine Nachfolgerin Dilma Rousseff wurde 2016 – auch mit Bolsonaros Stimme – des Amtes enthoben. Sein vielbeachteter Auftritt, bei dem er Rousseff verhöhnte, war sein Wahlkampfstart.

Seit 1991 im Parlament, war Bolsonaro zuvor nur durch Beleidigungen von Minderheiten und Lobgesänge auf die Militärdiktatur (1964-1985) aufgefallen. Als Brasilien in der Krise nach rechts rückte, kam seine Chance. Reden über eine von Homosexuellen angeführte kommunistische Weltverschwörung kommen plötzlich an, besonders bei streng konservativen Christen.

Trotzdem blieb er zunächst Außenseiter. Andere Kandidaten verfügten über größere Budgets und wesentlich mehr TV-Werbezeit. Doch spätestens als Bolsonaro Anfang September Opfer einer Messerattacke wurde, rückte er ins Rampenlicht. Vor allem half ihm der rasante Machtverlust traditioneller Medien. Neuigkeiten erreichen die Nutzer via Facebook. Oder verstärkt auch Whatsapp: Brasilien hat 147 Millionen Wähler – und 120 Millionen Whatsapp-Nutzer.

„Wir haben ein Riesenproblem“, so Monica Francisco, Abgeordnete der linken PSOL-Partei in Rios Landesparlament. „Wegen fehlender Bildung können die Leute keine Texte mehr interpretieren.“ So würden selbst die abstrusesten „Nachrichten“ ohne Hinterfragen weitergegeben. Besonders aktiv seien dabei die Kirchen gewesen, die offen für Bolsonaro Wahlkampf gemacht hätten, so Francisco.

Einige Geistliche hätten in den sozialen Netwerken aktiv um Stimmen geworben, andere regelrecht Druck auf die Gläubigen ausgeübt. „Das geht schneller, als man sich vorstellen kann“, so Francisco.

Bolsonaro twittert gerne, wie sein Idol, US-Präsident Donald Trump. Via Facebook spricht er direkt zu seinen Anhängern. Das solle auch als Präsident ab Januar so weitergehen, kündigte er an. Die eigene Agenda wolle man im Kongress durchdrücken, indem man Druck auf widerspenstige Abgeordnete aufbaue – und zwar über die weiter aktiven Whatsapp-Gruppen.

(kna)