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Blinde setzen voll auf das Smartphone

Tag der Sehbehinderten : Blinde setzen voll auf das Smartphone

Passende Kleidung zusammenstellen. Den Weg durch die Stadt finden. Das war für Blinde und Sehbehinderte lange schwierig. Heute bieten ihnen Smartphones jede nur erdenkliche Hilfe

Eine Vorlesefunktion für die Wetterapp, eine Funktion, die  hilft, Produkte im Supermarkt zu erkennen. Für Blinde und Sehbehinderte gibt es zahlreiche Apps für das Smartphone, die ihnen den Alltag ein Stück weit leichter machen. Für Manfred Scharbach ist das Smartphone zu einem der wichtigsten Helfer geworden. „Ich höre mit dem Handy sehr gern Hörbücher“, erzählt der 65-Jährige. Auch die Wetter-App nutzt der Berliner regelmäßig, da er gern mit Freunden segelt. Er kauft Fahrkarten mit seinem Handy, erledigt Bankgeschäfte oder hört Internetradio. Eine wichtige Hilfe ist auch das Handy als Navi. „Früher musste man den Weg kennen, da brauchte man Erfahrung“, erinnert er sich.

Dank der Vorlesefunktion von Apple liest das Handy Manfred Scharbach alles vor, was er auf dem Display berührt. Android-Nutzer kennen die Funktion als „Talkback“. „Man ist viel selbstständiger, das mobile Internet hat die Möglichkeiten noch einmal deutlich erweitert“, sagt Scharbach.

Der Geschäftsführer des Allgemeinen Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin bringt mit seinem Team in Kursen auch anderen Blinden und Sehbehinderten die Technik näher. „Alle Altersgruppen sind vertreten. Selbst über 80-Jährige wollen lernen, wie man ein Smartphone bedient“, sagt Scharbach.

Zahlreiche Tipps gibt auch der blinde Ingenieur Marco Zehe aus Hamburg mit seinem Blog „Marcos Leben“. Er schätze die neuen Möglichkeiten sehr, sagt er. Zum Beispiel sei es auch ihm inzwischen möglich, selbstständig Filme zu drehen und zu schneiden. Vor ein paar Jahren sei dies noch undenkbar gewesen – nun ermögliche es Teilhabe wie noch nie zuvor. „Blinde YouTuber? Heute sehr gut vorstellbar ,und es gibt sogar mehrere Beispiele dafür“, so der 47-Jährige, der dort ebenfalls einen Kanal beim Videodienst hat.

„Smartphones und Tablets bieten inzwischen irrsinnige Möglichkeiten und ihr zunehmender Einsatz in Alltag und Beruf kann zusätzliche teure Hilfsmittel ersparen“, berichtet auch Klaus Rohrschneider. Er ist Landesarzt für Blinde und Sehbehinderte in Baden-Württemberg und leitet an der Augenklinik der Universität Heidelberg die größte Sehbehindertenambulanz in Deutschland. Der Augenarzt beschäftigt sich seit Jahren mit technischen Hilfsmitteln und kennt die Vor- und Nachteile der einzelnen Geräte.

Viele dieser Helfer seien sehr einfach zu bedienen, so der Experte. „Die Geräte haben oft nur einen oder wenige Knöpfe, wie zum Beispiel der Einkaufsfuchs, ein Produkterkenner mit digitaler Sprachausgabe.“ Auch mobile Lese- oder Farberkennungsgeräte seien recht einfach in der Handhabung und manchmal in ihrer Leistung sogar besser als eine App.

Es seien Geräte auf dem Markt, die beim Lesen und Vorlesen unterstützen wie etwa elektronische Lupen. „Das Lesen und die Texterkennung sind das A und O“, sagt Rohrschneider.

Die vielen Einzelhelfer würden aber zunehmend durch multifunktionale Smartphones ersetzt.

Er beobachte allerdings, dass ältere Leute für die neue Technik weniger aufgeschlossen seien als Jüngere. Viele Ältere erinnerten sich mit großer Wehmut an ihre früheren Fähigkeiten. Vor allem der Verlust der Sehkraft wiege schwer, sagt der Arzt.

Doch gerade die älteren Menschen sind häufig betroffen: Laut einem Bericht des Robert Koch-Instituts von 2017 ist gut die Hälfte aller Blinden und Sehbehinderten älter als 75 Jahre. „Insgesamt gibt es schätzungsweise 1,2 Millionen Blinde und Sehbehinderte in Deutschland“, so Scharbach.

Adrian Quint aus Berlin ist gerade einmal elf Jahre alt und vor fünf Jahren vollständig erblindet. Auch er nutzt sein Smartphone viel, seit einigen Wochen aber auch eine Kamera, die gerade einmal 22 Gramm wiegt und an einem Brillenbügel befestigt wird. Die OrCam Myeye liest ihm Texte aus Büchern, Zeitschriften oder auch ausgedruckte Texte für ein Referat vor. Dazu muss er die Kamera nur auf den Text richten oder darauf zeigen. „Sie ist cool“, freut sich Adrian, der vorher viel Hilfe von seiner Mutter benötigte, wenn er Dinge lesen wollte, die nicht in Blindenschrift verfasst wurden.

„Die Kamera funktioniert offline und er muss nicht mehr ständig sein Handy in der Hand haben“, sagt Mutter Jasmin Quint. Das Gerät kann laut Hersteller auch Gesichter und Produkte erlernen, Barcodes erkennen, Farben und Geldscheine identifizieren.

„Als Vorlesegerät funktioniert sie sehr gut“, sagt auch Klaus Rohrschneider. Allerdings sei das Erkennen von Gebäuden, Schildern und anderen Objekten für die OrCam Myeye schwieriger. „Bei Tests mussten wir jeweils vier bis fünf Bilder machen, damit die Kamera die Objekte erkennt. Man muss sie sehr genau fixieren können“, so der Experte.

Manfred Scharbach ist Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Berlin. Foto: dpa/Sven Braun

Das sei gerade für Blinde schwierig. Adrian hat die Kamera bisher nur beim Lesen getestet.

(dpa)