Neues System gefordert Betrug beim Streaming von Liedern

Saarbrücken · Durch gefälschte Klickzahlen bei Musikstreaminganbietern versuchen manche Musiker und Produzenten mehr Geld zu erhalten. Eine Initiative fordert ein neues System für die Tantiemenausschüttung.

 Wer Musik über einen Streamingdienst hört, sorgt durch seinen Klick auf einen Song für eine Tantiemenausschüttung an den Künstler. Betrüger haben sich das in der Vergangenheit zu nutze gemacht. 

Wer Musik über einen Streamingdienst hört, sorgt durch seinen Klick auf einen Song für eine Tantiemenausschüttung an den Künstler. Betrüger haben sich das in der Vergangenheit zu nutze gemacht. 

Foto: dpa-tmn/Mascha Brichta

Songs aus dem Internet, die millionenfach angeklickt und gehört werden, sind die neue Währung von Künstlern und Musikverlagen. Die Schecks von Streaming-Diensten wie Spotify, Amazon Music oder Apple Music sind für Musiker und Komponisten zu einer wichtigen Einnahmequelle geworden.

Denn wer heute Musik hören will, geht kaum noch in den Plattenladen oder lässt sich CDs nach Hause schicken. Spotify & Co. bieten unbegrenzten Hörgenuss für kleines Geld. Werbefreie Abos kosten dort keine zehn Euro pro Monat.

Kleines Geld fließt allerdings auch an die Künstler. Denn die Bezahlung pro Song, der online aufgerufen wird, ist mies. So zahlt Marktführer Spotify rund ein Drittel Euro-Cent für jedes gestreamte Musikstück. Bei Amazon und Apple Music ist es immerhin das Doppelte, also zwei Drittel Cent, wie der Blog „The Trichordist“ herausgefunden hat, ein Netzwerk, das die Interessen von Musikern vertritt.

Bei dem einen oder anderen Künstler oder Produzenten wächst daher die Versuchung, die Klickzahlen zu schönen, indem Streams vorgegaukelt werden, für die es überhaupt keine Zuhörer gab. Wo ein Wille ist, ist auch Weg. Das gilt vor allem für das Internet, wo die Problemlöser besonders schnell zur Hand sind.

Einer davon war bis vor kurzem die Webseite Followerschmiede.de. Die Homepage, die in Deutschland sehr populär war, bot gegen Geld die Erzeugung von Fake-Plays an, um die Abrufzahlen für Musikstücke auf Audio-Streaming-Diensten wie Spotify künstlich nach oben zu treiben.

Damit ist seit wenigen Wochen Schluss. Anfang März hat der Bundesverbandes Musikindustrie (BVMI) eine einstweilige Verfügung vor dem Landgericht Berlin erwirkt. Die Richter verdonnerten Followerschmiede.de, das Angebot zu unterlassen. Die Seite wurde vom Netz genommen. Da Musik keine Grenzen kennt, begrüßte auch der internationale Dachverband IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) diese Entscheidung.

Dass der Kampf gegen solche Fake-Streams so verbissen und geschlossen geführt wird, liegt am Tantiemen-Modell der Streaming Dienste. Die Bezahlung ist nicht nur von der Zahl der Klicks, sondern auch von den Einnahmen der Plattformen abhängig. Werden durch künstlich erzeugte Musik-Abrufe mehr Streams vorgegaukelt als es in Wirklichkeit gegeben hat, die Einnahmen aber gleich bleiben, sinkt der Wert jedes einzelnen Stream. „Jede künstlich in die Höhe getriebene Wiedergabezahl eines Songs auf Spotify führt dazu, dass andere Künstler und Künstlerinnen weniger Tantiemen erhalten, deren Wiedergabezahlen für Musikstücke rein organisch entstanden sind“, so der auf Musikrecht spezialisierte Berliner Anwalt Kai Jüdemann .

Diese Art der Bezahlung, die sich nur an den Abrufzahlen orientiert, ist vielen Künstlern schon seit längerem ein Dorn im Auge. Dieses Verfahren begünstige vor allem die Stars, so die Kritiker. Metier-Neulinge oder Musiker, die nicht im Publikums-Trends liegen, hätten hingegen das Nachsehen. Dieses Bezahl-Modelle rufen zudem nicht nur die Anbieter von Fake-Streams auf den Plan. Die erste Riege der Musiker sei auch im Vorteil, weil ihre Songs via Streaming-Dienst oft als Hintergrund-Beschallung in Hotels oder Restaurants laufen, merkt die Fachzeitung „Stereo“ an. Auch das fließe in die Abspiel-Statistik ein.

Daher haben sich viele Künstler einer „Fair Share“-Initiative angeschlossen. Sie fordern, dass sich die Tantiemen künftig an der Zahl der Abonnenten orientieren soll. Dieser Kuchen – Abo-Einnahmen minus Betriebskosten der Plattformen – soll, unabhängig von der Menge der Streams, zwischen den Künstlern aufgeteilt werden, deren Musikstücke aufgerufen wurden. Die Klicks der Leute, die die Dienste kostenlos nutzen und dafür Werbung und ein abgespecktes Angebot akzeptieren, blieben außen vor. Auch wenn dieses Modell für Branchengrößen wie Helene Fischer, Marius Müller-Westernhagen, Sarah Connor oder Herbert Grönemeyer weniger Einnahmen bedeuten würde, unterstützen sie die Initiative. Der französische Streaming-Dienst Deezer erwägt bereits, auf dieses Modell umzuschwenken.

Denn die Zeit der Klick-Manipulationen ist durch den gerichtlich verfügten Stopp von Followerschmied.de nicht zu Ende. Andere Betreiber wie Followersnet.com sind weiterhin aktiv. „Suchen Sie nach einer Möglichkeit, Ihr Spotify-Publikum zu vergrößern?“, wird dort unverblümt gefragt. Gegen Geld ist vieles möglich: hunderte Spotify-Follower pro Tag – „mit einer 60-tägigen Nachfüllgarantie!“ Diese Abrufe sollen sogar echt sein. Anwalt Jüdemann hat da seine Zweifel.

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