Bei Handy-Selbstportraits gibt es stets neue Trends wie das Moon-Selfie

Spielerei und Forschung : Die hohe Kunst der Selfiegrafie

Seit es Smartphones und soziale Netzwerke gibt, sind die digitalen Selbstportraits bei vielen Nutzern beliebt. Dabei kommen immer wieder neue Trends auf. Einer davon, passend zur heutigen Mondfinsternis, ist das Moon-Selfie.

Sind Selfies eine Form der Kunst, genauer eine Variante des Selbstporträts? Oder handelt es sich bei den Fotos um Belege, dass wir in einem Zeitalter des Narzissmus leben? Sind sie gar Ausdruck einer zwanghaften Selbstliebe, die von dem Wunsch nach Bestätigung genährt wird? Oder sind sie einfach nur ein harmloser Zeitvertreib für Smartphone-Besitzer?

„Seit etwa 2002 ist der Begriff Selfie als Bezeichnung für digitale Selbstporträts im Internet zu finden“, erklärt Dr. Jens Ruchatz, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Marburg. Er beobachtet das Phänomen schon seit einigen Jahren. Dass die „Spielerei“ weiterentwickelt wird, wie etwa mit Moon-Selfies, überrascht ihn nicht: „Das Mondgesicht kennt man auch von klassischen Darstellungen in der Kunst oder auch von Kinderzeichnungen.“ Es sei typisch, dass Menschen sich Technik spielerisch aneignen und dann beispielsweise mit neuen Bildformen experimentieren. Im Falle des Selfies gab es schon einige Variationen, unter anderem das Belfie, die Kurzform von „Butt-Selfie“, bei dem der Po fotografiert wurde, das Bifie, bei dem sich Damen im Bikini ablichten, und das Footsie, das frei mit „Zeigt her eure Füße“ übersetzt werden könnte.

Passend zur partiellen Mondfinsternis, die am heutigen Nachthimmel beobachtet werden kann, gibt es das Moon-Selfie. Es lässt jeden Smartphonebesitzer zum Mann oder Frau im Mond werden. Neben dem Handy wird dazu die Kartonröhre einer Toilettenpapierrolle benötigt. Diese wird vors Gesicht gehalten, um mit dem Smartphone ein Foto durch die Röhre zu machen. Das ist so einfach wie es klingt und gelingt meist nach wenigen Versuchen. Auf dem Foto ist im besten Fall ein leuchtendes, kreisrundes Gesicht an einem stimmungsvollen Abendhimmel zu sehen. Die optische Täuschung entsteht durch den dunklen Rand und das Licht, das von allen Seiten in das zum Gesicht zeigende Ende der Pappröhre einfällt. Vor einigen Monaten tauchten die Moon-Selfies erstmals im Internet auf, heute sind die digitalen Mondgesichter in vielen sozialen Netzwerken anzutreffen. Selbst Haustiere wurden auf diese Art und Weise schon virtuell auf den Erdtrabanten geschossen.

Jens Ruchatz geht davon aus, dass es nur ein kurzzeitiger Trend ist, der bald vom nächsten abgelöst werden wird, die sozialen Medien böten die perfekte Spielwiese dafür. Das belegen manche Selfie-Varianten, die wohl aus Experimentierfreude entstanden sind. Ein Beispiel ist das Duckface, zu deutsch: Entengesicht. Wangen rein, Lippen raus und schon zeigt sich die typische Schnabelschnute. Eine haarige Angelegenheit ist hingegen das Helfie, bei dem die volle Haarpracht im Mittelpunkt steht. Und mit Hilfe von Mini-Drohnen, die die Nutzer über das Smartphone steuern können, entstehen Lufties, also Selbstportraits aus der Luft.

Dass es nicht immer darum geht, sich von seiner besten Seite zu zeigen, beweisen Suglies. Der Begriff setzt sich aus Selfie und ugly, dem englischen Begriff für „hässlich“, zusammen. Hier geht es darum, auf der Aufnahme möglichst unattraktiv auszusehen. Frauen, die genau das verhindern möchten, sollten ihre linke Gesichtshälfte zur Kamera drehen. Dadurch wirken sie attraktiver. Zeigen sie sich hingegen von rechts, wird ihnen eher Hilfsbereitschaft attestiert. Das ergab eine Studie der Universität Bamberg, bei der computergenerierte 3D-Modelle realer Gesichter aus sieben verschiedenen, selfie-typischen Kameraperspektiven bewertet wurden. Ein weiteres Ergebnis bezieht sich auf Männer: Sie wirken sympathischer, wenn sie ihre rechte Gesichtshälfte zur Kamera drehen. Wie britische Forscher bereits in früheren Untersuchungen herausfanden, wirken Personen zudem jünger, wenn sie ihren Kopf auf Fotos leicht nach vorne neigen. Moon-Selfies und andere ausgefallenen Varianten der digitalen Selbstportraits wurden in den Studien allerdings nicht untersucht.

Mehr von Saarbrücker Zeitung