Bamberger Forscher kritisieren: Millionen Retouren landen im Müll

Bamberger Forscher kritisieren : Millionen Rücksendungen landen im Müll

Onlinehändler werfen zahlreiche Retouren weg, obwohl sie gespendet oder wiederverwertet werden könnten.

Mit wenigen Klicks können sich Nutzer ein ganzes Sortiment nach Hause bestellen. Pullover in drei verschiedenen Farben, den Fernseher aus der Werbung oder eine Matratze zum Probeliegen. Im Internet einzukaufen, ist bei den Deutschen beliebt. Laut der Postbank-Digital-Studie 2019 wird mehr als ein Viertel aller Einkäufe mittlerweile online getätigt. Die jüngeren Nutzer erledigen der Studie zufolge mehr als jeden dritten Einkauf online. Der Kauf im Netz sei bequemer, die Artikel günstiger, finden die Bundesbürger.

Die Ware erreicht den Kunden beim Onlinekauf per Paket. Wenn die Farbe nicht gefällt oder die Matratze doch nicht so bequem ist, wie gedacht, geht die Bestellung zurück, in der Regel sogar portofrei. Meistens wird die Ware weiterverkauft. Doch fast 20 Millionen zurückgeschickte Artikel landeten im vergangenen Jahr in Deutschland auf dem Müll. Das zeigt eine Studie von Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Bamberg.

Dabei hätten fast 40 Prozent der weggeworfenen Retouren auch gespendet oder wiederverwertet werden können. Das waren 2018 immerhin rund 7,5 Millionen Artikel bundesweit. Ein Grund sind Steuern. Wer zurückgesendete Ware spendet, zahlt Umsatzsteuer. Ungefähr 13 Prozent des Warenwerts müsse ein Händler bei einer Spende in der Regel an das Finanzamt abführen, erklärt Juliane Kronen von der Onlineplattform Innatura, die Sachspenden für soziale Zwecke vermittelt. „Wenn das ein hochwertiger Fernseher ist, kann das teuer werden“, so Kronen. Da sei es für die Unternehmen günstiger, die Retouren zu entsorgen. Das koste im Schnitt nur 85 Cent, heißt es in der Bamberger Studie.

Die Bundestagsfraktion der Grünen forderte deshalb schon Ende September, dass Unternehmen beim Spenden nicht mehr draufzahlen sollen. Die Händler könnten nicht von der Umsatzsteuer befreit werden, erklärte das Bundesfinanzministerium. Aber sie dürfen den Marktwert so niedrig ansetzen, dass sie keine oder nur wenig Umsatzsteuer zahlen müssten.

Noch sei vielen Händlern das Risiko aber zu groß, sagt Kronen. „Von drei interessierten Unternehmen spendet am Ende nur eines.“ Dazu zählen ihren Worten nach zum Beispiel die deutsche Drogeriekette dm und der US-Onlinehändler Amazon. Mehr als tausend Organisationen haben auf diese Weise schon Spenden von dem weltgrößten Internethändler erhalten, gab ein Sprecher des Amazon-Konzerns an. Es sei sowieso eine absolute Ausnahme, dass Retouren vernichtet werden, so das Unternehmen. Auch bei dem deutschen Schuhe- und Mode-Versandhändler Zalando liegt der Anteil nach eigenen Angaben bei weniger als 0,05 Prozent der Fälle, das Versandhaus Otto nennt ähnlich niedrige Zahlen.

Manche Produkte ließen sich aber aus Sicherheits- oder Hygienegründen nicht weiterverkaufen oder spenden, heißt es vonseiten der Händler. Der Digitalverband Bitkom erklärt, Onlinehändler seien bemüht, so viele Artikel wie möglich wieder in den Verkauf zu bringen, schon alleine, um zusätzlichen Gewinn zu erwirtschaften. Retouren lassen sich im Onlinehandel jedoch nicht ausschließen, erklärt der Verband. Jeder Käufer habe das Recht, innerhalb einer Frist vom Vertrag zurückzutreten und die Ware zurückzuschicken. Es sei sinnvoll, Anreize für Unternehmen zu schaffen, zurückgeschickte Artikel weiterzuverwenden. Auch können noch detailliertere und genauere Produktbeschreibungen dabei helfen, dass der Verbraucher sich vor dem Kauf besser informieren könne und eine Rücksendung gar nicht erst notwendig werde.

Auch die Wissenschaftler räumen in ihrer Untersuchung ein, dass es manchmal keine andere Möglichkeit gebe. Mehr als die Hälfte der zurückgesendeten Produkte könne nicht mehr aufbereitet werden oder sei defekt. Nach Einschätzung der Forscher hat es daher keinen Sinn, das Wegwerfen gesetzlich zu verbieten. Stattdessen schlagen auch sie vor, Anreize für Händler zu schaffen, besonders nachhaltig zu sein. Auch fordern sie, dass es teurer werden müsse, die zurückgeschickten Artikel wegzuwerfen.

Dem widerspricht Oliver Prothmann, Präsident des Bundesverbands Onlinehandel. „Entsorgung zu verteuern, ist ebenfalls nicht zielführend, weil dadurch eher die Gefahr besteht, dass nicht korrekt entsorgt wird“, kritisiert er. Doch nicht nur die Händler müssen umdenken. Rund eine Million Artikel wurden laut Studie vergangenes Jahr nur entsorgt, weil es die Marken- oder Patentinhaber so vorschreiben. Und auch die Käufer können mithelfen. Am besten könne man die unnötige Entsorgung von Artikeln vermeiden, wenn sie gar nicht erst zurückgeschickt werden, sagt Prothmann.

(dpa)
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