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Auf den Spuren eines alten Bekannten

Auf den Spuren eines alten Bekannten

Wie entwickelte sich der Neandertaler? Die Wissenschaft war sich über die Entwicklungsgeschichte dieses Urmenschen, der vor 30 000 Jahren ausstarb, bislang uneins. Nun liefern Schädelfunde in Spanien neue Erkenntnisse.

Der Neandertaler - im Sprachgebrauch quasi der Inbegriff für den Urmenschen. Doch in Wirklichkeit ist der berühmte Steinzeitler nur eine von vielen Urmenschenarten - und beileibe nicht die älteste. Als er vor rund 200 000 Jahren die Weltbühne betrat, war die früheste Menschenart, der Homo rudolfensis, bereits 1,6 Millionen Jahre lang ausgestorben. Noch schlimmer für den Mythos: Wie moderne Genuntersuchungen zeigen, ist der Neandertaler kein Vorfahr des modernen Menschen (Homo sapiens). Die beiden Arten entstammen unterschiedlichen Evolutionslinien und lebten sogar mehrere Jahrtausende parallel nebeneinander.

Völlig unklar ist unter Forschern bis heute, warum der Urmensch vor etwa 30 000 Jahren ausstarb. Auch die Art und Weise, wie sich der Neandertaler aus älteren Menschenarten entwickelte, ist längst nicht zur Gänze bekannt. Neue Forschungsergebnisse aus Spanien können bei der Klärung dieser Frage nun helfen.

Innerhalb mehrerer Jahrzehnte entdeckten Forscher in der Ausgrabungsstätte Sima de los Huesos (Knochengrube) im nordspanischen Gebirgszug Sierra de Atapuerca mehr als 6500 menschliche Überreste, die sich insgesamt 28 Individuen zuordnen lassen. "Diese Anhäufung ist bislang einzigartig", so der Paläontologe Juan-Luis Arsuaga im Fachjournal Science. Unter den etwa 430 000 Jahre alten Fundstücken befinden sich 17 Schädel, einige davon fast vollständig erhalten.

Bisher vermuteten die Forscher, dass die Funde aus der Sima de los Huesos im weitesten Sinne zur Art Homo heidelbergensis gehörten - dem Vorfahren des Neandertalers. Sieben der Schädel haben die Wissenschaftler der Universität Complutense in Madrid nun erneut untersucht und widerriefen daraufhin die bisherige Einordnung. Der Grund: Die Schädel weisen wesentlich mehr Neandertaler-Merkmale auf als bislang gedacht. So entsprechen Zähne und Gesicht in ihren Merkmalen bereits denen des Neandertalers, während etwa die Hirnschale noch wenig entwickelt ist. "Die Schneidezähne zeigen starke Gebrauchsspuren", sagt Arsuaga, "als seien sie als eine Art dritte Hand verwendet worden - typisch für den Neandertaler ."

Die gefundenen Urzeitmenschen gehörten schon zur Neandertaler-Familie, folgern die Forscher. Um als echte Neandertaler durchzugehen, sind die Schädel jedoch zu untypisch - und deutlich zu alt: "Tatsache ist, dass man in Europa keine Neandertaler-Hirnschalen findet, die älter sind als 200 000 Jahre", schreibt der Evolutionsforscher Jean-Jacques Hublin vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in einem begleitenden Kommentar. Die Wissenschaftler betrachten die Gruppe daher als Vertreter einer eigenständigen Subpopulation. Es sei wahrscheinlich, dass zu dieser Zeit mehrere Linien von Urmenschen nebeneinander existiert hätten.

Mit ihrer Studie sehen die Wissenschaftler zudem die Hypothese bestätigt, dass der Neandertaler nicht alle körperlichen Merkmale auf einmal, sondern eher nach und nach entwickelte. Die Gemeinsamkeiten zwischen Neandertaler-Schädeln und den Schädeln aus der Knochengrube beträfen vor allem die Kopfregionen, die mit dem Kauvorgang in Verbindung stehen. Es sei daher zu vermuten, dass der Ursprung des Neandertalers mit einer Spezialisierung des Kauapparates zusammenfalle.

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HintergrundDer Neandertaler (Homo neanderthalensis) erhielt seinen Namen nach dem Neandertal im Landkreis Mettmann, einem Talabschnitt der Düssel etwa zehn Kilometer östlich von Düsseldorf. Dort wurden im Jahre 1856 in einem Steinbruch erstmals Knochen des Urmenschen entdeckt. Benannt wurde er jedoch erst acht Jahre später von dem englischen Geologen William King. Heute datieren Archäologen den in Europa und Teilen Asiens beheimateten Neandertaler ins Mittelpaläolithikum, also in die mittlere Altsteinzeit (circa 300 000 bis 40 000 Jahre vor heute). mth