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Konkurrenz im Netz
Apotheker fürchten die Pillen per Mausklick

Noch ist der Internet-Versandhandel von Medikamenten in Deutschland ein Nischenmarkt.
Noch ist der Internet-Versandhandel von Medikamenten in Deutschland ein Nischenmarkt. FOTO: Franziska Kraufmann / dpa
Frankfurt. Ausländische Anbieter dürfen im Internet auch rezeptpflichtige Medikamente verkaufen. Sie werben mit Rabatten. Von Alexander Sturm (dpa)

Wer ein Mittel gegen Grippe, eine Salbe gegen Zerrungen oder auch vom Arzt verordnete Schilddrüsentabletten braucht, muss nicht unbedingt zur nächsten Apotheke gehen. Medikamente lassen sich auch im Internet bestellen. Und das oft zu günstigeren Preisen.



Versandhändler wie DocMorris oder Europa Apotheek drängen mit zum Teil üppigen Rabatten auf den deutschen Markt. Der ist bisher fest in der Hand der traditionellen Apotheken, wie Zahlen des Branchenverbands ABDA zeigen. Nur rund ein Prozent des Umsatzes mit verschreibungspflichtigen Arzneien wurde demnach 2016 per Versand erzielt. Bei rezeptfreien Mitteln waren es gut 13 Prozent.

Doch die Online-Firmen erwarten, dass der besonders umkämpfte Versandmarkt für verschreibungspflichtige Medikamente mittelfristig kräftig wächst. Verbraucher müssen dabei das Rezept an die Versandapotheke schicken. DocMorris wirbt mit portofreiem Einsenden, Mindestbonus von je 2,50 Euro und kostenlosem Arzneiversand.



Die Apotheker hierzulande sind alarmiert. Grund ist ein Urteil des Europäischen Gerichtshofs aus dem vergangenen Jahr. Demnach müssen sich ausländische Versandhändler bei rezeptpflichtigen Medikamenten nicht mehr an die Preisbindung in Deutschland halten. Die Online-Apotheken dürfen also nicht nur bei Nasensprays Rabatte gewähren, sondern etwa auch bei starken Schmerztabletten. Die Apothekerlobby warnt nun vor einem Apothekensterben.

Doch wollen die Deutschen überhaupt Medikamente im Netz kaufen? Die meisten Bundesbürger bleiben offenbar ihrer Apotheke treu. Laut einer Forsa-Umfrage hat erst jeder vierte Deutsche schon Medikamente online gekauft, bei rezeptpflichtigen Arzneien sind es nur drei Prozent.

Viele Kunden scheuten sich davor, Rezepte einzuschicken, sagt Johann Stiessberger von der Beratungsgesellschaft BCG. Selbst bei Erkältungsmitteln gingen die Deutschen lieber zur Apotheke. „Wer krank ist, möchte meist schnell ein Medikament haben.“ Auch achteten Verbraucher dann nicht so sehr auf Rabatte. Was vor allem im Netz gekauft werde, seien Nahrungsergänzungsmittel. Allein wegen Versandhändlern würden Apotheken samt ihrer Beratung nicht verschwinden, sagt der Berater. „Es besteht kein Grund zur Panik.“

Die Apotheken aber fordern ein generelles Versandverbot für rezeptpflichtige Arzneien – ebenso wie Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU). Bei verordneten Medikamenten dürfe es nicht ums Schnäppchenjagen gehen, sagte er den Westfälischen Nachrichten. „Wir brauchen nicht weniger, sondern mehr Beratung.“

Doch Gröhe stößt auf Widerstand der gesetzlichen Krankenkassen, die ein Interesse an günstigen Medikamenten haben. Der Versandhandel sei gerade in strukturschwachen Regionen eine Alternative für Verbraucher, erklärt der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherung. Auch sei der Rückgang der Zahl der Apotheken nicht dramatisch. Verbraucherschützer wehren sich ebenfalls gegen ein Versandverbot. Das wäre angesichts der Digitalisierung „rückwärtsgewandt".

Ganz aus der Luft gegriffen ist der Widerstand der Apotheken aber nicht. Online-Apotheken könnten langfristig wachsen, glaubt Berater Johann Stiessberger. „Gerade die junge Generation ist es gewohnt, online zu bestellen.“ Er sieht zudem einen Beschleuniger für den Markt: das elektronische Rezept. „Das könnte den Versandhandel stark vereinfachen.“ Soweit sei es aber noch nicht.