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Antisemitismus ist im World Wide Web überall zu finden.

Antisemitismus : Antisemitismus ist im Internet allgegenwärtig

Vor allem die sozialen Netzwerke wie Facebook fördern laut einer Studie eine ungefilterte Verbreitung von Antisemitismus und Judenhass.

Die Zahl antisemitischer Kommentare im Internet hat sich in den vergangenen zehn Jahren vervierfacht. Zu diesem Ergebnis ist die Antisemitismusforscherin und Kognitionswissenschaftlerin Monika Schwarz-Friesel von der Technischen Universität Berlin gekommen: „Die ungefilterte und nahezu grenzenlose Verbreitung judenfeindlichen Gedankenguts hat allein rein quantitativ ein nie zuvor dagewesenes Ausmaß erreicht.“ Überall im Internet stießen Nutzer auf zunehmenden Judenhass, auch wenn sie nicht aktiv danach suchten. Besonders zum Ausdruck, und dort auch radikaler denn je, komme er in den sozialen Netzwerken zum Ausdruck.

Mit ihrem Forschungsteam hat Schwarz-Friesel fünf Jahre lang 300 000 Texte und Kommentare zu politischen Themen aus den Jahren 2007 bis 2018 untersucht. Sie stammten aus Internetforen, Ratgeberportalen, den Diskussionsbereichen der Qualitätsmedien und aus den sozialen Netzwerken. Die Zahl antisemitischer Texte unter den untersuchen Beiträgen zu politischen Themen sei von 2007 bis 2017 von gut sieben Prozent auf über 30 Prozent gestiegen, erklärt das Forscherteam. Bei der Auswertung dieses Materials seien die Forscher zeitweise an die Grenzen des Erträglichen gestoßen: „Wir haben nicht nur die sprachlichen Äußerungen mit den Morddrohungen und Beschimpfungen und Dämonisierungen –‚Judenschweine, ekelhaftes Pack, ab ins Gas mit euch‘ oder ‚Wir wollen einen zweiten Holocaust‘ –, sondern wir haben daneben eben auch Bilder, Audios und Videos“, konstatiert Schwarz-Friesel. Sich durch die Anonymität des Internets in Sicherheit wähnend, ließen einige Nutzer alle Hemmungen fallen und veröffentlichten unbehelligt hasserfüllte Kommentare, NS-Vergleiche und Gewalt- so wie Mordphantasien. Und dabei stießen sie nur auf recht wenig Widerstand.

Drei Formen von Antisemitismus:

In ihrer Langzeitstudie „Antisemitismus 2.0“ unterschieden Schwarz-Friesel und ihr Team drei Formen von Antisemitismus. Bei der ersten Variante handelt es sich um Stereotype aus der Zeit vor 1945 – das Konzept des „Ewigen Juden“, mit seinen über Jahrhunderte hinweg konstruierten Merkmalen als das „Fremde“, „Andere“ und „Böse“, als „Wucherer“, „Ausbeuter“, „Geldmenschen“ und „rachsüchtigen Intriganten“. Die zweite Form basiere zwar auf den klassischen Stereotypen der Rachsucht, Gier und Machtausübung, erklärt Schwarz-Friesel, entwickele sich aber weiter. So werde Juden etwa vorgeworfen, sie seien „Holocaust-Ausbeuter“, „nachtragend“ und „unversöhnlich“. Seit 1948 ist der israelbezogene Antisemitismus und Anti-Zionismus als dritte Form hinzugekommen, bei dem alle klassischen Stereotype direkt auf den Staat Israel übertragen werden.

Im Mittel wiesen 54 Prozent der untersuchten Online-Texte und -Kommentare die Stereotype der klassischen Judenfeindschaft auf, der israelbezogene Antisemitismus war mit 33 Prozent vertreten, indes seien Post-Holocaust-Stereotype in zwölf Prozent der Texte zu finden. Mit einem Mittelwert von 70 Prozent sei Hass der dominante Treiber, Ärger, Wut oder Furcht spielten dagegen eine untergeordnete Rolle.

„Der Antisemitismus im Alltag reproduziert und multipliziert die kulturell noch immer tief verankerte Judenfeindschaft. Sie folgt bis heute dem Muster, die Schuld für alles Übel in der Welt den Juden anzudichten“, erklärt Schwarz-Friesel. Das antisemitische Ressentiment richte sich immer gegen die jüdische Existenz an sich – und modern adaptiert gegen das Symbol jüdischen Lebens: Israel. Das zeige sich auch in Themenfeldern, die in keiner Relation zum Nahostkonflikt oder zu Israel stehen.

Die Spezialistin sagt: „Wir haben nicht in der rechten Schmuddel­ecke der Neonazis oder Rechtspopulisten den Judenhass analysiert, sondern im Mainstream. Dort ist der Alltagsantisemitismus und der ist besonders gefährlich.“ Geheime Chats oder geschlossene Gruppen in sozialen Netzwerken seien demnach nebensächlich, Alltagsnutzer aus der Mitte der Gesellschaft, die sich in den alltäglichen Kommunikationsräumen des Internets wie Facebook und Twitter versammelten, seien stattdessen die „Hauptmultiplikatoren und Katalysatoren“. Schwarz-Friesel spricht von einem „besorgniserregenden Phänomen“: Das Internet als Ort für die rasante Verbreitung von antisemitischen Inhalten könne dazu beitragen, dass Judenfeindlichkeit in der gesamten Gesellschaft normalisiert und irgendwann gar akzeptiert werde.

Sie werde oft gefragt, warum der Antisemitismus so resistent sei, warum der Holocaust keine Wende gebracht habe. „Das ist eine einfache Rechenaufgabe: Wir haben 2000 Jahre ,Kulturgut‘ Judenhass und gerade einmal 50 Jahre Aufklärung und ineffektive Bekämpfung“, erklärt Schwarz-Friesel. Judenfeindschaft sei anpassungsfähig „wie ein Chamäleon“, je nach gesellschaftlicher Lage wurden Juden im Laufe der Jahrhunderte als „Christus-Mörder, Brunnenvergifter oder Weltverschwörer“ charakterisiert.

Das zeige sich auch in der aktuellen Situation um Corona: So kursieren seit Beginn der Pandemie verstärkt Verschwörungsmythen in den sozialen Netzwerken, nach denen Juden oder wahlweise Israel als Urheber für das Coronavirus erklärt werde. Eine Umfrage der Universität Oxford habe ergeben, dass ein Fünftel der insgesamt 2500 befragten Briten der These „Juden haben das Virus erschaffen, um die Wirtschaft lahmzulegen und finanziellen Profit daraus zu ziehen“, zumindest ein wenig zustimmen. „Die Corona-Krise wirkt sich leider verstärkend aus, so dass wir auch in diesem Jahr massiv mit Antisemitismus konfrontiert sind“, sagte der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster.

Umfangreiche Aufklärung:

Felix Klein, der Antisemitismusbeauftrage der Bundesregierung, fordert, dass es im Falle von judenfeindlichen Online-Kommentaren gezielt Gegenrede geben müsse: „Es ist wichtig, dass Verschwörungsmythen dekonstruiert werden im Netz. Nicht nur staatlicherseits, sondern auch durch Nichtregierungsorganisationen und Privatleute.“ Schwarz-Friesel genügt das nicht – sie hält einen gravierenden Wechsel in der Erklärung und Bekämpfung von Antisemitismus für notwendig. Dazu zählten umfangreiche Aufklärungs- und Bekämpfungsmaßnahmen sowie gesamtgesellschaftliche Signale aus Politik, Medien und Justiz, die verhindern musste, dass judenfeindliche Sprüche und Kommentare schon früh von Kindern und Jugendlichen wahrgenommen werden.

Um dieses „uralte Phänomen“ zu bekämpfen, brauche es eine völlige Neuorientierung: „Es reicht nicht aus, sich im Geschichtsunterricht nur auf die Schoah zu konzentrieren. Man darf die 2000 Jahre davor nicht auslassen, man wird sonst nicht verstehen, dass der Judenhass ein kulturhistorisches Phänomen ist, tief eingegraben im abendländischen Denken und Fühlen.“