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Ansprüche an Wikipedia-Autoren steigen

Saarbrücken. Wie kaum eine andere Plattform steht die Online-Enzyklopädie Wikipedia für die Möglichkeiten des Einzelnen, an Inhalten im Internet mitzuwirken. Doch der Einstieg für neue Schreiber scheint schwierig. Jonas Wissner

Wer vor nicht allzu langer Zeit in einem gedruckten Lexikon erfolglos einen Begriff suchte, der steckte in einer Sackgasse des Wissens. Und wessen Nachschlagewerke schon etwas älter waren, lief Gefahr, überholtes Wissen im Bücherschrank zu horten. Die Einführung von Online-Enzyklopädien, allen voran Wikipedia , markiert einen Einschnitt. Die Idee dahinter: Das Wissen vieler soll ohne formale Mitgliedschaft allen zugute kommen, jederzeit im Netz verfügbar und stets aktuell sein.

Inzwischen ist Wikipedia , getragen von der Wikimedia-Stiftung, nach eigenen Angaben in über 280 Sprachen verfügbar. Die Enzyklopädie lebt auch von ihrer Dynamik, von neuen Autoren und Themen. Manches deutet jedoch darauf hin, dass der Boom seit einigen Jahren vorüber ist: Im Dezember 2014 sind laut einer frei abrufbaren Statistik von Wikipedia 554 neue "Wikipedianer", aktive Mitarbeiter, mit mehr als zehn Beiträgen hinzugekommen, im Dezember 2006 waren es noch gut dreimal so viele Neulinge. Auch die Zahl jener, die in einem Monat mindestens fünf Beiträge verfasst haben, sinkt seit 2006, im Dezember 2014 waren es noch 5661. Das Wachstum, gemessen an der Zahl aller Artikel, ist gebremst, wohl auch, weil viele Stichworte schon besetzt sind. Gleichwohl kommen ständig neue Themen hinzu.

Doch die Schwelle, vom Leser zum Mitautor zu werden, scheint höher geworden zu sein. "Auf viele neue Autoren wirkt es erst einmal frustrierend, dass das System doch komplizierter als erwartet ist", sagt René König, Wissenssoziologe am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Anhand von Artikeln über die Anschläge vom 11. September 2001 hat er untersucht, wie das Wissen bei Wikipedia ausgehandelt wird. Demnach werden extreme Positionen von der Gemeinschaft klar ausgegrenzt, anerkannte Quellen für Informationen setzen sich durch, auch wenn die Autoren oft Laien sind.

"Das Regelwerk Wikipedias ist über die Jahre komplexer geworden", schätzt der Soziologe ein. "Zwar gibt es zunächst nur wenige Grundprinzipien, etwa das Gebot, Artikel neutral zu formulieren. Wie aber im konkreten Einzelfall "Neutralität" verstanden wird, muss erst mühsam ausgehandelt und im Zweifelsfall auch restriktiv durchgesetzt werden." Die Offenheit von Wikipedia stößt an Grenzen. "Gerade dann, wenn sich viele beteiligen, kann es einseitig werden. Der Diskurs wird dann überfordert, weil die Ansichten zu unterschiedlich sind, und es kommt zu einem Ausschluss abweichender Positionen."

Das Niveau ist in der Breite gewachsen, die Autorenschaft ist professioneller geworden. Davon kann auch Hartmann Linge berichten. Der 55-Jährige steuert seit 2006 Artikel zu Wikipedia bei. Sein Fachgebiet ist die römische Geschichte, für sein Engagement hat er mehrere Auszeichnungen innerhalb von Wikipedia erhalten. Dass der Anspruch an Autoren wachse, sei "wohl ein zwangsläufiger Prozess", vermutet Linge. "In der Anfangsphase von Wikipedia ging es um quantitatives Wachstum, aber irgendwann ist ein Punkt erreicht, wo Laien, die sich nicht intensiv einarbeiten, nicht weiterkommen."

Auf den Diskussionsseiten zu den Artikeln herrscht mitunter ein recht harter Ton, "das kann mit Sicherheit für Neulinge abschreckend sein", sagt Linge. Trotz vieler Augen, die kritisch auf Artikel schauen, und trotz der Professionalisierung schleichen sich Fehler in die Enzyklopädie ein. Ein bekanntes Beispiel stammt aus dem Jahr 2009: Als der CSU-Politiker zu Guttenberg als Wirtschaftsminister antrat, übernahmen einige Medien die lange Liste seiner Vornamen von Wikipedia - und waren anschließend blamiert. Ein Blogger hatte sich einen Scherz erlaubt und im Wikipedia-Artikel den Namen "Wilhelm" eingefügt, den der einstige Minister nicht trägt. Das Beispiel zeigt Defizite, verweist aber auch auf den großen Erfolg von Wikipedia : Das Projekt ist für viele Internet-Nutzer zur ersten Anlaufstelle auf der Suche nach Informationen geworden, zu einem Leitmedium, dem inzwischen auch andere Medien vertrauen - manchmal eben fälschlicherweise.

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