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Ärztlicher Rat per Internet

Für viele Patienten hat die Rücksprache mit einem Arzt über Telefon oder Internet Vorteile gegenüber einem konventionellen Praxisbesuch. Foto: Pleul/dpa
Für viele Patienten hat die Rücksprache mit einem Arzt über Telefon oder Internet Vorteile gegenüber einem konventionellen Praxisbesuch. Foto: Pleul/dpa FOTO: Pleul/dpa
München. Online-Sprechstunden können besonders für ältere Menschen mit chronischen Krankheiten die ständige Warterei in der Praxis überflüssig machen. Dennoch steht gerade diese Gruppe der Technologie skeptisch gegenüber. Nina Scheid

Wer eine Arztpraxis aufsucht, muss meist mit langen Wartezeiten rechnen. Nicht selten gehen so zwei Stunden oder mehr vorüber, bevor der Arzt auch nur einen Blick auf den Patienten werfen kann. In den letzten Jahren erfreut sich daher die Online- oder Telemedizin immer größerer Beliebtheit: Anstatt einen Arzt in seiner Praxis aufzusuchen, stellt dieser via Internet oder Telefon eine Ferndiagnose. Bei Bedarf kann er auf diesem Weg auch gleich ein Rezept ausstellen.


Die Vorteile des virtuellen Arztbesuchs liegen auf der Hand: Es gibt keine langen Anfahrts- und Wartezeiten und es besteht keine Ansteckungsgefahr von anderen Patienten. Genauso eindeutig sind aber auch die Nachteile, denn natürlich kann auf diesem Weg lediglich einem Bruchteil der Patienten ausreichend geholfen werden. Bestimmte Untersuchungen, wie beispielsweise das Anfertigen von Ultraschallbildern oder das Abhören der Lunge, sind von vorneherein ausgeschlossen.

Um die digitale Patientenversorgung weiter auszubauen, beschäftigten sich eine Reihe Unternehmen aber bereits mit Möglichkeiten zur Aufzeichnung von Körperfunktionswerten wie Puls oder Blutdruck von zu Hause aus. Diese Werte können dann über das Internet übermittelt werden. Das könnte vor allem in der Pflege chronisch kranker Patienten neue Möglichkeiten eröffnen.



An der Hochschule Fresenius in München haben sich jetzt Studierende der Studiengänge Wirtschaftspsychologie, Betriebswirtschaftslehre sowie Management und Ökonomie im Gesundheitswesen mit der Frage beschäftigt, ob die Deutschen grundsätzlich dazu bereit sind, Online- oder Telemedizin zu nutzen. Dazu wurden insgsamt 65 Patienten und 19 Ärzte befragt.

Die Ergebnisse zeigen, dass besonders junge Menschen dem digitalen Praxisbesuch gegenüber aufgeschlossen sind. Ältere Menschen seien hingegen eher skeptisch. "Ihnen fehlt oftmals einfach die Affinität zur Technik", so Benjamin Ruhlmann, Projektleiter der Untersuchung und Dozent an der Hochschule Fresenius. Dabei würden gerade sie am stärksten vom Online-Doktor profitieren, da sie statistisch gesehen häufiger krank und weniger mobil sind, wie Ruhlmann weiter erklärt.

Hinzu kommt, dass auch Ärzte Vorbehalte gegenüber Online- und Telemedizin haben: 18 der 19 befragten Mediziner gaben an, dass eine Sprechstunde via Internet oder Telefon deutlich weniger Erfolg verspreche als eine konventionelle Behandlung in der Praxis.

Ruhlmann erklärt, die Branche der Online- und Telemedizin sei in vielen Ländern wie beispielsweise Großbritannien sehr viel weiter verbreitet und deutlich besser akzeptiert als hierzulande.

Norbert Butz, Telemedizin-Experte der Bundesärztekammer, glaubt dennoch, dass sich die Medizin auch in Deutschland in den kommenden Jahren stärker digitalisieren wird. "Bisher wird digitale Technik meist für die Verwaltung genutzt, sie wird aber bald verstärkt auch in medizinischen Bereichen Einzug halten", so der Experte.

Auch Benjamin Ruhlmann kann sich gut vorstellen, dass beispielsweise Rezepte bald nicht mehr in Papierform, sondern digital ausgestellt werden. Er glaubt aber auch, dass der Arztbesuch via Internet oder Telefon den persönlichen Kontakt nicht ersetzen kann: "Online- und Telemedizin kann höchstens eine Ergänzung zum normalen Praxisbesuch darstellen." Einen Grund für die fehlende Akzeptanz sieht er auch darin, dass die Menschen Bedenken beim Datenschutz haben: Niemand breite gerne seine Krankheitsgeschichte im Netz aus.