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Ältere Menschen tun sich mit dem Internet oft schwer

Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung : Nur wenige Senioren souverän im Netz

Ältere Menschen haben oftmals Berührungsängste, wenn es um das Internet geht. Hier braucht es mehr Unterstützung.

So richtig schätzen gelernt hat Gerhard Biermann (82, Name geändert) das Internet, als seine drei Enkel nacheinander ein Freiwilliges Soziales Jahr in Südafrika absolvierten. Per Mail und auch per Skype versuchte er, ihr Heimweh zu lindern und an ihren Erlebnissen teilzuhaben. Auch als die Sparkasse in seinem 2 000-Einwohner-Heimatdorf im Sauerland die Zweigstelle schloss und nur noch ein Bankautomat für Geldfluss sorgte, hatte er keine Scheu, auf Online-Banking umzustellen.

Doch anders als Biermann haben viele Bundesbürger der älteren Generation große Berührungsängste gegenüber der digitalen Welt – etwa weil sie schon aus dem Berufsleben ausgeschieden sind, Kontakte zu internetaffinen Jüngeren fehlen oder weil sie schlicht mit der Technik nicht umgehen können, Angst oder Sicherheitsbedenken haben. Das legt eine Untersuchung der Bertelsmann-Stiftung nahe.

Nur ein Drittel der Generation „Silver Surfer“ fühlt sich im Umgang mit dem Internet sicher, heißt es in der Studie „Digitale Kompetenzen im Alter“. Über alle Altersklassen hinweg äußerten 63 Prozent der vom Marktforschungsunternehmen Kantar Befragten eine positive Einschätzung. Während aber 79 Prozent der 14- bis 29-Jährigen kaum Berührungsängste kennen, gilt das nur für 41 Prozent der 60- bis 69-Jährigen. Und bei den über 70-Jährigen fühlen sich nur 36 Prozent eher sicher bis sehr sicher.

Bei einer Selbsteinschätzung bezeichnen 64 Prozent aller Befragten die eigenen Kenntnisse als eher gut bis sehr gut. Bei den 14- bis 29-Jährigen sind es 89 Prozent, bei den 60- bis 69-Jährigen 50 Prozent und bei den über 70-Jährigen nur noch 36 Prozent.

Ähnliche Ergebnisse hatte im Dezember die Emporia-Seniorenstudie 2018 zum Thema Smartphone ergeben. Eine Mehrheit der Senioren fühle sich durch das Smartphone überfordert, hieß es. Je älter die Senioren, desto schwerer falle ihnen die Bedienung. Auch in den sozialen Netzwerken ist nach Angaben des Branchenverbands Bitkom nur eine Minderheit von Senioren präsent. Bankgeschäfte erledigt in der Altersgruppe ab 65 nur jeder Fünfte online.

Brigitte Mohn, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung, sieht deshalb Handlungsbedarf. Viele ältere Menschen drohten von der digitalen Welt abgekoppelt zu werden – obwohl doch gerade sie von den vielfältigen Angeboten profitieren könnten: vom Skypen mit der Familie bis zum Online-Einkauf, von telemedizinischen Angeboten bis zu digitalen Hilfen, die es ermöglichen, länger in den eigenen vier Wänden wohnen zu bleiben.

Die Stiftung fordert deshalb mehr „digitale Daseinsvorsorge“ und „niedrigschwellige Angebote“, damit Senioren digitale Kompetenzen erwerben können und die digitale Spaltung der Gesellschaft verhindert werde. Sie empfiehlt beim Thema „Digitale Souveränität“ einen Blick nach Finnland. „Der Herausforderung, alle Bevölkerungsgruppen digital fit zu machen, wird dort mit einer bemerkenswerten Allianz begegnet, an der neben der Politik auch Wissenschaft und Wirtschaft beteiligt sind“, heißt es in der Studie.

Auch in Deutschland müsse durch das gemeinsame Engagement insbesondere von Kommunen, Zivilgesellschaft und Bildungsinstitutionen – etwa über Volkshochschulen, Bibliotheken, Kirchen und Vereine – die digitale Souveränität der Älteren gestärkt werden, fordert die Studie. „Niedrigschwellige Angebote auf dem Land und in der Stadt, die die Menschen dort abholen, wo sie stehen, müssen deutlich ausgebaut werden.“ Ebenso wichtig wie der „DigitalPakt Schule“ des Bundesbildungsministeriums wäre daher ein „Digitalpakt 60plus“, der den Aufbau einer digitalen Hilfe-Infrastruktur oder die Ausstattung von Seniorenheimen mit schnellem Internet unterstütze.

Tätig geworden ist bereits die Bundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen (BAGSO). Zusammen mit der Initiative „Deutschland sicher im Netz“ will sie bundesweit 75 Standorte aufbauen, an denen Internetlotsen älteren Menschen helfen, die Technik kennenzulernen und attraktive Angebote wie digitale Museumsbesuche oder Online-Bewegungsangebote auszuprobieren. 25 Standorte für den „Digitalkompass“ arbeiten bereits, darunter Saarbrücken und Trier.

www.digital-kompass.de

(kna)