Nachwuchs aus dem Kältetank

Kind oder Karriere? Vor dieser Frage stehen viele junge Frauen. Doch Kinderwunsch und Karriere müssen sich nicht ausschließen, sagen die Vertreter des „Social Freezing“. Die umstrittene Technik erlaubt es jungen Frauen, Eizellen zur späteren Befruchtung einfrieren zu lassen.

 In solchen Kältetanks können Körperzellen über viele Jahre hinweg konserviert werden, erklärt der Gynäkologe Dr. Lars Happel (Bild). Foto: Iris Maurer

In solchen Kältetanks können Körperzellen über viele Jahre hinweg konserviert werden, erklärt der Gynäkologe Dr. Lars Happel (Bild). Foto: Iris Maurer

Foto: Iris Maurer

Düsseldorf. Der Gedanke, Eizellen einer Frau für eine spätere Befruchtung einfrieren zu lassen, ist nicht neu. Das Verfahren wurde für Krebspatientinnen entwickelt, die sich vor einer Behandlung einer Eizell-Entnahme unterziehen konnten. Doch mittlerweile wird die Technik auch von immer mehr gesunden Frauen als eine Art Versicherung zur Erfüllung eines späten Kinderwunsches genutzt. Als "Social Freezing" wird diese Anwendung bezeichnet.

"Junge Frauen stehen bei der Familienplanung unter Druck, denn sie wollen einerseits beruflich unabhängig sein, andererseits setzt das Alter ihnen Grenzen", so Professor Jan-Steffen Krüssel, Koordinator des Kinderwunschzentrums an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. "Nach langer Diskussion und weil der Druck wächst, bieten wir seit drei Jahren Social Freezing an", erklärt Dr. Lars Happel, Gynäkologe und Reproduktionsspezialist des Kinderwunschzentrums IVF-Saar Saarbrücken/Kaiserslautern. Er stellt jedoch klar, dass die Methode keinesfalls eine Versicherung gegen Unfruchtbarkeit sei, als die sie oft propagiert wird. Schließlich könne nicht jede Eizelle befruchtet werden. Dies hänge vor allem vom Alter der Frau bei der Entnahme ab. Das ideale Alter zum Einfrieren sei vor dem 30. Lebensjahr. Selbst dann entstehe aber nur aus jeder siebten befruchteten Eizelle ein Embryo, der sich zu einem Kind entwickeln könne.

Ein teures Verfahren

Dennoch bieten US-Kliniken die sogenannte Fruchtbarkeitsversicherung an. Prominente machen es vor: Das TV-Sternchen Kim Kardashian spricht öffentlich über ihre eingefrorenen Eizellen, US-Sängerin Sophie Hawkins bekommt mit 50 ihr zweites Kind aus einer Eizellreserve, die italienische Sängerin Gianna Nannini ihr erstes mit 54. Lässt sich die biologische Uhr wirklich anhalten? Schließlich altern Eizellen, die nach der Entnahme in einem Verfahren namens Vitrifikation schockgefrostet werden, praktisch nicht. "Eingelagert in flüssigem Stickstoff bei minus 196 Grad halten Eizellen nach bisherigen Erkenntnissen ewig", so Jan-Steffen Krüssel.

Beim Social Freezing unterzieht sich die Frau einer Hormonbehandlung, um mehr Eizellen zu gewinnen. Unter Vollnarkose werden etwa 15 Zellen entnommen. Es kann nötig sein, den Eingriff zu wiederholen. Nach der Entnahme werden die Zellen schockgefroren und können zu einem beliebigen Zeitpunkt aufgetaut, künstlich befruchtet und in den Mutterleib eingesetzt werden.

Eine Frau, die Ende 20 eine Eizellreserve angelegt hat, könnte rein theoretisch mit 60 darauf zurückgreifen. Genau hier sieht aber Lars Happel Gefahren. "Man sollte nicht vergessen, dass eine Schwangerschaft im fortgeschrittenen Alter viele Risiken, sowohl für die Mutter, als auch das Kind birgt - im Zweifelsfall sollte immer der gesunde Menschenverstand entscheiden", so Happel. Die Kosten des Social Freezing muss die Patientin tragen. Laut Happel fallen für die Entnahme etwa 3000 Euro an. Die Lagerung koste bis zu 400 Euro im Jahr, die spätere Befruchtung ebenfalls 3000 Euro.

Die falsche Richtung

Aus den USA kommt der Vorschlag von Firmen wie Apple und Facebook , diese Kosten für ihre Mitarbeiterinnen zu übernehmen. Fügen sich Frauen damit nicht gedankenlos dem Druck im Job, statt sich über die eigene Lebensplanung Gedanken zu machen? Happel findet, dass dieser Trend in eine "gesellschaftlich falsche Richtung" gehe. Man müsse anders ansetzen und Frauen dabei unterstützen, ihren Kinderwunsch zu erfüllen. Doch trotz ethischer Vorbehalte sieht Happel in dieser medizinischen Technik einen neuen Trend. "In den letzten zwei Jahren haben sich zehn Frauen für die Kryokonservierung aus nicht medizinischen Gründen in unserer Klinik entschieden. Von anderen Kollegen in Großstädten weiß ich, dass die Zahl dort sehr viel höher ist - Tendenz steigend."

Zum Thema:

HintergrundDie Uniklinik Heidelberg hat eine anonyme Online-Umfrage zum Thema Social Freezing gestartet. Teilnehmen können Frauen und Männer jeglichen Alters. socialfreezingumfrage.de

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