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Zweifacher Kulturschock

Saarbrücken. Kaum Zugang zu Trinkwasser, ein marodes Gesundheitssystem und fremde Gepflogenheiten – sechs Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft erlebten in Myanmar einen regelrechten Kulturschock. Drei Monate verbrachten sie in einer Klosterklinik in dem südostasiatischen Land, um dort Pflegeschwestern zu schulen. Für dieses ungewöhnliche Lehrkonzept wurde Professorin Martha Meyer mit dem höchstdotierten saarländischen Wissenschaftspreis ausgezeichnet. Redaktionsmitglied Eva Lippold

Der erste Tag war ein Schock. "Ein Hitzeschock, aber vor allem ein Kulturschock", sagt die 31-jährige Simone Wagner. Zwölf Wochen verbrachte die Studentin mit fünf ihrer Kommilitonen der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in einer buddhistischen Klosterklinik in Myanmar . Auf sich gestellt in einem Land, in dem es kaum Zugang zu Trinkwasser, Hygiene oder einer gesundheitlichen Grundversorgung gibt.

Dort schulten sie im Rahmen des Projektpraktikums ihres Bachelor-Studiums "Management im Pflege- und Gesundheitswesen" zwölf Hilfsschwestern der Klinik in medizinischen und pflegerischen Grundlagen. "Für so ein Wagnis muss man tropenfest sein, das kann nicht jeder", sagt Professor Martha Meyer, die das sogenannte "Nurse-Aid-Programm" gemeinsam mit ihren Studenten entwickelt hat. "Es war ein absoluter Glücksfall, dass die Studenten spontan gesagt haben: Ja, das machen wir!" Für ihr ungewöhnliches Lehrkonzept wurde Meyer vergangene Woche mit dem auf 25 000 Euro dotierten Landespreis für Hochschullehre ausgezeichnet.

Alle sechs Studentinnen und Studenten bringen bereits eine abgeschlossene Ausbildung und jahrelange Erfahrung als Gesundheits- und Krankenpfleger oder Physiotherapeut mit. Doch sie mussten erst einmal lernen, dass die Menschen in dem südostasiatischen Land eine völlig andere Vorstellung von Gesundheit haben. "In den ländlichen Gegenden geben die Menschen zur Desinfektion Asche auf die abgetrennte Nabelschnur eines Säuglings - und die Kinder sterben reihenweise an Tetanus", berichtet Meyer. "Es gibt dort keine Diagnostik, man stellt nur die Symptome fest", sagt die 28-jährige Martina Herber. Um die Ursache einer Krankheit herauszufinden, fehlten oft einfach die Mittel.

Mit ihrem Fachwissen wurden die Studenten bei den Hilfsschwestern sofort zu hochbegehrten Spezialisten. "Sie waren wie ein Schwamm, haben gierig alles aufgesaugt und direkt umgesetzt", sagt Herber.

Jeder der Studenten hatte sein Spezialgebiet, in dem er die Schwestern auf Englisch schulte - das begann mit dem Anziehen von Plastikhandschuhen und den Grundlagen der Anatomie und endete bei Fragen wie: Wie stelle ich eine Diagnose? Wie kann ich eine Krankheit verhindern? "Oft mussten wir spontan alles neu formulieren und den Bedingungen dort anpassen", erzählt Wagner, die das Fachgebiet Mutter-Kind-Gesundheit schulte. "Man kann nicht aus Südostasien Europa machen. Stattdessen mussten wir schauen, was vorhanden ist, und daraus etwas Tolles machen."

Die burmesischen Hilfsschwestern hatten zwar alle Abitur, jedoch keine pflegerische Ausbildung. Das hinge mit dem sehr hohen Numerus clausus für ein Pflegestudium zusammen, ausgebildete Pflegekräfte verließen meist das Land, da sie anderswo das Doppelte verdienten, berichtet Meyer. Über das 200-stündige Trainingsprogramm, das von der Kröner-Fresenius-Stiftung gefördert wird, erwarben die Schwestern der Klinik ein Zertifikat des Instituts für Wissenschaftliche Weiterbildung der Saarbrücker HTW.

"Wir hatten ein strammes Programm", berichtet die 27-jährige Sarah Meyer. Jeden Vormittag schulten die Studenten die Schwestern , anschließend bereiteten sie ihren Unterricht vor und unterstützten die Behandlungen in der Klinik. Die wird ausschließlich über Spenden finanziert. Da die Behandlung im Gegensatz zu staatlichen Krankenhäusern kostenlos ist, wird sie nicht nur von den Mönchen, Schülern und Waisenkindern des Klosters, sondern auch von etwa 20 000 Personen aus der Region genutzt. Das Behandlungsspektrum reicht von Unterernährung und Unfällen, über chronische Krankheiten bis hin zu Tropen- oder Infektionskrankheiten wie Malaria, HIV und Tuberkulose. Zwischendurch wurden die Studenten auch selber krank, hatten Durchfall und sogar eine Lungenentzündung.

In das Land, das Meyer als "vom Sozialismus ausgeblutetes Militärregime" beschreibt, reisten die Studenten mit einem sogenannten Meditationsvisum ein - dies sei der gängige Weg, wenn man länger als zwei Wochen bleiben möchte, so Meyer. Dafür bekamen sie im Kloster eine tägliche Einführung in den Buddhismus. "Das war unheimlich wichtig, um die Kultur besser verstehen", sagt die 30-jährige Elavani Vijayendran. "Es gibt viele Tabus, die wir sonst nicht begriffen hätten." Das Tabu Körperkontakt sei für sie das Allerschlimmste gewesen, sagt Simone Wagner. "Viele der Menschen, die uns dort begegnet sind, hätte ich zu gerne in den Arm genommen."

Während die Studenten von ihren Erlebnissen in Myanmar berichten, wird klar: Was sie in dem südostasiatischen Land gelernt haben, ist nichts, was üblicherweise an einer deutschen Hochschule vermittelt wird. "Ein Projekt unter so extremen Bedingungen von Anfang bis Ende umzusetzen, gibt natürlich enorm viel Selbstvertrauen", sagt ihre Professorin Meyer. "Zurück in Deutschland haben alle gesagt: Ihr seid ja völlig andere Menschen. Und genauso hat es sich auch angefühlt", erzählt Vijayendran.

Und so kam der größte Kulturschock erst, als die Studenten wieder zurück nach Saarbrücken kamen. "Wir hatten riesige Schwierigkeiten, uns wieder an den Stress um Nichtigkeiten zu gewöhnen", sagt Wagner. Was die Studenten mit nach Hause gebracht haben? "Gelassenheit", sagt Martina Herber. "Ich hab gelernt, mit ganz wenigen Dingen auszukommen."

Im kommenden September werden erneut drei Studenten der Hochschule in die Klosterklinik in Myanmar gehen. Zehn haben sich für das Nurse-Aid-Programm beworben, nur drei hat Meyer ausgewählt: "Die Studenten, die dort waren, haben die Latte eben sehr hoch gehängt."