| 20:42 Uhr

Wald als Therapie
Tief einatmen: Waldluft ist gesund

Waldluft ist nicht nur praktisch frei von Feinstaub. In ihr haben Wissenschaftler auch eine ganze Reihe biologisch aktiver Substanzen entdeckt, die nachweislich positive Effekte auf unsere Gesundheit haben. Sie stärken zum Beispiel das Immunsystem.
Waldluft ist nicht nur praktisch frei von Feinstaub. In ihr haben Wissenschaftler auch eine ganze Reihe biologisch aktiver Substanzen entdeckt, die nachweislich positive Effekte auf unsere Gesundheit haben. Sie stärken zum Beispiel das Immunsystem. FOTO: Robby Lorenz
Saarbrücken. Ein Waldspaziergang als Krebs- oder Psychotherapie? Das ist nicht so abwegig, wie es im ersten Moment klingt. Es gibt Mediziner, für die gehören Aufenthalte im Forst auf jeden Fall zum Vorsorge- und Reha-Programm. Von Maren Peters

Wälder sind weit mehr als eine Ansammlung von Bäumen. Sie bieten Lebens-, Arbeits- und Wirtschaftsraum, liefern Nahrung, medizinische Wirkstoffe und Schutz. Sie sind Luftfilter, Wasser- sowie Kohlenstoffspeicher und viele Menschen finden in Wäldern Erholung, Ruhe und neue Kraft. „Ein Wald wirkt ausgleichend. Auf das Klima ebenso wie auf den Menschen, denn er deckt unterschiedliche Dimensionen des Wohlbefindens ab. Luft, Licht, Farben, Temperatur und Geräusche wirken positiv auf alle Sinne – ganz anders als in der Stadt“, sagt Hans-Peter Hutter, Umweltmediziner am Institut für Umwelthygiene der Medizinischen Uni Wien. „Ein Waldspaziergang wirkt entspannend, senkt Blutdruck sowie Herzschlagfrequenz und fördert, sofern er nicht alleine unternommen wird, soziale Interaktionen.“


Deutschland ist mit elf Millionen Hektar das waldreichste Land der EU, 32 Prozent der Fläche sind mit Bäumen bewachsen. Rechnerisch stehen jedem Einwohner 1300 Quadratmeter Wald zur Verfügung. Dessen wirtschaftliche Bedeutung ist bekannt. Die gesundheitliche nicht, denn die in der Waldgemeinschaft ablaufenden biochemischen Prozesse sind kaum erforscht.

Die meisten Menschen fühlen sich in lichtem Laubmischwald wohl. Monokulturen aus Nadelbäumen  wirken hingegen auf viele eher düster und trist. Und tatsächlich sind Mischwälder artenreicher und ihre Lebensgemeinschaft ist auch widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Stürme. „Was genau jemand mit einem Wald verbindet, hängt allerdings von seinen individuellen Erfahrungen und oft auch von der ihm vermittelten Mystik ab“, sagt Hutter.

Bewiesen ist: Waldluft enthält 99 Prozent weniger Feinstaub als städtische. Dafür jedoch viel Feuchtigkeit und gesundheitsfördernde Ausgasungen von Pflanzen und Pilzen. Darunter bioaktive Verbindungen wie Kohlenwasserstoffe. Zur große nGruppe der Terpene gehören wichtige aromatische Bestandteile von Pflanzensäften, Harzen und ätherischen Ölen, welche zum typischen Waldgeruch beitragen. Im Wald kann sich die Lunge also gut regenerieren. Zudem stärken Terpene nach Studien des japanischen Mediziners Qing Li von der Nippon Medical School in Tokio das Immunsystem und aktivieren Killerzellen, die Tumore bekämpfen. Ein Tag im Wald steigert, laut Li, die Anzahl der körpereigenen Abwehrzellen um 40 Prozent. Demnach können die bioaktiven Substanzen in der Waldluft nicht nur bei psychischen Krankheiten wie Depressionen vorbeugend und therapieunterstützend wirken, sondern auch bei organischen. Waldmedizin ist seit 2012 an Universitäten in Japan ein eigener Forschungsbereich und Waldluft gilt als lebensverlängerndes Heilmittel. „Shinrin yoku“ werden therapeutische Aufenthalte in der Natur genannt. Übersetzt bedeutet das Waldbaden. Wann immer möglich, gehen Japaner ins Grüne.

Auch in Europa wächst das Bewusstsein für die Wirksamkeit des Waldes. Dass der Körper im Wald Stresshormone abbaut, belegt eine Studie des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim. Sie dokumentiert über ein Jahr lang das Befinden und Verhalten von Schülern eines Heidelberger Gymnasiums, die einen Tag in der Woche im Wald unterrichtet wurden.



Alle Beteiligten nahmen den naturnahen Unterricht positiv wahr. Ein Eindruck, den die biologischen Messdaten, wie die Untersuchung des Speichels auf das Stresshormon Cortisol, bestätigten. Die Kinder seien neugieriger, aufmerksamer und aktiver, zugleich aber auch viel entspannter und insgesamt motivierter als im Klassenzimmer, sagen die Lehrer. Peter Kirsch, Leiter der Studie: „Unsere Studie zeigt: Im Wald reduziert sich der Lernstress.“ Damit sich dauerhaft eine höhere Stressresistenz entwickelt, müssten die Waldaufenthalte allerdings deutlich häufiger stattfinden als einmal die Woche.

Doch niemand muss seinen Lebensschwerpunkt in den Wald verlegen. Schon ein halbstündiger Spaziergang hat kurzzeitig positive Effekte für die Gesundheit, belegen die Studien des Waldmediziners Li. Internationale Untersuchungen zeigen: Wer jede Woche mindestens 150 Minuten geht, senkt sein Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Tumore deutlich. Idealerweise natürlich im Grünen. „Heutzutage ist vielen Menschen die Natur oft fremd. Zudem bewegen sich die meisten zu wenig. Insbesondere Kinder sind davon betroffen und verkümmern regelrecht“, bestätigt auch Hans-Peter Hutter. „Waldaufenthalte beheben beide Mängel und mehr. Der Wald schult umfassend alle Sinne, das Körpergefühl, Muskeln, motorische und soziale Fähigkeiten. Gleichzeitig wirkt er entspannend. Wälder bieten uns quasi eine umfassende Gesundheitskur ohne Rezept und Nebenwirkungen.“

Das Phänomen Naturentfremdung betrifft immer mehr Menschen. Viele Städte bieten nur wenige Möglichkeiten für Auszeiten im Grünen und die Anforderungen der Arbeitswelt kaum Zeit für größere Ausflüge. Umweltmediziner Hutter: „Es gibt zwar immer noch Stimmen, die sagen: Wer Grün will, sollte aufs Land fahren. Aber das ist Quatsch. Wir brauchen möglichst viele Bäume in den Städten und das nicht nur vereinzelt. Erst in größeren Gruppen können die Pflanzen ihr besonderes Mikroklima und damit eine ausgleichende Wirkung auf das Stadtklima entfalten. Dadurch werden sie gesundheitlich wertvoll und sind nicht nur dekorativ.“