| 20:04 Uhr

Streiten als Wettkampf-Sport

Niels Grammes (dritter von links) debattiert mit Tobias Hebel (zweiter von rechts). Julian Vaterrodt (ganz links) leitet die Jury. Foto: Becker&Bredel
Niels Grammes (dritter von links) debattiert mit Tobias Hebel (zweiter von rechts). Julian Vaterrodt (ganz links) leitet die Jury. Foto: Becker&Bredel FOTO: Becker&Bredel
Saarbrücken. Seit fünf Jahren hat die Saar-Uni einen Debattier-Club. Hier üben Studenten, mit Argumenten und Auftreten zu überzeugen. Christian Leistenschneider

Fünf junge Männer liegen mit dem Rücken auf Tischen. Sie versuchen, in den Bauch hinein zu atmen. Dieses Bild wird wohl kaum erwarten, wer das moderne Glasgebäude E2 1 auf dem Campus der Saar-Uni betritt. Bietet die Hochschule nun auch Esoterik-Kurse an?



Der Schein täuscht. Es handelt sich vielmehr um eine Übung, die auf eine altehrwürdige akademische Einrichtung vorbereiten soll: die Debatte, bei der Wettbewerber nach festen Regeln ein Thema diskutieren, mit dem Ziel, die Konkurrenz in Sachen Argumente und Auftreten zu übertrumpfen.

Das organisierte Streiten unter Studenten hat vor allem in den englischsprachigen Ländern eine lange Tradition. Die 1815 gegründete Cambridge Union behauptet von sich, der älteste durchgehend existierende Debattier-Club der Welt zu sein. Größen wie Winston Churchill, Theodor Roosevelt oder der Dalai Lama gehörten dort schon zu den Diskussion-Teilnehmern. Debattier-Clubs an britischen und amerikanischen Universitäten gelten als Sprungbretter für große Karrieren in Politik und Wirtschaft.

In Deutschland ist das Phänomen noch recht jung. Dem Verband der Debattierclubs an Hochschulen (VDCH) zufolge wurde der erste Club dieser Art hierzulande 1991 an der Universität Tübingen gegründet. 2001 fand die erste Deutsche Meisterschaft im Debattieren statt; im selben Jahr wurde der Dachverband VDCH gegründet. Aktuelle gebe es im deutschsprachigen Raum 70 solcher Clubs.

Der Debattier-Club in Saarbrücken wurde im Sommersemester 2011 gegründet. Er hat nach eigenen Angaben zwölf aktive Teilnehmer. Mitmachen kann jeder. Die Gruppe nimmt an Turnieren in der ganzen Bundesrepublik teil. Die Kosten dafür übernehmen die Studenten komplett selbst. Deshalb wäre es eine große Erleichterung für das Team, finanzielle Unterstützung durch die Uni, eine Bank oder die Politik zu bekommen, sagt Julian Vaterrodt. Der 24-Jährige ist Trainer der Saarbrücker Debattierer.



Die Atem-Übung soll dazu dienen, beim Reden den Luftstrom besser zu kontrollieren. Das helfe auch bei der Betonung, erklärt Vaterrodt. Die Art des Vortrages sei bei Debatten von entscheidender Bedeutung.

Insbesondere die Gestik hat der Trainer als Schwäche seines Teams ausgemacht. "Niels hat beim Turnier eine gute Rede gehalten, aber immer dieselbe Bewegung gemacht", erklärt er den Studenten. Er versucht, ihnen ein Gespür für die Wirkung von Armbewegungen zu vermitteln. "Bestimmte Gesten wirken machtvoll und kraftvoll und ihr beherrscht den Raum."

In einer Trainingsrunde sollen die Studenten an ihren Schwächen arbeiten. Zunächste werden die Gruppen ausgelost: Zwei Teilnehmer bilden die Regierung, zwei die Opposition. Dann stellt der Trainer das Thema vor: Soll die NPD verboten werden? 15 Minuten Vorbereitungszeit gibt es. Die Teilnehmer habe nur Stift und Papier zur Verfügung. Handys oder andere Hilfsmittel sind verboten.

Während sie ihre Argumente vorbringen, versuchen die Studenten die Vorgaben zu Auftreten und Gestik umzusetzen - manche mehr, manche weniger. Nachdem jeder seine Redezeit erfüllt hat - die vorgegebene Zeit gilt es auf 30 Sekunden genau auszufüllen - werden die Teilnehmer rausgeschickt und die Jury bespricht sich.

Ein großes Manko hat Trainer Vaterrodt bei allen Beiträgen festgestellt: Es fehlt an Struktur. Die Debattierenden sollen den Zuschauern genau klarmachen, was sie mit ihrer Rede erreichen wollen, welche Argumente sie dafür nennen und warum ihre Position die richtige ist.

Was macht einen guten Redner aus? "Das Allerwichtigste ist Selbstbewusstsein", sagt Vaterrodt. "Das ist etwas, was man entwickeln kann. Es gibt Leute, die kommen in den Club und sagen gar nichts und nach ein paar Monaten reden sie sieben Minuten am Stück."

Drei Kategorien von Leuten kommen seiner Beobachtung nach in den Club. Studenten, die eher unsicher sind und in einem geschützten Raum ihre Fähigkeiten entwickeln wollen. Menschen, die sowieso viel reden und die Eigenschaft in einer sinnvollen Weise umsetzen wollen. Und schließlich Menschen, die Karriere machen wollen und sich Zugang zu einem Netzwerk durch die Debattierwettbewerbe versprechen.