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Universität der Großregion
Wo Macrons Vision längst Wirklichkeit ist

Auch die Université du Luxembourg mit ihrem futuristisch anmutenden Campus Belval ist Teil des grenzüberschreitenden Projekts.
Auch die Université du Luxembourg mit ihrem futuristisch anmutenden Campus Belval ist Teil des grenzüberschreitenden Projekts. FOTO: Université du Luxembourg - Brumat Photo / Foersom Sàrl
Saarbrücken. In der „Universität der Großregion“ kooperiert die Saar-Uni mit Hochschulen aus Frankreich, Belgien, Luxemburg und Deutschland. Von Jakob Kulick

Über Ländergrenzen hinweg vernetzte Hochschulen, die es ermöglichen, im Ausland und in mehreren Sprachen zu studieren – so stellt sich der französische Staatspräsident europäische Universitäten vor. Diese Idee entwarf Emmanuel Macron in seiner viel beachteten Rede an der Pariser Universität Sorbonne im vergangenen Jahr. Bald darauf griff die Europäische Union Macrons Idee auf und stellte in Aussicht, ebensolche Hochschulnetzwerke zu fördern.


Die Universität der Großregion lebt allerdings schon lange vor, wie Macrons Vision in der Wirklichkeit aussehen könnte. Der Verbund der Universitäten aus Trier, Kaiserslautern, Lüttich, Luxemburg sowie der des Saarlandes und Lothringens feierte jüngst sein zehnjähriges Bestehen. Dozenten, Doktoranden, Mitarbeiter und Studenten schildern ihre Erfahrungen mit dem Hochschulnetzwerk – und mit dessen Vorläufern. Denn schon lange vor dem offiziellen Zusammenschluss boten einige der involvierten Hochschulen grenzübergreifende Programme an.

Einer, der davon früh profitierte, ist Matthias Maurer. Heute ist der 48–jährige Saarländer Teil des Astronautenprogramms der Europäischen Weltraumorganisation ESA. Nach Alexander Gerst könnte Maurer als nächster Deutscher zur Raumstation ISS fliegen.



Anfang der 1990er-Jahre war er bereits einer der Pioniere der Uni der Großregion. Damals belegte er den neu geschaffenen deutsch-französischen Studiengang in Werkstoffkunde an der Universität Nancy, die später in der Lothringens aufging. „Weil ich die Vorstellung spannend fand, nicht nur fachlich weiterzukommen, sondern auch eine fremde Sprache und eine fremde Kultur kennenzulernen, habe ich mich sofort für das Programm gemeldet“, erinnert sich Maurer. „Dort angekommen war ich nicht nur der erste, sondern auch der einzige Deutsche im gesamten Studiengang.“

Es folgten Praktika in den argentinischen Städten Neuquén und Cordoba, die Maurer auf ein zusätzliches Semester an der Uni in Barcelona vorbereiten sollten. „Ich war also schon während meiner Studienzeit ganz schön viel international unterwegs.“ Daran findet Maurer besonders wichtig, dass es neue Perspektiven eröffnet: „Man lernt ein neues Land kennen, aber sieht danach auch seine eigene Heimat mit ganz anderen Augen.“

Ähnliche Erfahrungen hat Marius Gipperich gemacht. Er folgte Maurers Fußstapfen und studierte ebenfalls Materialwissenschaften in Nancy – worauf sich der heutige Doktorand an der Universität des Saarlandes früh vorbereitete: „Schon in der Schule habe ich mich für die Fächer Physik und Chemie besonders begeistert. Außerdem besuchte ich in Gummersbach ein zweisprachiges Gymnasium.“ Dort sei der Unterricht in einigen Fächern komplett auf Französisch gehalten worden, erzählt der 26-Jährige. „Am Ende der Schulzeit hatte ich das Abibac in der Tasche. Damit kann man sowohl in Deutschland als auch in Frankreich normal studieren.“

Das bedeute allerdings nicht, dass das Abibac für den deutsch-französischen Studiengang an der Uni der Großregion nötig sei, beruhigt Gipperich. „Die beiden ersten Jahre finden in Saarbrücken statt – diese Zeit lässt sich auch nutzen, um sich auf das französische Studium in Nancy vorzubereiten. Dort wird zudem ein Sprachkurs angeboten und jeder, der ihn belegt erhält bei Klausuren ein Drittel mehr Zeit.“

Im Gegensatz zu den Semestern in Deutschland, die einem normalen Materialwissenschaftsstudium geglichen hätten, sei das Umfeld in Nancy viel internationaler Gewesen, berichtet Gipperich. Nicht nur Franzosen hätten zu seinen Kommilitonen gezählt, sondern auch Schweden, Russen, Spanier und Südamerikaner. Der Grund dafür: Die Uni in Nancy gehört bereits seit 1991 zu einem internationalen Konsortium. „Das war aber nicht der einzige Unterschied zwischen den beiden Standorten. In Frankreich ist das Studium viel stärker verschult als in Deutschland. Viele Kurse sind vorgegeben und man verbringt in einer festen Gruppe viel Zeit auf dem Campus. Ich war fast jeden Tag von 8:30 Uhr bis 18:30 eingespannt.“ Das klinge zwar hart, habe jedoch auch seine Vorteile, erzählt der Doktorand. Das Umfeld sei dadurch viel familiärer, auch weil alle Veranstaltungen im selben Gebäude stattfänden. Zudem wüchsen die Studenten viel stärker zu einer Gemeinschaft zusammen – „wie eine Schulklasse“.

Dass die Uni der Großregion nicht nur etwas für Ingenieurwissenschaftler ist, verdankt sie auch dem Engagement von Christian Wille. Er ist Forscher und Dozent an der Universität Luxemburg und war daran beteiligt, mit anderen Wissenschaftlern den Masterstudiengang Border Studies zu entwickeln. „Schon seit Jahrzehnten hatte ich über Konferenzen und Projekte sehr gute Kontakte zu vielen Kollegen in der Region gepflegt,“ sagt Wille. „Fachlich ging es dabei um verschiedenste Themen von interkultureller Kommunikation und Politikwissenschaft über Geographie zu Linguistik und vielem anderen.“

Zusammen mit seiner Kollegin Astrid Fellner, Professorin für Nordamerikanische Literatur und Kulturwissenschaften an der Saar-Uni, leitet Wille auch einen dreisprachigen Kurs zur Grenzforschung. „Das stellt zwar hohe Anforderungen an unsere Studierenden, aber die schätzen das Angebot sehr. Im Seminar kommt es schonmal vor, dass ich eine Frage auf Deutsch stelle und die Antwort auf Französisch erhalte.“ Die sprachlichen Hürden seien jedoch nicht die einzigen, die auf die Studenten zukämen. Sie müssten sich zudem mit vier verschiedenen Hochschulsystemen auseinandersetzen. „Wir haben gemerkt, dass das nicht einfach zu sein scheint.“

Diese Hürde hat Ramona Ventimiglia jedoch nicht abgeschreckt. Ihr war es schon immer wichtig, sich mit anderen Ländern und Kulturen auseinanderzusetzen. Bereits für ihr Bachelorstudium, das sie in Bochum absolvierte, wählte sie daher das Fach Französische und Italienische Philologie. Das sei ihr jedoch zu theoretisch gewesen, erzählt die 26-Jährige. Deshalb habe sie für ihr Masterstudium ein Angebot gesucht, dass stärker praxisbezogen sei. „So bin ich auf die deutsch-französischen Studien der Grenzüberschreitende Kommunikation und Kooperation gestoßen, die sowohl in Saarbrücken als auch in Metz angesiedelt sind.“

Das Studium habe ihr sehr zugesagt. „Jede der beteiligten Unis beschäftigt einen Referenten, der sich um die Koordinierung und Kooperation zwischen den Hochschulen kümmert. Ich hatte das Glück, bei der luxemburgischen Verantwortlichen nicht nur mein Pflichtpraktikum zu machen, sondern auch als studentische Hilfskraft weiterarbeiten zu können“, sagt Ventimiglia. Dabei arbeite sie viel in zwei- und dreisprachigen Teams – und lerne, dass selbst bei den nächsten Nachbarländern ganz anders gearbeitet werde als in Deutschland.

Dieser Austausch zwischen den Kulturen mache auch den Reiz ihres Studiums aus. „Im Ausland ist man auf sich selbst gestellt und muss ganz neue Herausforderungen meistern. Das ist eine riesige persönliche Bereicherung.“ Lästig sei lediglich, oft zwischen den verschiedenen Standorten hin und her zu reisen, findet die 26-Jährige. Das nehme auf Dauer sehr viel Zeit in Anspruch. Immerhin unterstütze die Universität ihre Studenten bei den Fahrtkosten. Zudem habe ihr der Studentenjob bereits dabei geholfen, einen Arbeitsplatz für die Zeit nach dem Studium zu finden, bei dem sie ihre Erfahrungen einbringen könne, freut sich Ramona Ventimiglia.