1. Leben

Saarlands Medizinstudenten legen trotz Corona Zweites Staatsexamen ab

Langes Hin und Her um Staatsexamen : Medizinstudenten vor "Hammerexamen"

Saarlands angehende Ärzte schreiben trotz Corona-Krise ihr zweites Staatsexamen. Diese Lösung bietet ihnen zwar Sicherheit, aber auch viele Nachteile.

Nach langem Hin und Her ist jetzt klar: Vom 15. bis zum 17. April schreiben die 98 zugelassenen Medizinstudierenden im Saarland das zweite Staatsexamen, kurz M2 genannt. Das hat das Landesamt für Soziales auf SZ-Anfrage bestätigt. Mit dieser Entscheidung weicht das Land von der Linie des Bundesgesundheitsministers Jens Spahn (CDU) ab, der Medizinstudierende bundesweit ohne Prüfung früher ins praktische Jahr schicken will. Sie sollen in der aktuellen Krisensituation das Gesundheitswesen verstärken und erst in einem Jahr das Zweite Staatsexamen schreiben.

Dafür hatte der Minister am vergangenen Montag die „Verordnung zur Abweichung von der Approbationsordnung für Ärzte bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite“ unterzeichnet. Allerdings können die Länder selbst entscheiden, ob sie die Studierenden das Examen ablegen lassen.

Die Vorbereitung auf die große schriftliche Prüfung, die unter normalen Umständen nach fünf Jahren Studium und vor dem praktischen Jahr abgelegt wird, ist für angehende Mediziner extrem anstrengend. Ein 100-tägiger Lernplan ist dafür vorgesehen, viele der rund 4600 Studierenden in Deutschland büffeln also schon seit Monaten. In diese Vorbereitung platzten Mitte März erste Gerüchte in den sozialen Medien, dass das Examen ausgesetzt werden solle, um die Studierenden in den Krankenhäusern einsetzen zu können. Am 19. März gaben das Institut für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP) und der Medizinische Fakultätentag (MFT) dann offiziell die Empfehlung ab, das Examen zu verschieben. Eine Woche später brachte Spahn schon die Gesetzesänderung auf den Weg, die ihm jetzt ermöglicht, von der Approbationsordnung abzuweichen.

Der Aufschrei in der Studierendenschaft war groß. Die Verschiebung führt zu einem so genannten „Hammerexamen“, die schriftliche (M2) und praktische Prüfung (M3) würden nach dem praktischen Jahr im April und Mai 2021 aufeinanderfolgen. Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland (bvmd) startete eine Petition, die Prüfung ersatzlos wegfallen zu lassen – ohne Erfolg. Die Studierenden hatten Angst, nicht genügend Zeit zur Vorbereitung zu haben.

„Das Problem ist, dass wer mehr als 30 Tage im praktischen Jahr fehlt – hierbei zählen Urlaub, aber auch Krankheitstage – diese Zeit nachholen muss. Solche Fehlzeiten müssen also in der sowieso schon viel zu knapp bemessenen Zeit von sechs Wochen zwischen dem Ende des praktischen Jahres und der M2-Prüfung nachgearbeitet werden“, erklärt Medizinstudentin Annika. Die Saarländerin studiert in Baden-Württemberg an der Universität Ulm Medizin und sieht sich jetzt mit eben dieser Problematik konfrontiert: Dort wird das Examen anders als im Saarland verschoben.

Auch andere Probleme bleiben laut Georgios Politis, dem Fachschaftsvorsitzenden der Mediziner an der Saar-Uni, bislang ohne Lösung: „Wer in einem Bundesland arbeiten will, das das Examen nicht stattfinden lässt, muss sofort ins praktische Jahr starten, ist aber hier noch für die Prüfung gebunden.“ Annika sagt, sie müsse jetzt Hals über Kopf vier Wochen früher umziehen als geplant. Zudem werde den Studierenden in dieser Situation die Möglichkeit genommen, einen Teil des praktischen Jahres in einem Fachgebiet ihrer Wahl zu absolvieren. „In der Regel ist das das Fach, in dem man später die Facharztweiterbildung machen will. Das soll gestrichen werden, damit wir bei der Bekämpfung der Auswirkungen von Corona mitwirken.“ Sie wolle wie viele andere gerne helfen, habe aber das Gefühl, dass gerade die, die an vorderster Front helfen, „mit Füßen getreten werden“.

Nach Ansicht Politis sei die Meinung der Studierenden zur saarländischen Entscheidung, das Staatsexamen stattfinden zu lassen, gespalten. Die einen seien froh, dass das Lernen nicht umsonst war. Die anderen sagen, dass das wochenlange Hin und Her sie total verunsichert und in der Vorbereitung behindert habe. „Die Studierenden hätten früher Planungssicherheit gebraucht“, sagt Politis. Bei den meisten bleibe das schlechte Gefühl, dass sie nun ein Gesundheitssystem retten sollen, das schon seit Jahren kaputtgespart werde.