| 20:06 Uhr

ISS überwacht Zugvögel
Raumstation überwacht Vogelschwärme

Die Internationale Raumstation soll künftig auch Vogelschwärme überwachen.
Die Internationale Raumstation soll künftig auch Vogelschwärme überwachen. FOTO: - / dpa
Moskau. Ein neues Antennenmodul ermöglicht es, von der ISS Zugvögel auf dem Flug in ihre Winterquartiere zu verfolgen.

In jedem Frühjahr und Herbst vollzieht sich auf der nördlichen Erdhalbkugel ein beeindruckendes Schauspiel am Himmel. Milliarden Zugvögel kehren aus den südlichen Winterquartieren in die Brutgebiete nördlich des Äquators zurück oder starten zu ihrem Winterurlaub im warmen Süden. Ornithologen haben festgestellt, dass selbst Leichtgewichte wie der nur acht Gramm schwere Fitislaubsänger Flugstrecken von mehreren tausend Kilometern zurücklegen können.



Wie vollbringen die federleichten Tiere solche Extremleistungen? Die Wissenschaft vermag darauf bislang nur teilweise Antwort zu geben. Wesentlich mehr Informationen erhoffen sich die Biologen nun vom internationalen Forschungsprojekt Icarus. Die Abkürzung steht für „International Cooperation for Animal Research Using Space“. Forscher aus Deutschland, Russland und anderen Teilen der Welt wollen die alljährlichen Wanderungen lückenlos global verfolgen. In den nächsten Jahren sollen neben Zugvögeln auch viele an Land und im Wasser lebende Tiere aus dem All überwacht werden.

Bis heute sind Wissenschaftler nicht in der Lage, kleinen Tieren während ihrer langen Reisen zu folgen, erklärt das Max-Planck-Institut für Ornithologie. Außer Milliarden Singvögel bewältigen auch viele Fledermaus- und unzählige Insektenarten große Strecken und wechseln dabei möglicherweise ebenfalls zwischen den Kontinenten. Dieses Wissen ist wichtig. Es spielt zum Beispiel eine große Rolle, wenn es um die Verbreitung von Krankheitserregern geht.

Eine wichtige Rolle beim Projekt Icarus spielen sogenannte Animal-Tracker, die von Forschern des Max-Planck-Instituts für Ornithologie in Radolfzell mit Ingenieuren des Raumfahrtunternehmens Spacetech in Immenstaad am Bodensee entwickelt wurden. Sie sind so groß wie eine Cent-Münze und etwa fünf Gramm schwer. „Animal-Tracker können auch von Singvögeln wie Amsel und Star getragen werden“, erklärt Icarus-Projektleiter Professor Martin Wikelski, Direktor des Max-Planck-Instituts. Das kleine Reisegepäck enthält Sensoren, die mehrmals am Tag Position, Flughöhe, Beschleunigung und Temperatur messen.

Die Internationale Raumstation, die alle 90 Minuten die Erde umkreist, soll diese Daten empfangen, sobald sie in Reichweite der etwa 400 Kilometer weit reichenden Sender gerät. Im russischen Teil der ISS sollen die Informationen von einer 1,5 Meter großen Spezialantenne aufgefangen werden. Die Daten werden im Bordcomputer zwischengespeichert und zur weiteren Verarbeitung durch die Forscher an ein Kontrollzentrum bei Moskau gesendet. Ursprünglich sollte die Spezialantenne für den Empfang der Animal-Tracker schon im Juli mit einem unbemannten Raumfrachter zur ISS gebracht werden. Doch Termine in der Raumfahrt werden selten eingehalten. Ein unbemannter Progress-Raumtransporter soll die Antenne in den kommenden Wochen ins All bringen, teilte die russische Raumfahrtagentur Roskosmos mit. Die Forscher hoffen, mit der neuen Überwachungstechnik viele neue Informationen über das Zugverhalten kleiner Tiere zu erhalten. „Die Tiere werden bald unsere besten Erdbeobachter sein“, erklärt Wikelski.



Die Forscher erhoffen sich von den Daten auch Erkenntnisse zu den Auswirkungen des Klimawandels, der Ausbreitung von Epidemien und zur Katastrophenvorhersage. In den kommenden fünf Jahren ist geplant, das Gewicht der Animal-Tracker auf ein Gramm zu reduzieren. Damit wäre es theoretisch möglich, sogar Insekten wie Heuschrecken über große Distanzen aus dem All zu verfolgen.

An der Auswertung der Daten wollen die Forscher zukünftig auch die Öffentlichkeit teilhaben lassen. Mit einem frei verfügbaren Smartphone-Programm sollen „Citizen Scientists“ (Bürgerwissenschaftler) aus aller Welt ihre Beobachtungen in das elektronische Netzwerk einspeisen können. Sie könnten damit wichtige Beiträge zum Schutz von Wildtieren liefern, so Wikelski.