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Problemfall Lehrerbildung

Referendare müssen oft vom ersten Ausbildungstag an eigenverantwortlich unterrichten. Foto: Kahnert/dpa
Referendare müssen oft vom ersten Ausbildungstag an eigenverantwortlich unterrichten. Foto: Kahnert/dpa FOTO: Kahnert/dpa
Saarbrücken. Ausgebrannt, noch bevor es losgeht, Schikanen, Leistungsdruck und zu wenig Praxisbezug – darüber klagen angehende Lehrer im Saarland. Kaum eine Hochschulausbildung ist bundesweit uneinheitlicher. Chancengleichheit sei daher nicht gegeben, kritisieren Gewerkschaftler. Eva Lippold

Die Lehrerbildung ist der Problemfall der deutschen Hochschulbildung, diagnostiziert der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft im "Hochschulbildungsreport 2020". Oft sei sie praxisfern und lege zu wenig Fokus auf die späteren Aufgaben der angehenden Lehrer . Laut Stifterverband fühlen sich nur knapp 18 Prozent der deutschen Lehramtsstudenten durch ihr Studium gut auf den Beruf vorbereitet. "Wir lernen Studien über Aggressivität auswendig, haben aber keine Ahnung, was wir machen sollen, wenn Kevin der Chantal ein Mäppchen an den Kopf wirft", sagt die Studentin Christin Beier. Sie studiert Philosophie und Englisch auf Lehramt an der Saar-Universität.

Dabei ist der Praxisbezug im bundesweiten Vergleich im Saarland nicht schlecht: Mit etwa 20 Prozent Fachdidaktik liegt die Saar-Uni im bundesweiten Mittelfeld, sagt Melanie Rischke von der Online-Plattform "Monitor Lehrerbildung ".

Das Schlimmste sei der Konkurrenzdruck im Kampf um gute Noten, sagt Christin Beier. "In der Klausuren-Zeit ist die Uni ein Zombie-Land." Der Druck sei so hoch, weil es keine Garantie gebe, die Ausbildung ohne lange Wartezeiten beenden zu dürfen. Denn Referendarstellen im Saarland sind rar. Bis zu zweieinhalb Jahre müssen Absolventen warten - in Bayern und Baden-Württemberg bekommt dagegen jeder ohne Wartezeit einen Platz.

Die Ausbildung unterscheidet sich von Bundesland zu Bundesland, von Uni zu Uni. In den föderalen Regelwirrwarr will der Monitor Lehrerbildung mehr Transparenz bringen. Das Projekt stellt 9000 Datensätze zur Lehrerausbildung in Deutschland bereit. Nicht einmal die Abschlüsse seien bundesweit einheitlich, in Bayern machen Studenten Master, im Saarland Staatsexamen, in Bremen mit Praxissemester, im Saarland ohne.

Doch am Ende landen alle im selben Topf: saarländische streiten mit bayerischen, sächsischen und rheinland-pfälzischen Kandidaten um die freien Stellen. Das ist vom Bund so gewollt, um die Mobilität der Lehrer bundesweit zu erhöhen. Dennoch gibt die Kultusministerkonferenz keine einheitlichen Einstellungskriterien für Lehrer vor - die darf jedes Bundesland selbst festlegen. So bekommen Referendare, die in Rheinland-Pfalz ausgebildet wurden, in ihrem Bundesland einen Bonus von 0,5 Punkten auf ihre Abschlussnote - für saarländische Absolventen im Saarland gilt so etwas dagegen nicht. "Die Chancengleichheit ist durch den Föderalismus eingeschränkt", sagt Andreas Sánchez Haselberger, der stellvertretende Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Die Lehrerin Sandra Fuchs hat ihr zweites Staatsexamen schon vor zwei Jahren abgelegt, seither tingelt sie von einem befristeten Vertrag zum nächsten.

"Die schlimmste Zeit meines Lebens", sagt die Saarbrückerin über ihr Referendariat. "Offenbar ist es dazu gedacht, die Leute an ihre Grenzen zu bringen. Da sollen Schwächere von Anfang an ausgesiebt werden."

Sie berichtet von willkürlichen Bewertungen durch Prüfer und Fachleiter. Solche Erfahrungen hat auch der Saarlouiser Lehrer Thomas Hausmann gemacht. Teilweise seien dieselben Dinge in einer Lehrprobe kritisiert und in der anderen verlangt worden, sagt der 29-jährige. Er heißt wie Sandra Fuchs und Christin Beier eigentlich ganz anders, will aus Angst vor beruflichen Konsequenzen aber anonym bleiben.

Bis heute sei er traumatisiert von den Lehrproben, bekomme bei Unterrichtsproben Panik. "Was mich völlig fertig gemacht hat, war dieser diffuse Anspruch, nie zu wissen, was eigentlich von mir erwartet wird." Dass beide Lehrer mit diesen Erfahrungen nicht alleine dastehen, belegt die von Referendaren gegründete Webseite referendar.de. Im Forum berichten angehende Lehrer von ihrem Leidensdruck - von der Willkür der Ausbilder, von Erniedrigungen, Nervenzusammenbrüchen, Depressionen, sogar von Suizidversuchen.

Der stellvertretende GEW-Landesvorsitzende kennt solche Klagen. Etwa fünf Prozent der Referendare wenden sich mit Beschwerden an ihn. "Meist weil sie sich willkürlich und schlecht bewertet fühlen", sagt Sánchez Haselberger. Beschwerden häuften sich besonders bei der Ausbildung für das Lehramt an Gymnasien .

Im Ländervergleich steht es um die Ergebnisse saarländischer Absolventen nicht zum Besten. Ihr Notendurchschnitt im Staatsexamen für das Lehramt an Gymnasien lag in den vergangenen fünf Jahren im Mittel bei 2,5 - und damit weit hinter Absolventen aus Rheinland-Pfalz (2,2), Bayern (2,1) und Baden-Württemberg (1,9).

Sánchez Haselberger kritisiert, dass es keine ausreichende Qualifizierung für die Fachleiter an den Studienseminaren gibt. "Das sind Lehrer , die jahrelang auf den Unterricht mit Kindern vorbereitet wurden, und auf einmal sollen sie junge Erwachsene ausbilden." Die GEW fordert daher umgehend eine modularisierte Ausbildung für Fachleiter und verpflichtende Qualifizierungsmaßnahmen.

Lisa Brausch, die Landesvorsitzende des Saarländischen Lehrerverbandes (SLLV), kritisiert, dass viel zu wenig Zeit für die Ausbildung bliebe. An vielen Schulen müssten Referendare vom ersten Ausbildungstag an eigenverantwortlich unterrichten. "Das ist unverantwortlich, nicht nur den Referendaren, sondern auch den Schülern gegenüber", sagt Brausch. "Ausbildungszeit ist Ausbildungszeit, damit darf kein struktureller Bedarf abgedeckt werden. Das wird aber leider hier im Saarland ganz massiv getan."

Marcus Hahn, Hauptpersonalrat der Lehrer an staatlichen Gymnasien im Saarland, rät Referendaren, sich bei Problemen unbedingt an die Seminarleitung, den Saarländischen Lehrerverband und vor allem den Personalrat zu wenden. Dort erhielten Betroffene eine vertrauliche Erstberatung, bevor gemeinsam weitere Schritte erwogen werden können.

referendar.de

monitor-lehrerbildung.de