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Oben angekommen

Tribologen befassen sich mit den Reibungsverhältnissen von Oberflächen. Dazu nutzen sie unter anderem Laser, um die Oberflächen maßzuschneidern. Der Saarländer Carsten Gachot ist einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet.
Tribologen befassen sich mit den Reibungsverhältnissen von Oberflächen. Dazu nutzen sie unter anderem Laser, um die Oberflächen maßzuschneidern. Der Saarländer Carsten Gachot ist einer der weltweit führenden Forscher auf diesem Gebiet. FOTO: Dietze
Saarbrücken. Immer noch nehmen in Deutschland deutlich mehr Menschen aus Akademiker- als aus Arbeiterhaushalten ein Studium auf. Der Saarländer Carsten Gachot ist der erste aus seiner Familie, der studiert hat. Sein Weg führte bis zur Professur. Christian Leistenschneider

Manchmal scheinen Lebenswege vorgezeichnet. Doch nicht zwangsläufig muss der Stift schon in frühester Kindheit ansetzen.



Carsten Gachot ist so ein Fall. Im Jahr 2011 berichtete unsere Zeitung über den Karriereweg des Neunkirchers vom Arbeiterkind zum Akademiker . Damals schrieb Gachot an der Saar-Uni seine Doktorarbeit im Fach Materialwissenschaften. Die Saarbrücker Zeitung prophezeite ihm schon da den Durchmarsch "Vom Schlosser-Sohn zum Ingenieur-Professor". Auch sein Chef traute ihm diese Entwicklung ganz selbstverständlich zu. Heute, fünf Jahre später, ist Gachot tatsächlich am Ziel. Am 1. Oktober tritt er eine Professorenstelle an der renommierten Technischen Universität Wien an.

Mit seiner steilen akademischen Karriere ist der 38-Jährige immer noch ein eher untypischer Fall. Laut einer Erhebung des Deutschen Studentenwerkes gehen 77 Prozent der Kinder aus Akademikerhaushalten an die Uni, aber nur 23 Prozent der Kinder aus Arbeiterhaushalten. Selbst wenn sie Abitur machen, entscheiden sich 40 Prozent der Arbeiterkinder für eine Ausbildung.

Für Gachot stellte sich nach dem Abschluss seiner Promotion die Frage, ob er in die Industrie wechseln sollte. Ein Job in der freien Wirtschaft hätte viele Vorteile geboten, von den Verdienstmöglichkeiten über den Alltagsbezug der Arbeit bis hin zu den Sicherheiten einer unbefristeten Stelle. Aber er hätte auch einen Abschied von der Hochschule bedeutet. Und die Zeit an der Uni hatte Gachots Forschertrieb geweckt.

Doch in der Uni-Welt ist Flexibilität wichtig, und die ist bei dem Vater von zwei Söhnen durch die Familie eingeschränkt. Nach der stressigen und entbehrungsreichen Zeit seiner Doktorarbeit wollte Gachot seiner Familie nicht das Gleiche noch einmal zumuten, geschweige denn einen Umzug.



Statt sich also für längere Zeit auf eine Auslandsstelle zu begeben oder jahrelang eine umfangreiche Habilitationsschrift zu verfassen, sammelte Gachot "Bausteine", wie er es nennt. Er bemühte sich um Kontakte, erwarb eine Gastprofessur in Chile und übernahm die Herausgeberschaft einer Fachzeitschrift, die in London erscheint.

So pendelte Gachot lange zwischen Chile, London und seiner saarländischen Heimat hin und her. Dieser Spagat zwischen Familie und Uni brachte ihn an die Grenze der Belastbarkeit: "Irgendwann nervt einen das Kofferpacken nur noch." Im letzten Jahr dann ermutigten ihn Kollegen, sich auf eine Professur zu bewerben. In Mannheim und in Wien waren Stellen in seinem Fachgebiet Tribologie ausgeschrieben. In Mannheim gehörte er zu den letzten beiden Kandidaten, in der österreichischen Hauptstadt wurde er tatsächlich genommen.

Gachot glaubt, neben seinen publizistischen Aktivitäten vor allem mit seinen Lehrveranstaltungen gepunktet zu haben, die er seit Jahren an der Universität des Saarlandes hält. "Studenten sagen mir immer: Du bist eine eigene Marke. Ich rede nicht geschwollen daher, nur weil Vorlesung ist. Das wird, glaube ich, als authentisch wahrgenommen."

Dennoch sind die letzten Jahre nicht spurlos an Gachot vorbeigegangen. Einen gewissen Duktus, eine Art, sich zu kleiden, die Kunst des Small Talks - auch wenn er sich im Alltag eher lässig gibt, wenn es drauf ankommt, könne er inzwischen auch solche Register ziehen. Und je höher man die Karriereleiter hochklettere, desto eher machten sich Unterschiede im Auftreten bemerkbar. Da haben die Professorensöhne einen Vorteil. Für die sind solche Verhaltensweisen von klein auf selbstverständlich. Ein Arbeiterkind muss sie sich oft erst erarbeiten.

Dem Klischee vom versnobten Professorensohn, der mit dem Porsche zur Uni kommt, kann Gachot aber nichts abgewinnen. "Diejenigen, die ich kennengelernt habe, sind alle sehr bodenständig. Denen ist es eher unangenehm, über ihren Familienhintergrund zu sprechen." Allerdings, so gibt Gachot zu bedenken, könne das auch eine Spezialität seines Fachs sein. "Wie das bei den Juristen und BWLern aussieht, dazu kann ich nichts sagen."

Welch einen Unterschied die frühe Prägung macht, sieht er auch bei seinen Kindern. Die wurden in den ersten Jahren im Uni-Kindergarten betreut. Dort wurde gemeinsam Musik gemacht und spielerisch gelernt. Und was Gachot ganz wichtig findet: Sie wurden konsequent auf Hochdeutsch angesprochen. In der Schule in Marpingen seinen sie nun die einzigen, die im Umgang mit Lehrern keinen Dialekt sprechen. Gachot selbst hatte sich als Schüler des Otto-Hahn-Gymnasiums noch den Spott der Lehrer über die "saarländische" Grammatik seiner Sätze anhören müssen. Darum plädiert Gachot leidenschaftlich für frühkindliche Förderung. Damit alle die gleichen Startchancen haben.