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Moral für Maschinen

Kevin Baum (rechts) versucht, Informatiker mit philosophischem Denken vertraut zu machen. Foto: Maurer
Kevin Baum (rechts) versucht, Informatiker mit philosophischem Denken vertraut zu machen. Foto: Maurer FOTO: Maurer
Saarbrücken. Fitnessdaten können Menschen zu einem gesünderen Lebensstil verhelfen. Sie könnten aber auch zur Benachteiligung Kranker führen. Das Beispiel zeigt, wie zweischneidig der digitale Fortschritt ist. Wenn Informatiker sich das immer vor Augen halten, werden sie bessere Computersysteme entwerfen. Das erhofft sich eine Kooperation von Informatik und Philosophie an der Saar-Uni, die Veranstaltungen zum Thema Computerethik anbietet. Christian Leistenschneider

Computertechnik bestimmt unseren Alltag, Software findet sich längst nicht mehr nur in PCs. Im Smartphone, im Fitness-Armband, im Auto und in tausend anderen Gegenständen ist sie integriert und beeinflusst damit immer weitere Bereiche des privaten und gesellschaftlichen Lebens. Manche halten die damit verbundenen Folgen mit allen Schattenseiten für eine naturgegebene Entwicklung. Was dabei aber schnell vergessen wird: Es sind Menschen, die diese Entwicklung vorantreiben, Menschen, die den Code der Software schreiben.


Darum müssen problematische Entwicklungen auch nicht als selbstverständlich hingenommen werden, meint Kevin Baum, der an der Saar-Uni Veranstaltungen zur sogenannten Computerethik anbietet. "Ich glaube, der technische Fortschritt ist unaufhaltsam, aber lenkbar", sagt Baum. Dazu müsse man sich aber bewusst machen, welche Folgeerscheinungen Erfindungen haben können. "Nehmen Sie das selbstfahrende Auto: Ich denke, es wird viele positive Wirkungen haben." Einerseits. Andererseits jedoch könnte die gleiche Technik, die für autonome Fahrzeuge entwickelt wurde, auch in autonome Waffensysteme verbaut werden. Solche Konsequenzen sollten sich diejenigen bewusst machen, die solche Systeme entwerfen.

Daran hapere es allerdings oft, meint Baum. "Informatiker sind Problemlöser. Sie bearbeiten eine bestimmte Aufgabe, ohne in der Regel nach den weiteren Umständen zu fragen." Mit dieser Diagnose steht Baum nicht alleine da. Informatik-Professor Holger Hermanns vom Lehrstuhl für Verlässliche Systeme und Software an der der Saar-Uni erkannte hier bereits vor zwei Jahren ein Defizit und wandte sich darum an die Philosophie , um Möglichkeiten einer Kooperation auszuloten. Ziel war es, ein Lehrprogramm zu entwickeln, das auf die praktischen Probleme der Informatiker zugeschnitten ist.



Für Baum ein Glücksfall. Der hatte gerade einen Master sowohl in Informatik als auch in Philosophie gemacht und nun eine Stelle an der Philosophischen Fakultät angetreten. Gemeinsam mit Hermanns entwickelte er im letzten Sommersemester das Proseminar "Ethik für Nerds". Die Resonanz war so groß, dass der junge Doktorand für dieses Semester eine ganze Vorlesung für 75 Teilnehmer samt Tutorien organisieren konnte - eigentlich ein Privileg von gestandenen Professoren.

Bei seinem Zielpublikum beobachtet Baum ein seltsames Missverhältnis. "Sie sehen den Einfluss der Informatik , denken aber, der Einfluss des Einzelnen sei gering - wenn es nicht gerade Bill Gates ist." Solche Denkweisen will Baum verändern. Dafür müsse eine Sensibilität für ethische Fragestellungen entwickelt werden: Was bedeuten eigentlich Begriffe wie Handlung, Verantwortung und Konsequenzen?

Mit philosophischen Gedankenexperimenten macht er den Studenten zudem bewusst, wie widersprüchlich ihre eigenen moralischen Intuitionen und Überzeugungen oft sind. Für logisch trainierte Informatiker keine leichte Erfahrung. Dennoch ist Baum überzeugt, dass die Studenten davon profitieren. "Ich habe versucht, ihnen zu vermitteln, dass das, was sie lernen, sie zu besseren Informatikern macht."

Überraschend sei es für die Informatiker zudem gewesen, wie anspruchsvoll die begriffliche Arbeit der Philosophen ist. "Ich denke, viele haben gedacht, es sind leichte Credit-Points", sagt Baum. Wenn die Studenten ihre Überzeugungen dann in Worte fassen und gegen Einwände verteidigen müssten, würden sie merken, wie anstrengend philosophisches Denken ist. Baum glaubt, dass die in seinen Veranstaltungen geförderten künftig auch auf dem Arbeitsmarkt gefragt sein werden. Schon heute sucht ein Autobauer in einer Anzeige nach Mitarbeitern, die technisches Verständnis mit "fundierter wissenschaftlicher Erfahrung im Bereich der Maschinenethik" verbinden. Nur: Bislang hat kaum jemand diese Fähigkeiten. Die Aktivitäten an der Saar-Uni könnten da für Abhilfe sorgen.