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Preisgekröntes Lehrkonzept
Ein künstlerischer Blick auf saarländische Institutionen

Mucksmäuschenstill musste die Kunststudentin Susanne Kocks sein, während sie die Musiker der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern bei einer Probe zeichnete. Dafür wurden ihr und ihren Kommilitonen seltene Einblicke in die Arbeit des Orchesters gewährt
Mucksmäuschenstill musste die Kunststudentin Susanne Kocks sein, während sie die Musiker der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern bei einer Probe zeichnete. Dafür wurden ihr und ihren Kommilitonen seltene Einblicke in die Arbeit des Orchesters gewährt FOTO: Ingeborg Knigge
Saarbrücken. Studenten der Hochschule der Bildenden Künste machen seit zehn Jahren Bilder hiesiger Einrichtungen. Das Lehrkonzept wurde jetzt ausgezeichnet. Von Christian Leistenschneider

Politik mag eine Kunst für sich sein, weil sie meist aber eher dröge daherkommt, ist sie als Gegenstand der Kunst bislang kaum in Erscheinung getreten. Die Aufgabe, aus Sitzungen des saarländischen Landtags ausdrucksstarke Bilder zu destillieren, muss für die Studenten der Hochschule der Bildenden Künste (HBK) also eine ziemlich große Herausforderung gewesen sein. Ebenso wie die besonderen Arbeitsbedingungen: Stundenlanges, starres Stillsitzen auf der Besuchertribüne unter strikter Einhaltung der Regeln des Parlaments.


Erschwertes Arbeiten außerhalb des Elfenbeinturmes eines Ateliers ist ein fundamentaler Aspekt jener Projektreihe der HBK, für die die Hochschule den diesjährigen Landespreis Hochschullehre erhalten hat. Studenten fotografieren und zeichnen dabei ein Semester lang an saarländischen Institutionen und präsentieren ihre Ergebnisse anschließend in einer selbstorganisierten Ausstellung. Betreut werden sie von Gabriele Langendorf, Professorin für Malerei und Zeichnung, und Ingeborg Knigge, Leiterin des Fotoateliers der HBK.

Begonnen hat alles vor zehn Jahren mit einer typischen Anfrage an die Kunsthochschule. Institutionen und Firmen wenden sich gerne an die HBK, wenn sie auf der Suche nach ungewöhnlichen Bildideen sind und wenig investieren wollen, erzählt Langendorf. Studenten der Hochschule sollten das Programmheft der Deutschen Radio Philharmonie Saarbrücken/Kaiserslautern mit Publikumsfotos bestücken. Zunächst waren die Dozenten wenig begeistert, der Lerneffekt bei diesem Auftrag schien ihnen gering. Doch die Idee einer Kooperation mit der Philharmonie ließ sie nicht los. Wenn die Studenten statt des Publikums die Musiker während der Proben beobachten und porträtieren könnten, versprach das in ihren Augen deutlich mehr Gewinn – für beide Seiten.

Das wiederum stieß bei den Musikern und Dirigenten auf Skepsis. Studenten, die während der Proben im Zuschauerraum umherwuseln? Wie sollten sie sich da auf die Musik konzentrieren können? Zunächst leisteten die Dozenten Überzeugungsarbeit bei den Philharmonikern, dann schärften sie den Studenten die gebotenen Verhaltensregeln ein, schließlich bewiesen die jungen Künstler im persönlichen Umgang, dass sie kein Störfaktor sind. So wuchs ein Vertrauensverhältnis, das den Studenten Möglichkeiten eröffnete, manche durften während der Probe sogar auf die Bühne.

Damit hatten die Nachwuchskünstler schon eine wichtige Lektion gelernt. Der Kunstmarkt wartet nicht auf sie, wie Andreas Bayer von der HBK sagt. Um beruflich Fuß zu fassen, müssen sie sich aktiv bemühen, auf Menschen zugehen, Kontakte herstellen. Die Hochschule achte zudem darauf, die Studenten früh mit praktischen, realistischen Projekten in Berührung zu bringen, sagt Bayer. Dazu gehöre auch zu wissen, wie man eine Ausstellung organisiert, Bildrechte abklärt, Aufmerksamkeit erzeugt.



Bei der Arbeit mit der Philharmonie hat das gut funktioniert. So gut, dass die Ausstellung mit den Ergebnissen auf dem Halberg später weiter nach Kaiserslautern und schließlich sogar in die saarländische Landesvertretung in Berlin zog. Und andere Institutionen wurden auf das Potenzial der Kunsthochschüler aufmerksam. Als nächstes folgte das Projekt im saarländischen Landtag, dann eine Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern während eines Forschungsaufenthaltes im Leibniz-Zentrum für Informatik in Schloss Dagstuhl. Auch das saarländische Staatstheater ließ die Studenten hinter die Kulissen blicken.

Die Studenten der HBK wissen die Möglichkeit zu schätzen, Einblicke in ihnen vorher unbekannte Welten zu erhalten und neue Arbeitsweisen kennenzulernen. Durch die Erfahrungen, die sie dabei machen, können sich sogar Berufsziele ändern. Eigentlich studiert Nicole Fleisch Produktionsdesign. Doch weil die HBK interdisziplinär ausgerichtet ist, stehen jedem Studenten alle Lehrveranstaltungen der Hochschule offen. Fleisch hat an dem Projekt im Staatstheater teilgenommen und dabei ihre Leidenschaft für Fotografie entdeckt. „Ich war auch sehr fleißig“, sagt sie. Aus einer Auswahl ihrer besten Bilder hat sie selbstständig ein professionelles Fotobuch erstellen lassen. Und bei der Verleihung des Landespreises nutzte Fleisch die Gelegenheit, es dem Geschäftsführer des Staatstheaters zu präsentieren. Die Studentin hat ihre Lektion offensichtlich gelernt.

Die Bilder der Künstler sind auf der Webseite der HBK zu sehen.

www.hbksaar.de

Der Kunststudent Marc Friese und seine Kommilitonen tauschten 2011 das HBK-Atelier zeitweilig gegen die Besuchertribüne des Landtags.
Der Kunststudent Marc Friese und seine Kommilitonen tauschten 2011 das HBK-Atelier zeitweilig gegen die Besuchertribüne des Landtags. FOTO: Gabriele Langendorf / © Gabriele Langendorf, HBKsaar