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Ein System, das Leben retten soll
Unternehmensgründer auf der Erfolgsspur

Jörg Hoffmann, Dominik Schugk, Michael Kirjanov, Benjamin Lang und Daniel Lang (von links) arbeiten im Hochschul-Technologie-Zentrum in Saarbrücken an einem Spurwechselassistenten für Zweiräder. Der soll dabei helfen, das Unfallrisiko drastisch zu reduzieren.
Jörg Hoffmann, Dominik Schugk, Michael Kirjanov, Benjamin Lang und Daniel Lang (von links) arbeiten im Hochschul-Technologie-Zentrum in Saarbrücken an einem Spurwechselassistenten für Zweiräder. Der soll dabei helfen, das Unfallrisiko drastisch zu reduzieren. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Ehemalige Studenten der Hochschule für Technik und Wirtschaft des Saarlandes entwickeln ein Assistenzsystem für Motorräder. Von David Seel

Deutschlands Straßen sind so sicher wie seit 60 Jahren nicht mehr. Trotz des massiv gestiegenen Verkehrsaufkommens sind laut Statistischem Bundesamt hierzulande im vergangenen Jahr 3180 Menschen im Straßenverkehr umgekommen, im Jahr 1991 seien es noch 11 300 gewesen.


Eine Gruppe von Verkehrsteilnehmern, die von dieser Entwicklung bislang wenig profitiert hat, sind die Motorradfahrer. Während bei den Autofahrern die Zahl der tödlichen Unfälle seit dem Jahr 1991 um 79 Prozent fiel, ist bei den Kraftradfahrern im gleichen Zeitraum lediglich ein Rückgang von 41 Prozent zu beobachten. Damit seien mittlerweile 20 Prozent aller Todesopfer im Straßenverkehr Motorradfahrer, 1991 seien es lediglich elf Prozent gewesen, so das Statistische Bundesamt.

Einer der Hauptgründe dafür, dass Motorradfahrer so häufig in Unfälle verwickelt sind, liegt für Jörg Hoffman, Professor für Leichtbau und Fahrzeugsicherheit an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) des Saarlandes, in der mangelnden technischen Ausstattung der Zweiräder. „Für Motorräder gibt es immer noch kaum Assistenzsysteme, obwohl sie bei PKW längst Standard sind“, sagt Hoffmann.



Besonders der Spurwechsel sei für Motorradfahrer häufig mit Gefahren verbunden, so der Experte. Das bestätigen auch die Zahlen des Statistischen Bundesamts: Fast ein Viertel der Motorradunfälle mit Personenschaden haben sich demnach beim Überholen ereignet. Spurwechsel­assistenten, die Autofahrer radargesteuert auf andere Fahrzeuge im toten Winkel aufmerksam machen, gibt es für Motorräder bisher nicht.

„Das ist bei PKW viel einfacher, denn hier gibt es einen gleichbleibenden Horizont“, sagt Hoffmann. Im Gegensatz zu Autos neigen sich Motorräder bei Lenkbewegungen zur Seite. Radargestützte Systeme seien dann meist nicht mehr in der Lage, sich nähernde Fahrzeuge zu erkennen, erklärt Hoffmann das Problem. Da bei Motorrädern viel weniger Platz als in Autos zur Verfügung stehe, müsse ein geeignetes System zudem sehr klein und leicht sein. Die zündende Idee sei ihm dann beim Joggen gekommen, erzählt er: Statt auf Radar wollte Hoffmann auf Kameras setzen.

Mit diesem Grundgedanken wandte er sich an vier seiner Studenten an der HTW. „Wir haben vorher bereits eine Projektarbeit im Institut gemacht und hatten uns ursprünglich nur auf eine Stelle als Hilfswissenschaftler beworben“, erinnert sich Benjamin Lang, der an der HTW den Studiengang Engineering and Management absolviert hat. Gemeinsam mit seinen Kommilitonen Dominik Schugk, Daniel Lang, Michael Krijanov und Jörg Hoffman als Mentor entwickelte er im Anschluss das Konzept für einen kamerabasierten Spurwechselassistenten für Motorräder, den die vier HTW-Absolventen jetzt in einem eigenen Unternehmen produzieren und vermarkten wollen.

Benjamin Lang ist in der noch namenlosen Firma hauptsächlich für Absicherung und Erprobung zuständig, er konzipiert also beispielsweise Testfahrten und Versuchsaufbauten. Micheal Krijanov, der ebenfalls Engineering and Management studiert hat, kümmert sich um die Entwicklung der Software im neuen System und von Simulationen, um es zu testen. Für den kaufmännischen Bereich zeichnet Dominik Schugk verantwortlich, der an der HTW Betriebswirtschaftliches Management studiert hat. „Ich kümmere mich zum Beispiel um den Einkauf der Teile oder die Suche nach neuen Investoren“, erzählt er.

Mit der Hardware befasst sich Daniel Lang, der an der HTW Elektrotechnik studiert hat. „Ich wähle die Komponenten aus, entscheide, was wo verbaut wird und baue das System zusammen“, sagt Lang. „Eigentlich macht Daniel all das, was wir anderen nicht verstehen“, ergänzt Jörg Hoffmann lachend.

Unterstützung bekommen die Jungunternehmer in spe vonseiten der HTW in Form von finanziellen Förderungen und Räumlichkeiten am Hochschul-Technologie-Zentrum (HTZ) in Saarbrücken. „Außerdem wurden uns Geräte aus den Labormitteln von Jörg Hoffmann zur Verfügung gestellt“, berichtet Michael Krijanov. Auch das Institut für Technologietransfer der HTW habe sie bei ihrem Vorhaben unterstützt. „Die waren unser erster Ansprechpartner“, so Krijanov. Das Institut habe den Firmengründern beispielsweise bei der Vermittlung von Fördergeldern aus dem „Exist‑Forschungstransfer“-Programm des Bundes unter die Arme gegriffen.

Neben Platz für die Versuchsaufbauten, mit denen sie ihre Systeme testen, benötigen die Jungunternehmer auch Räume, um ihre Prototypen vor neugierigen Blicken zu schützen. Industriespionage sei in der Branche ein echtes Problem, sagt Hoffmann.

Denn die Produkte der vier HTW-Absolventen und ihres Mentors sind gefragt. „Wegen der hohen Todeszahlen, arbeitet die Europäische Union an einer Verpflichtung zum Einbau von mehr Assistenzsystemen – das wissen auch die Motorradhersteller“, sagt Hoffmann. Das habe sich auch in Gesprächen mit diesen Unternehmen gezeigt, bestätigt Dominik Schugk. „Man hat schon gesehen, dass die sich Gedanken machen“, sagt er.

Einen ersten großen Erfolg haben die Firmengründer auf der weltweit wichtigsten Konferenz zum Thema Fahrzeugsicherheit und automatisiertem Fahren, der ,„Enhanced Safety of Vehicles Conference“ in Detroit eingefahren. Im Wettbewerb für Studenten belegte das Team den ersten Platz vor Universitäten wie der US-amerikanischen Stanford University. „Das war schon interessant. Dort waren so viele große Namen vertreten und dann kommt ein junges Team von der HTW Saar mit einem System, das nur halb so viel Platz benötigt“, erinnert sich Hoffmann. In der Folge hätten zahlreiche namhafte Hersteller an die Tür der Firmengründer geklopft. „Mit denen werden wir jetzt zusammenarbeiten und direkt an ihren Fahrzeugen Prototypen entwickeln“, sagt Daniel Lang.

Auch für die Zukunft haben die Firmengründer ambitionierte Pläne. Bisher warnt der von ihnen entwickelte Assistent den Fahrer beim Spurwechsel nur über optische Signale und Vibrationen vor sich nähernden Autos. Künftig solle zusätzlich ein sogenannter Lenkaktuator aktiv eingreifen, das Motorrad wieder aufrichten und dadurch in der Spur halten, sagt Daniel Lang. Außerdem arbeite man an einem System, das die Warnungen direkt im Visier des Fahrers anzeigen solle.

Ihr Assistent soll voraussichtlich im Jahr 2020 die Serienreife erlangen und 2023 auf die Straße gehen. „Ab 2027 wollen wir dann auch Nachrüstsätze für bestehende Motorräder produzieren“, sagt Jörg Hoffmann. „Wir gehen davon aus, dass wir Motorradunfälle mit Personenschäden dann um 25 Prozent reduzieren können.“