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Facebook im Klassenzimmer

Das Internet bestimmt immer mehr den Alltag von Kindern und Jugendlichen. Doch was bedeutet das für Schule und Lernen? Über die Chancen und Risiken für Heranwachsende sprach SZ-Mitarbeiterin mit Armin Weinberger, Professor für Bildungstechnologie und Wissenstransfer an der Saar-Universität. Er entwickelt Ansätze, wie Lehrer die technologischen Möglichkeiten des 21. Jahrhunderts sinnvoll im Klassenzimmer einsetzen können. Elsa Middeke

Welche technischen Fortschritte des 21. Jahrhunderts spielen für Kinder und Jugendliche beim Lernen heute eine Rolle?

Weinberger: Einer der Trends ist das Web 2.0, darunter soziale Online-Netzwerke wie Facebook . Dort nehmen Heranwachsende nicht nur Informationen auf, sondern sie produzieren und verbreiten selbst welche. Oft über mobile Geräte, mit denen sie jederzeit überall ins Netz gehen können.

Ist es heute üblich, Facebook zu Unterrichtszwecken zu nutzen?

Weinberger: Facebook für Kommunikation mit Schülern zu nutzen, ist Lehrern in einigen Bundesländern untersagt. Aber auch dort, wo es möglich ist, setzen Lehrer Facebook kaum für Unterrichtszwecke ein.

Inwiefern kann Facebook dann Kindern beim Lernen helfen?

Weinberger: Facebook bietet durchaus Raum für moderne Lernansätze. Im besten Fall bilden sich außerhalb des Unterrichts informelle, eigenständige Schülergruppen auf Facebook . Anstatt eine Lösung, die ein Lehrer im Klassenzimmer meist vorgibt und erklärt, auswendig zu lernen, gehen Schüler dort aktiver an die Lösung der Aufgabe heran. Manche Lerngruppen müssen aber zusätzlich unterstützt werden, um produktiv miteinander zu diskutieren. Daher entwickeln und erforschen wir Facebook-Apps, z. B. einen Meinungskompass, der die Standpunkte der Lerner in ein grafisches Stimmungsbild einsortiert und so Kontroversen verbildlicht.

Wie genau funktioniert das Lernen in solch einer Facebook-Schülergruppe?

Weinberger: Nehmen wir an, die Schüler sollen eine Biologie-Hausaufgabe über regionale Pflanzen machen. Dafür könnten sie mit ihren Smartphones im Wald Bilder schießen, die Fotos sofort auf Facebook zusammentragen, die Pflanzen gemeinsam zuordnen, Argumente austauschen und sie zum Beispiel mit Links belegen. Die Gleichaltrigen, im Englischen Peers genannt, erklären sich dabei idealerweise gegenseitig Inhalte und Beispiele, lernen voneinander und in eigenem Tempo. Das nennt man Peer-Learning.

Abgesehen von den Chancen: Welche Risiken sehen Sie dabei auf Kinder und Jugendliche zukommen?

Weinberger: Heranwachsende müssen erst lernen, die Gefahren des Internets, wie Datenschutz oder Online-Mobbing, einzuschätzen. Um sicher mit neuen Medien wie Facebook umzugehen, sollten junge Menschen gegenüber Quellen, Informationen und Bekanntschaften aus dem Netz stets kritisch sein - und sehr vorsichtig beim Verbreiten persönlicher Daten. Hilfestellung können Fragen geben wie: Würde ich das einem Fremden mitteilen? Dürfte meine Oma dieses Bild sehen?

Wie, wo und mit wem können Schüler diese Kompetenzen am besten erwerben?

Weinberger: Sie können zum Beispiel auf der Webseite internet-abc.de einen Surfschein machen. Die deutschen Landesmedienanstalten bieten Ansprechpartner für Lehrer und Eltern, machen Workshops für Schüler und Fortbildungen für Pädagogen. Denn wenn ein Lehrer ein Medium wie Facebook im Unterricht benutzt, muss er es auch selbst beherrschen und den Schülern den richtigen Umgang vermitteln.

Wenn Heranwachsende über ihr Smartphone überall und jederzeit Zugang zu Informationen haben, inwiefern beeinflusst das ihr Lernverhalten?

Weinberger: Mit einer kleinen Bibliothek in der Hosentasche ist unser Zugang zu Informationen zwar unbegrenzt. Aber unsere Aufmerksamkeit erreicht irgendwann ihre Grenzen. Um die Konzentrationsfähigkeit von Kindern und Jugendlichen nicht mit stundenlangem Fernsehen, digitalen Spielen oder Musikhören zu erschöpfen, müssen sie lernen, sich selbst zu regulieren. Eltern und Schule müssen sie dabei unterstützen.

Verlernen Schüler durch die "Bibliothek in der Hosentasche" nicht, sich Inhalte langfristig zu merken?

Weinberger: Diese Bibliothek ist ein zweischneidiges Schwert. Einerseits können Schüler mit ihr ständig Wissen erwerben. Andererseits verankert sich eine Info umso besser, je mehr ich sie mir selbst erarbeite. Je leichter sie also multimedial aufbereitet daherkommt, desto weniger glaube ich dafür tun zu müssen - und desto eher vergesse ich sie wieder. Zudem laufen Schüler Gefahr, sich mit dem mobilen Gerät ständig abzulenken.

Welche Alternativen zum oft kritisierten Daten-Monster Facebook gibt es für Schüler ?

Weinberger: Manche deutsche Schulen setzen die Online-Plattform Moodle ein. Dort gibt es auch Foren, in denen sich Schüler austauschen könnten. Meistens verteilen Lehrer über Moodle jedoch Material, sodass Schüler diese Plattform eher passiv nutzen. Auf den Seiten der US-Plattform "Khan-Academy", die Lerninhalte als Youtube-Clip zeigt, gibt es nur wenige deutsche Angebote. Für sichere Recherchen können Heranwachsende Kindersuchmaschinen wie blindekuh.de oder fragfinn.de verwenden.


Zum Thema:

Hintergrund:Deutschland ist Schlusslicht, wenn es um den Einsatz neuer Medien an Schulen geht. Das hat eine aktuelle Studie der "International Association for the Evaluation of Educational Achievement" (IEA) gezeigt. Nur neun Prozent der befragten Lehrer gaben an, den Computer täglich im Unterricht zu nutzen. In den Niederlanden waren dies 57 Prozent, beim Spitzenreiter Kanada sogar 73 Prozent der Lehrer . Die deutschen Bundesländer sind uneins, ob Schulen gegen Datenschutzbestimmungen verstoßen, wenn Lehrer und Schüler über Facebook miteinander kommunizieren. In Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg ist Lehrern Facebook-Kontakt mit Schülern zu Unterrichtszwecken daher untersagt. Zudem gibt es hierzulande keinen einheitlichen Ansatz, wie Schulen Medienkompetenz fördern können. em