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Motorsport vor der Haustür
Ein Rennwagen aus saarländischer Produktion

Studenten des Evolution Racing Team Saar bei der Feinabstimmung des aktuellen Wagens, den sie nach dem berühmten Evolutionsbiologen „Darwin“ getauft haben. Von links nach rechts: Maximilian Junk, Daniel Primaveßy, Janis Mathieu und Oliver Kruse.
Studenten des Evolution Racing Team Saar bei der Feinabstimmung des aktuellen Wagens, den sie nach dem berühmten Evolutionsbiologen „Darwin“ getauft haben. Von links nach rechts: Maximilian Junk, Daniel Primaveßy, Janis Mathieu und Oliver Kruse. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Ein Team aus Studenten entwickelt und fertigt auf dem Campus Autos, die sich mit der internationalen Konkurrenz messen können. Von David Seel

Wer sehen will, wie ein Rennwagen entworfen und zusammengebaut wird, muss dafür nicht nach Italien oder Großbritannien fahren. Denn auf dem Campus der Saar-Uni betreiben technikbegeisterte Studenten ihren ganz eigenen Rennstall. Im Evolution Racing Team Saar entwickeln sie in Eigenregie Jahr für Jahr ein waschechtes Rennauto. Das Team besteht aktuell aus rund 30 aktiven Mitgliedern, die an der Universität des Saarlandes, der HTW Saar und der ASW – Berufsakademie Saarland studieren. Von der Konzeption über die Entwicklung bis hin zu Vermarktung, Sponsoring und Organisation bleibt das Projekt dabei komplett in Studentenhand. Mit ihren Boliden messen sie sich auch in Wettkämpfen, oftmals mit internationaler Konkurrenz.


Vor der muss sich das aktuelle Auto, das die Studenten nach dem berühmten Evolutionsforscher auf den Namen Darwin getauft haben, nicht verstecken. Zwei Elektromotoren mit zusammen 109 PS Leistung beschleunigen den 234 Kilogramm schweren Darwin in nur 2,5 Sekunden auf 100 km/h.  Zum Vergleich: Ein Golf GTI der aktuellen Generation benötigt laut Hersteller 6,4 Sekunden von null auf 100. Die Endgeschwindigkeit des Darwin ist auf 120 km/h gedrosselt. „Schneller wäre ein zu großes Risiko“, sagt Maximilian Junk, der an der Saar-Uni gerade seinen Master in Systems Engineering absolviert und im Racing Team den Bereich „Akku“ leitet. Denn gefahren wird auch auf Wettkämpfen von den Studenten selbst. „Wir trainieren das natürlich vorher“, erklärt Junk. „Wer im Training der Schnellste ist, fährt dann bei den Wettkämpfen.“



Den Darwin zu fahren, ist nichts für ängstliche Gemüter: „Der Akku ist brandgefährlich“, scherzt Janis Mathieu, der ebenfalls Systems Engineering an der Saar-Uni studiert. Vergleichbare Systeme hätten im Rennbetrieb bei anderen Teams bereits Feuer gefangen. „Die Spannung im Lithium-Polymer-Akku beträgt im Rennen rund 500 Volt, wenn der dann hochgeht, gibt das eine drei Meter hohe Stichflamme“, erklärt der promovierte Biotechnologe Daniel Primaveßy, der die Wirtschaftsleitung des Teams innehat. Zwischen Akku und Fahrer befindet sich daher eine feuerfeste Wand, die ein Drei-Sekunden-Zeitfenster garantiert. „Auf Wettkämpfen müssen die Fahrer der Jury zeigen, dass sie in dieser Zeit aus dem Auto kommen“, so Primaveßy.

Die Studenten fahren in einer eigenen Rennklasse, der „Formula Student Electric“. Dort treten sie in Konstruktionswettbewerben gegen andere Teams aus der ganzen Welt an. Eine Experten-Jury, bestehend aus Vertretern der Renn-, Automobil- und Zuliefererindustrie bewertet dann Konstruktion, Kostenplanung, Vermarktung und natürlich die Fahreigenschaften des Wagens. Die muss in verschiedenen Disziplinen – etwa in Kurven- und Beschleunigungsrennen – unter Beweis gestellt werden. Die Studentenliga hat auch eine eigene Weltrangliste, auf der das Saar-Team aktuell Platz 77 belegt.

Die Universität stellt dem Team lediglich die Räumlichkeiten für das Projekt zur Verfügung. Das Geld für den Wagen, dessen Materialkosten sich auf rund 100 000 Euro belaufen, stammt größtenteils von Sponsoren aus dem Saarland. Die Vermarktung und die Suche nach neuen Sponsoren obliegen dabei normalerweise Studenten der Wirtschaftswissenschaften.

Auch die Bauteile kommen teilweise von hiesigen Unternehmen. „Die Studenten, die daran bei saarländischen Firmen arbeiten, absolvieren meist ein duales Studium. Sie studieren an der ASW und arbeiten gleichzeig bei den Unternehmen“, erläutert Daniel Primaveßy. Viele Teile müssten aber auch von außer­halb gekauft werden, „einfach weil es nicht für alle Präzisionskomponenten, die im Motorsport gebraucht werden, Firmen im Saarland gibt, die das anbieten“.

Auch wenn das Geld öfter knapp ist, ist die Finanzierung aber nicht das Hauptproblem des Rennstalls. „Uns fehlen einfach ständig Leute“, klagt Primaveßy. Wirklich aktive Mitglieder fänden sich nur schwer. Er vermutet, dass das Projekt in der Studentenschaft einfach zu wenig bekannt sei. „Ich bin schon lange an der Uni und auch ich habe erst vor zwei Jahren davon erfahren.“

Oliver Kruse, Student der Materialwissenschaften und Werkstofftechnik, macht noch einen weiteren Grund aus. „Die Leute denken wahrscheinlich, dass man hier besondere handwerkliche Fähigkeiten braucht. Dabei muss man eigentlich gar nichts können, wenn man hier anfängt, außer die Werkstatt aufräumen“, ergänzt er lachend. Tatsächlich sei jeder Student im Team willkommen, fehlendes handwerkliches Geschick könne man mit Motivation kompensieren, sagt Daniel Primaveßy. „Wir freuen uns immer über Leute, die Interesse haben und bereit sind, Zeit und Energie zu investieren.“

Teilweise zählt die Arbeit am Auto auch für das Studium. „Wer Systems Engineering studiert, kann sich Credit Points anrechnen lassen“, sagt Maximilian Junk. Viele Studenten würden auch ihre Abschlussarbeit bei Evolution Racing absolvieren. „Wir arbeiten daran, dass sich das auch auf weitere Fachbereiche anrechnen lässt“, ergänzt Primaveßy. Der Kontakt zu hiesigen Unternehmen und damit potentiellen Arbeitgebern sei aber in jedem Fall von Vorteil. „Die wissen ja, was wir hier machen“, so die Einschätzung des Biotechnologen. „Außerdem findet jemand, der Hilfe mit dem Studium braucht, hier mit ziemlicher Sicherheit den richtigen Ansprechpartner.“

Wer wenig Zeit habe, könne sich auch kleineren Aufgaben widmen. „Die Leute, die wirklich viel am Auto arbeiten, machen aber auch mal Nächte durch. Wir haben sogar Feldbetten am Lehrstuhl“, erzählt Primaveßy schmunzelnd. Generell wünscht er sich eine breitere Öffentlichkeit: „Wir müssen mehr Werbung machen. Kaum jemand kennt das Projekt, dabei ist das hier eine internationale Sache und kein kleines Ding“, so seine Einschätzung. „Außerdem sind wir das das einzige Team, das das Saarland vertritt.“ Man peile aber Sondierungsgespräche mit der Uni-Leitung an, um das Projekt bekannter zu machen, auch neue Sponsoren seien immer gefragt, sagt Primaveßy. „Wir treten mit dem Wagen bei vielen Veranstaltungen im Saarland auf, da kann man seinen Firmennamen schon bekannt machen, wenn er auf dem Auto steht.“

Darwins Nachfolger, der 13. Rennwagen aus dem Hause Evolution Racing Saar, steht ebenfalls schon in den Startlöchern: Ende April soll er fertig sein. „Wir konnten das Gewicht im Vergleich zum Vorgänger um fünf bis zehn Prozent reduzieren“, schwärmt Oliver Kruse. „Außerdem haben wir ein völlig neues Getriebe.“ Der neue Wagen muss sich in diesem Jahr gleich auf zwei großen Events beweisen. Vom 9. bis zum 12. Juli auf dem TT-Circuit im holländischen Assen und vom 6. bis zum 12. August auf dem Hockenheimring. Über den Namen des Darwin-Nachfolgers hüllen sich die Evo Racer noch in Schweigen: „Das nächste Auto hat bereits einen Namen, der ist allerdings noch geheim und wird zum Rollout bekannt gegeben“, sagt Daniel Primaveßy.

www.evolution-racing.de