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Vier Jahrzehnte DFHI
Ein Studium, das Grenzen überschreitet

Instituts-Direktor Thomas Bousonville im Gespräch mit den Studenten Miriam Louise Carnot (l.) und Ludovic Lang sowie Absolventin Marie Reibold.
Instituts-Direktor Thomas Bousonville im Gespräch mit den Studenten Miriam Louise Carnot (l.) und Ludovic Lang sowie Absolventin Marie Reibold. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken . Das Deutsch-Französische Hochschulinstitut hat in diesem Jahr sein 40-jähriges Bestehen gefeiert und blickt positiv in die Zukunft. Von Annabelle Theobald

Im Jahr 1978 gegründet und mit bislang fast 3000 Absolventen ist das Deutsch-Französische Hochschulinstitut (DFHI) die älteste und nach eigenen Angaben größte Hochschulkooperation zwischen beiden Nationen. Die Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) in Saarbrücken und die Université de Lorraine arbeiten hier seit Jahrzehnten eng zusammen. In Metz wurde vor Kurzem das Jubiläum gefeiert. Laut Thomas Bousonville, Professor für Logistik und Wirtschaftsinformatik an der HTW und Direktor des DFHI, waren etwa 800 Gäste, davon ein Großteil Absolventen, dabei. „Aus jedem Jahrgang seit Bestehen des DFHI war mindestens ein Absolvent da“, sagt Bousonville.


Das DFHI, französisch genannt Institut Supérieur Franco-Allemand de Techniques, d‘Economie et de Sciences (ISFATES) und auf der französischen Seite geführt von Gabriel Michel, Professor für Mathematik und Informatik an der Université de Lorraine, bietet sieben Bachelor- und fünf Masterstudiengänge in den Bereichen Management, Ingenieurwesen und Informatik an. Am Ende steht ein Abschluss mit Doppeldiplom. Bousonville sagt, das Besondere am DFHI sei, dass alle Studenten gemeinsam starten. Im Bachelor-Studium verbringen sie die ersten beiden Semester in Metz, wo die Grundlagen vermittelt werden, dann werde im dritten und vierten Semester der Lernstoff in Saarbrücken vertieft und fachspezifisches Wissen erarbeitet, so Bousonville.

Die deutschsprachigen Studenten müssten durch den Studienbeginn in Frankreich in den ersten Semestern sehr viel lernen, trotzdem sei die Abbruchrate am DFHI vergleichsweise gering. Sie liege derzeit unter zehn Prozent, sagt Bousonville. Der Direktor erklärt das auch damit, dass unter den Studenten große Solidarität herrsche. Das bestätigen auch der 19-jährige Ludovic Lang aus Frankreich, der am DFHI Maschinenbau studiert, und die 20-jährige Informatikerin Miriam Louise Carnot, die aus dem Osten Deutschlands zum Studium nach Saarbrücken gekommen ist.



Aus Sicht der Studenten gibt es aber noch einen weiteren großen Vorteil. „Am DFHI studiert man viele Fächer in kleinen Gruppen. Oftmals sind es nur zehn Leute, nie sind es mehr als dreißig. Alles ist sehr persönlich, man fühlt sich nicht, als wäre man nur eine Nummer“, so Carnot. Derzeit sind auf alle Studien- und Jahrgänge verteilt mehr als 450 Studierende am DFHI eingeschrieben.

Im fünften Semester besteht die Möglichkeit, im Rahmen von Erasmus+, einem Förderprogramm der Europäischen Union, an einer anderen europäischen Hochschule zu studieren und sich die dort erbrachten Leistungen anerkennen zu lassen. Diese Option steht aber laut Thomas Bousonville nur Studenten offen, die bereits über sehr solide Sprachkenntnisse in der Partnersprache verfügen, da das Ausbildungsziel ganz klar die Arbeitsfähigkeit im deutsch-französischen Raum sei.

Anschließend folgt die Praxisphase in einem Unternehmen, die jeweils im Partnerland absolviert wird. Wer bereits beide Sprachen beherrscht, hat hier laut Bousonville die Wahl, wo er sein Praktikum machen möchte. „Letztlich ist alles am jeweiligen Bedarf der Studierenden ausgerichtet.“ Da viele von ihnen zweisprachig aufgewachsen seien, biete das DFHI auch Englisch und Chinesisch als weitere Fremdsprachen an. „Die deutsch-französische Basis ist der Markenkern des DFHI, aber vor dem Hintergrund der Globalisierung müssen wir uns breiter aufstellen“, so Bousonville. Chinesisch sei deshalb interessant, weil es erkennbar die nächste Weltsprache werde, aber auch weil das Angebot dem DFHI ein Alleinstellungsmerkmal verschaffe, welches auch Studenten von außer­halb anlocke.

Neben den Studieninhalten und Sprachkenntnissen steht beim DFHI noch etwas anderes im Fokus: die interkulturelle Kompetenz. Absolventin Marie Reibold sagt, sie habe sich zunächst unter dem Begriff nicht viel vorstellen können. „Ist aber erst mal das Bewusstsein geweckt, dass man mit seiner Kultur nicht das Maß aller Dinge ist, kann man mit viel größerem Einfühlungsvermögen und Offenheit fremden Kulturen gegenübertreten.“

Für sie hat das Studium am DFHI Früchte getragen, sie konnte bereits im Bachelorstudium die ersten Kontakte zu ihrem jetzigen Arbeitgeber knüpfen. Den Master-Abschluss habe sie an der HTW Saar kooperativ machen und so schon neben dem Studium arbeiten können. Zunächst sei sie in der französischen Niederlassung eingesetzt gewesen, jetzt arbeite sie in Deutschland. Sie habe beruflich viele Kontakte ins Ausland, laut eigener Aussage regelmäßig auch mit dem Unternehmensstandort in Schweden. „Die im Studium erlernten Kompetenzen lassen sich hier gut anwenden. Unter Kollegen bin ich oftmals als Mittlerin zwischen den Kulturen gefragt.“

Auch Marie Louise Carnot ist mit ihrem Studiengang zufrieden. Er biete eine perfekte Mischung aus Technik und Sprache. In Zukunft möchte sie noch weitere Auslandserfahrungen sammeln. „Ich würde gerne den Master woanders machen, vielleicht in Asien. Vorher habe ich mich nicht getraut, ins außereuropäische Ausland zu gehen.“ Nachdem sie nun aber die Erfahrung am DFHI gesammelt habe, fühle sie sich hierzu bereit. Maschinenbau-Student Ludovic Lang strebt laut eigener Aussage ebenfalls einen Masterabschluss an und könnte sich gut vorstellen, danach in der Region zu arbeiten.

Die Studenten müssen sich keine Sorgen machen, nach dem Abschluss keinen Job zu finden. Auch Thomas Bousonville ist zuversichtlich: „Absolventen des DFHI sind nicht nur in Deutschland und Frankreich gerne gesehen, sondern auch in der Schweiz und Luxemburg.“

Das Deutsch-Französische Hochschulinstitut hat sich im Laufe seines Bestehens weiterentwickelt. So kann laut Bousonville in den Studiengängen Europäisches Bau- und Internationales Logistikmanagement zusätzlich zum deutsch-französischen Diplom auch der Abschluss an einer Drittlandhochschule erworben werden. Hierfür arbeite das DFHI bereits mit der Universität Luxemburg und der University of Applied Sciences in Helsinki zusammen.

Die HTW steht auch in Verhandlungen für eine Aufnahme in die Universität der Großregion. Das ist ein Verbund der Universitäten in Kaiserslautern, Lüttich, Lothringen, Luxemburg, dem Saarland und Trier, der sich laut eigener Aussage zum Ziel gesetzt hat, grenzüberschreitendes Lehren, Lernen und Forschen zu ermöglichen. Gerade in Hinblick auf die Bewerbung für das vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron initiierte länderübergreifende Hochschulnetzwerk in Europa (wir haben berichtet) sei es gut, Kompetenzen zu bündeln und vorhandene Strukturen zu nutzen, sagt Thomas Bousonville.