Wie Eingeweidefett die Gesundheit ruiniert

Gesundheit : Wie Eingeweidefett die Gesundheit ruiniert

Warum das Eingeweidefett ständig entzündungsfördernde Stoffe ausschüttet, war lange ein Rätsel. Inzwischen ist klar, dass es sich um eine Reaktion des Immunsystems handelt.

Vielen Menschen ist nicht bewusst, dass in ihrem Körper dauerhaft leichte Entzündungen aktiv sind. Ab und zu sind äußerlich kleine Rötungen zu erkennen, in der Regel jedoch köcheln die Entzündungen im Organismus vor sich hin.

Hinweise darauf können ständige Müdigkeit, Abgeschlagenheit oder Gelenkschmerzen sein. Ursachen dieser inneren Entzündungen ist oft Übergewicht, bei dem sich viel Fett im inneren Bauchraum angesammelt hat. Das gilt auch für äußerlich schlanke Menschen, bei denen ebenfalls viel Fett im Bauchraum lagert.

Ein gewaltiger Wanst „Die Bauchhöhle bietet Platz für einige Liter Fett“, sagt der Ernährungswissenschaftler Professor Dr. Nicolai Worm von der Deutschen Hochschule für Prävention und Gesundheitsmanagement in Saarbrücken. Ist die Bauchhöhle völlig gefüllt, schiebt zusätzliches Fett den Bauch nach vorn. Zwischen den Rippenbögen wölbt sich schließlich ein gewaltiger Wanst. Die innere Verfettung kann zu einer anhaltenden Entzündung im Körper führen. Diese verläuft zunächst schleichend, richtet im Laufe der Jahre aber oft großen Schaden an.

Aggressive Fettpolster Es gibt zwei Arten von Fettgewebe im menschlichen Körper. Da ist zum einen das Fett, das sich unter der Haut ansammelt und zum Beispiel an den Hüften, am Hintern oder den Beinen sichtbar wird. Es wird als Unterhautfettgewebe oder subkutanes Fett („unter der Haut“) bezeichnet. Es ist ein ziemlich passives Gewebe.

Zum anderen gibt es das Fett, das sich um die inneren Organe herum und sogar in ihnen ablagert. Die Rede ist vom Bauchfett, auch Eingeweidefett oder viszeralen Fett (lateinisch viscera: die Eingeweide) genannt. Dieses Fett ist sehr aktiv. Es schüttet fortlaufend Stoffe aus, die im Organismus Entzündungen hervorrufen können. Bislang sind rund 200 solcher Botenstoffe, die sogenannten Adipokine, bekannt.

Beispiele sind das Interleukin-6, das den Zuckerstoffwechsel stören und zu Gefäßentzündungen führen kann, der Tumornekrosefaktor (TNF), der Entzündungen auslöst, sowie das Angiotensinogen, das die Entstehung von Bluthochdruck fördert. Solche Botenstoffe aus dem Eingeweidefett erhöhen das Risiko für hohe Blutfett- und Cholesterinwerte, verstopfte Gefäße, Bluthochdruck, Diabetes, fiebrige Entzündungen, Rheuma, Fettleber, Demenz und Krebs.

Gestörte Zuckerverwertung Ein Team von Forschern der Uniklinik Berlin, des Deutschen Diabetes-Zentrums Düsseldorf und des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke hat vor Kurzem nachgewiesen, dass der Botenstoff WISP1, den bei starkem Übergewicht die Zellen des Eingeweidefetts freisetzen und ins Blut abgeben, zur Entstehung einer Insulinresistenz beiträgt und Entzündungen im Organismus anfacht.

Die Forscher berichten, dass das Eiweißmolekül WISP1 (Wingless-type signaling pathway protein 1) die Wirkung des Insulins auf Muskelzellen sowie auf die Leber negativ beeinträchtigt. Dadurch wird die Zuckerverwertung in den Muskelzellen gestört. Zudem wird die Neubildung von Zucker aus Aminosäuren in der Leber nicht richtig reguliert. Es wird zu viel Zucker freigesetzt. „Wir vermuten, dass eine verstärkte Produktion von WISP1 im Eingeweidefett eine der Ursache ist, warum übergewichtige Menschen oft einen gestörten Zuckerstoffwechsel haben“, sagt Dr. Tina Hörbelt vom Deutschen Diabetes-Zentrum.

Mühsame Forschung Um herauszufinden, warum das Eingeweidefett überhaupt fortlaufend entzündungsfördernde Stoffe ins Blut abgibt, waren jahrelange Forschungen erforderlich. Noch sind nicht alle Details geklärt, doch die Wissenschaftler gehen derzeit davon aus, dass viszerale Fettzellen dann zu einem ernsthaften gesundheitlichen Problem werden, wenn sie zu groß werden, also quasi überladen sind. Die Zellen des Eingeweidefetts können bei anhaltendem Kalorienüberschuss, Bewegungsmangel und dauerndem Stress anwachsen – nach einer Studie an der amerikanischen Stanford-Universität auf das Drei- bis Vierfache der normalen Größe.

Dehnen sich die Zellen des Eingeweidefetts immer stärker aus, leiden sie irgendwann unter Sauerstoffmangel. Diesen Zusammenhang vermuten auch die Erforscher des WISP1-Moleküls: „Die schlechte Sauerstoffversorgung der Fettzellen kurbelt die Produktion und Freisetzung von Entzündungsmolekülen an.“ In den übergroßen Fettzellen bilden sich kaum noch neue Blutgefäße und Nervenfasern. Die Versorgung mit Sauerstoff und die Kommunikation mit dem Körper werden dadurch gestört. Weil den Zellen „die Luft ausgeht“, wodurch ihr Überleben gefährdet ist, produzieren sie große Mengen an Botenstoffen.

Hilferufe „Eigentlich sind das Hilferufen“, sagt Nicolai Worm. Die gestressten Zellen wollen erreichen, dass ihre „Qual“ gelindert wird, indem neue Blutgefäße gebildet werden und dadurch ihr Sauerstoffmangel behoben wird. Denn im Grunde sind die produzierten Botenstoffe nützlich. Der Tumornekrosefaktor TNF zum Beispiel kann Eindringlinge wie Viren, Bakterien, Parasiten und andere Fremdkörper im Organismus niederringen und auch die Entzündungen in den Fettzellen bekämpfen.

Interleukin-6 wirkt entzündungshemmend und aktiviert die Fettverbrennung, wenn es bei sportlicher Betätigung von Muskelzellen produziert und ausgeschüttet wird. Das Eingeweidefett produziert diese Stoffe jedoch andauernd. Diese Überdosis löst schädliche Reaktionen bis hin zu ernsthaften Erkrankungen im Körper aus. Denn die Entzündungen in den Fettzellen können auch andere Gewebe im Körper infizieren. „Schüttet das viszerale Fett dauerhaft Interleukin-6 aus, kann das beispielsweise die Innenwände der Blutgefäße schädigen“, sagt der Kölner Molekularmediziner Professor Dr. Wilhelm Bloch. „Mit der Zeit können sich Ablagerungen bilden, und schließlich verstopfen die Gefäße.“

Geschwächtes Immunsystem In das aufgeblähte Eingeweidefett wandern in großer Zahl Zellen der Immunabwehr ein. Eine große Rolle spielen dabei die Makrophagen, die Fresszellen unserer Immunabwehr. Makrophagen haben die Aufgabe, Krankheitserreger zu vernichten, die in den Körper eindringen. Diese Immunzellen können jedoch in zwei Formen auftreten. Sie wirken entweder entzündungshemmend (Typ M2), können aber auch entzündungsfördernd (Typ M1) sein.

Mediziner der Universitätsklinik Leipzig berichten, dass auch die entzündungsfördernde Form der Fresszellen durchaus sinnvoll ist: „Ist ein Erreger eingedrungen, locken die entzündungsfördernden Markopahegen weitere Immunzellen zum Infektionsort.“ Dadurch werden Fremdkörper effektiv bekämpft. Danach werden die entzündungshemmenden Makrophagen aktiv, um die Entzündung wieder abklingen zu lassen und die entzündungsfördernden Zellen abzuschalten.

Auch im Fettgewebe treten Makrophagen in Aktion. Sie vernichten abgestorbene Zellen und produzieren Stoffe, die direkt auf das Fettgewebe wirken. „Untersuchungen haben gezeigt, dass bei adipösen Menschen eher entzündungsfördernde Makrophagen im Fettgewebe zu finden sind, bei normalgewichtigen Menschen eher entzündungshemmende“, erklären die Wissenschaftler.

Ein Forscherteam des Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam hat herausgefunden, dass der Botenstoff WISP1 in höherer Dosis die Makrophagen in den entzündungsfördernden Typ M1 umwandelt. „Wir vermuten, dass WISP1 einer der Stoffe sein könnte, welche die Funktion der Makrophagen und deren Einwanderung ins Fettgewebe kontrollieren“,erläutert Dr. Veronica Murahovschi, eine der beteiligten Forscherinnen.

Gestörter Schutzmechanismus Im entzündeten viszeralen Fettgewebe produzieren die Makrophagen in großer Menge Gewebshormone. Diese sollen die Entzündungen bekämpfen und das Wachstum neuer Blutgefäße fördern. Nicolai Worm erklärt ebenfalls, dass Entzündungen im Grunde einen positiven Effekt haben. Es kommt zu einer vermehrten Wärmeproduktion. Die höhere Temperatur tötet Erreger ab. Und um die höhere Temperatur zu erreichen, nutzt der Körper auch überschüssige Energie, das gespeicherte Fett also. So gesehen wären diese Entzündungsprozesse „als Schutzmaßnahme gegen einen weiteren Zuwachs an Fett in den Fettzellen zu verstehen“, sagt Worm.

Allerdings funktioniert dieser Prozess heute nicht mehr. Wegen der großen Menge an viszeralem Fett können weder die Entzündungen in den Fettzellen erfolgreich bekämpft noch überschüssige Kalorien in dem Maße verbrannt werden, dass die Fettpolster schmelzen würden. Im Gegenteil. „Die chronische Überernährung“ lasse das Eingeweidefett weiter wachsen, sagt Professor Dr. Matthias Blüher, Adipositasexperte an der Universitätsklinik Leipzig.

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