Übergewicht lässt das Immunsystem überschießen

Immunsystem : Übergewicht lässt das Immunsystem überschießen

Eine Reduzierung des Körpergewichts um nur fünf Prozent lässt bereits 20 Prozent des Eingeweidefetts und 30 Prozent des Leberfetts schwinden.

(ml) Forscher der Universität Osaka in Japan haben nachgewiesen, dass im Eingeweidefett aller Menschen natürlicherweise auch Immunzellen angesiedelt sind, die die gleichen Gene aktivieren wie andere Immunzellen im Körper und somit auch Immunreaktionen auslösen können.

Im Grunde bekämpft das Immunsystem Fremdkörper, die in den Organismus eingedrungen sind. Bei übergewichtigen Menschen mit viel Eingeweidefett schießt das Immunsystem aber offenbar über das Ziel hinaus. Die Folge sind dauerhafte Entzündungen im Körper.

Forscher des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung in Potsdam und der Universitätsklinik Leipzig haben zwei Gene (IFI16 und MNDA) identifiziert, die im Fettgewebe krankhaft übergewichtiger Menschen verstärkt aktiv sind. Sie begünstigen die Fetteinlagerung im viszeralen Fettgewebe, und die Größe der Fettzellen nimmt mit steigender Aktivität der beiden Gene zu.

In Versuchen mit Mäusen konnten dieselben Wissenschaftler nachweisen, dass eine verstärkte Aktivität von Genen, die mit Übergewicht im Zusammenhang stehen, die Produktion des Stresshormons Cortisol ankurbelt. Dieses Hormon fördert ebenfalls Übergewicht.

Ist viel viszerales Fett vorhanden, wird eine andere Gruppe von Immunzellen reduziert. Es handelt sich um die regulatorischen T-Zellen, kurz Tregs genannt. Diese haben die Aufgabe, eine Entzündung nicht aus dem Ruder laufen zu lassen. Sie sorgen dafür, dass das Immunsystem nicht die eigenen Zellen angreift. Auch Fettzellen besitzen Tregs. Sind die Fettspeicher jedoch prall gefüllt, nimmt die Zahl der Tregs ab, haben Forscher der Universität Melbourne (Australien) und der City-Universität in Yokohama (Japan) herausgefunden. „Sinkt die Anzahl der Tregs, können entzündliche Krankheiten wie Diabetes oder Rheuma entstehen“, erklären die Wissenschaftler.

Der Ernährungsmediziner Professor Dr. Thomas Skurk von der Technischen Universität München sagt: „Da das Immunsystem vom Körperfett in Beschlag genommen wird, haben Erkältungen und andere Infektionen leichtes Spiel. Es wird auch darüber diskutiert, ob die schwelende Entzündung Allergien begünstigen kann.“

Geraten die Fettzellen aus den Fugen, kommt es zum metabolischem Syndrom: Übergewicht (dazu zählt auch zu viel Eingeweidefett bei äußerlich schlanken Menschen), Störungen im Zuckerstoffwechsel und im Fettstoffwechsel sowie Bluthochdruck. Der Stoffwechsel ist entgleist. Dadurch wird die Produktion entzündungshemmender Adipokine in den Fettzellen gehemmt. Dazu gehört das Adiponektin, das mit seinen anti-entzündlichen Eigenschaften vor Gefäßverkalkung schützen kann und die Wirkung des Insulins auf die Körperzellen verbessert.

Forscher der Universitäten Jena und Hohenheim haben nachgewiesen, dass bereits bei Grundschulkindern mit Übergewicht Botenstoffe aus dem Eingeweidefett zu Stoffwechselstörungen und entzündlichen Veränderungen führen: hohen Cholesterin-Werten, Bluthochdruck, Insulinresistenz, Fettleber und inneren Entzündungen. Und Wissenschaftler der Universitäten Salzburg, Wien und Graz haben bei Kindern und Jugendlichen mit starkem Übergewicht große Menge entzündungsfördernder Adipokone im Blut gefunden.

Unter anderem hat eine Studie am Krebsforschungszentrum Heidelberg mit 600 Männer und Frauen mit leichtem bis schwerem Übergewicht im Alter zwischen 35 und 65 Jahren gezeigt, dass umso mehr schädliche Stoffe gebildet werden, je mehr Eingeweidefett vorhanden ist. Beispielsweise bilden die Fettzellen vermehrt CRP (C-reaktives Protein). Das CRP ist Teil des Immunsystems und bindet sich an tote und sterbende Körperzellen. Dadurch wird das Immunsystem stimuliert, diese Zellen abzubauen. Eine höhere Dosis von CRP im Blut weist auf unterschwellige Entzündungen hin, besonders auf Erkrankungen des Gefäßsystems und des Herzens, das Thrombose-Risiko steigt.

In einer weiteren Studie mit 150 übergewichtigen und fettleibigen Teilnehmern haben Wissenschaftler des Krebsforschungszentrums und der Universitätsklinik Heidelberg nachgewiesen, dass bei einer Reduzierung des Körpergewichts um nur fünf Prozent bereits bis zu 20 Prozent des gefährlichen Eingeweidefetts und sogar über 30 Prozent des Leberfetts verschwinden.

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