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Fitness
Laufen im Unterricht macht Kinder schlauer

In amerikanischen Schulen gibt es häufig Schulbänke, die mit Steppern (im Bild) oder Fahrradergometern gekoppelt sind. Kurze Bewegungseinheiten im Unterricht führen zu besseren schulischen Leistungen.
In amerikanischen Schulen gibt es häufig Schulbänke, die mit Steppern (im Bild) oder Fahrradergometern gekoppelt sind. Kurze Bewegungseinheiten im Unterricht führen zu besseren schulischen Leistungen.
Saarbrücken. Schüler lernen deutlich besser, wenn sie während der Unterrichtsstunden für kurze Zeit körperlich aktiv sein dürfen. Und ältere Menschen weisen deutlich bessere Gehirnleistungen auf, wenn sie sich regelmäßig körperlich bewegen. Von Martin Lindemann

Kinder sollten sich regelmäßig körperlich bewegen, weil das auch ihrer Gehirnentwicklung zugute kommt. Forscher der Universität Göteborg in Schweden konnten belegen, dass Jugendliche, die körperlich träge sind, im späteren Leben mit deutlich höherer Wahrscheinlichkeit eine Demenz entwickeln als körperlich fitte Gleichaltrige.


Experten sprechen sich daher auch für regelmäßige körperliche Aktivität im Unterricht aus. „Der vielfach vernachlässigte Schulsport sollte mit Blick auf die lebenslangen positiven Wirkungen mit das wichtigste Schulfach überhaupt sein“, sagt der Hirnforscher Professor Dr. Gerd Kempermann vom Deutschen Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen in Dresden.



Besser konzentrieren Viele Eltern fragen sich also zurecht, ob der Unterricht ihrer Kinder nicht regelmäßig durch Bewegungspausen unterbrochen werden müsste, damit die Schüler sich besser auf den Unterrichtsstoff konzentrieren können.

Eine neuere Studie von Professor Dr. Eric Drollette und seinem Team von der Universität von Illinois, USA, zeigt, dass sich zusätzliche körperliche Aktivität positiv auf geistige Funktionen wie Impulskontrolle, Arbeitsgedächtnis und kognitive Flexibilität auswirkt. Gerade Kinder, die in der Schule schlechte Leistungen erbringen, profitieren davon.

Die Forscher konnten nachweisen, dass eine Trainingseinheit von 20 Minuten auf dem Laufband bei den Kindern, die zuvor bei schulischen Tests am schlechtesten abgeschnitten hatten, zu einer deutlichen Verbesserung der Leistung führte. Kinder, die vorher schon gut abgeschnitten hatten, erzielten allerdings keinen zusätzlichen Nutzen.

Von der Bewegungseinheit auf dem Laufband profitierte vor allem die kognitive Kontrolle, das heißt, die Kinder konnten unwichtige Informationen besser ausblenden. Das kam ihrer Konzentration zugute, sie verfolgten den Unterricht aufmerksamer.

Im Test besser abgeschnitten Eine ähnliche Studie haben Wissenschaftler unter der Leitung von Professor Dr. Charles Hillman an der Northeastern-Universität in Boston im US-Bundesstaat Massachusetts durchgeführt. Sie ließen 20 Schüler im Alter von neun Jahren 20 Minuten lang mit mittlerer Intensität auf einem Laufband joggen. Nach dem Sport erbrachten die Kinder bessere kognitive Leistungen. Zuerst stand ein Lese-Test auf dem Programm, bei dem die Kinder besser abschnitten. Doch bei den darauffolgenden Schreib- und Rechenübungen war das schon nicht mehr so. Die Forscher glauben, dass der positive Effekt der körperlichen Bewegung aufs Gehirn nicht lange anhält, sondern nach kurzer Zeit wieder verfliegt. Das würde bedeuten, dass während des Unterrichts regelmäßige Bewegungseinheiten sinnvoll sein können.

Eine geringe Intensität bei sportlicher Betätigung ist offenbar genauso wirksam wie eine hohe Intensität. Das ist das Ergebnis einer Studie der Universität Coventry in Großbritannien. 18 Kinder im Alter von zehn Jahren strampelten während des Unterrichts 20 Minuten lang auf einem Fahrradergometer. Die Schüler, die sich dabei nur mäßig anstrengen mussten, erzielten bei den anschließenden kognitiven Tests genauso positive Ergebnisse wie die Schüler, die sich auf dem Fahrradergometer stärker verausgabt hatten.

Ein Ergebnis dieser Studie konnten sich die Wissenschaftler jedoch nicht erklären: Die sportliche Aktivität beeinträchtigte im Anschluss die Leistungen beim Rechnen. Auf das Satzverständnis hatte das Radfahren weder einen positiven noch einen negativen Einfluss. „Diese Ergebnisse unterstützen die bisherige Forschung, die darauf hinweist, dass Sportübungen die kognitive Leistungsfähigkeit bei Kindern teilweise verbessern können“, schreiben die Autoren der Studie.

Kurze Einheiten reichen Zu einem interessanten Ergebnis ist Lot Verburgh, Doktorandin an der Freien Universität Amsterdam, in einem Übersichtsartikel gekommen: Bereits kurze Einheiten körperlicher Aktivität haben bei Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen einen mittelgroßen positiven Effekt auf kognitive Fähigkeiten sowie das Vermögen, das Denken und Handeln (exekutive Funktionen) zu steuern. Der Effekt von langen Bewegungseinheiten auf die Kognition ist nicht so eindeutig.

Die Professorin und Chefärztin der Klinik für Neurologie in St. Gallen, Dr. Barbara Tettenborn, erklärt: „Sport und Bewegung erhöhen bei Jugendlichen die Leistungsfähigkeit des Gehirns. Kurzzeitige sportliche Belastungen bis zu einer Stunde verbessern die Informationsverarbeitung und die Reaktionszeit. Bei langfristigem Training lässt sich eine Steigerung der Aufmerksamkeit, der Verarbeitungsgeschwindigkeit und der Merkfähigkeit feststellen.“

Spaziergang nach dem Kaffee Für die geistige Fitness im Erwachsenenalter ist regelmäßige körperliche Bewegung genau so wichtig wie im Kindes- und Jugendalter. Das gilt auch für alte Menschen. Wie wichtig finden es jedoch die erwachsenen Kinder, dass sich die eigenen Eltern im Alter von 70, 80 Jahren noch regelmäßig bewegen? Meist sitzen auch die Kinder lieber, statt zu gehen und zu laufen, und den Sonntagsbesuch bei den Großeltern verbringen sie lieber am Kaffeetisch, statt gemeinsam spazieren zu gehen. Das Herz-Kreislaufsystem zeigt im Laufe der Jahre altersbedingte Veränderungen, vor allem, wenn es nicht trainiert wird. Doch schon ein Training mit mäßiger, aber doch spürbarer Intensität führt nach zwölf Wochen zu positiven Effekten. Zusammengefasst besagen entsprechende Studien, dass 30 Minuten körperliche Aktivität an drei bis fünf Tagen pro Woche schon ausreichen, um positive Wirkungen auf Körper und Geist zu erreichen. Auch Treppensteigen, Gartenarbeit oder strammes Gehen sind wirksam.

In einer Studie der Sportuniversität Taiwan mussten die 30 Teilnehmer im Alter zwischen 55 und 70 Jahren ein leichtes Krafttraining absolvieren, das zwei Sätze mit jeweils zehn Wiederholungen umfasste. Das führte bereits zu einer deutlichen Verbesserung der kognitiven Fähigkeiten. Besonders das Kurzzeitgedächtnis, heute als Arbeitsgedächtnis bezeichnet, und das Planungsvermögen profitierten davon.

Das Gehirn liebt Spaziergänge Der amerikanische Neurowissenschaftler Professor Dr. Arthur Kramer von der Universität von Illinois gilt als Pionier bei der Erforschung der Auswirkung körperlicher Bewegung auf die geistige Fitness. Er konnte zeigen, dass Senioren, die sich im Alltag kaum bewegten, nach einem sechsmonatigen Training, das täglich stramme Spaziergänge über 45 Minuten beinhaltete, nicht nur körperlich deutlich fitter waren, sondern auch bemerkenswerte Verbesserungen im geistigen Bereich erzielten.

Der Gehirnforscher Professor Dr. Erik Scherder von der Freien Universität Amsterdam betont, dass die körperliche Aktivität jedoch spürbar anstrengen und pro Tag mindestens 30 Minuten dauern müsse, um positive Auswirkungen auf die geistigen Fähigkeiten zu erreichen. „Mit dem Hund Gassi zu gehen oder eine Stunde Golf zu spielen, reicht nicht aus“, sagt Scherder. Strammes Spazierengehen hingegen entfalte bereits eine positive Wirkung auf Körper und Geist.

Hobbys halten jung Aber auch anspruchsvolle geistige und soziale Aktivitäten verbessern bei Senioren die kognitive Fähigkeit, darunter das Gedächtnis. In einer Studie der Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, Maryland, USA, halfen Menschen, die über 60 Jahre alt waren, als Paten mehrere Monate lang Schulkindern beim Lesen, in der Bibliothek und bei den Hausaufgaben. Pro Woche waren die Senioren mindestens 15 Stunden lang als Betreuer im Einsatz. „Vor allem bei den älteren Menschen, die anfangs bei den kognitiven Tests nicht so gut abgeschnitten hatten, waren am Ende deutliche Verbesserungen zu verzeichnen“, berichtet die Professorin Dr. Michelle Carlson.

Ähnliche Ergebnisse vermelden Forscher der Universität von Dallas, Texas, die Senioren zu anspruchsvollen Kursen in Fotografieren und Quilten einluden. Keiner der Teilnehmer hatte sich je zuvor mit diesen Hobbys beschäftigt, und alle mussten sich richtig anstrengen, um das geforderte Niveau zu erreichen. Die Professorin Dr. Denise Park erläutert, dass das Erlernen der neuen Fertigkeiten auch das Gedächtnis der Teilnehmer verbesserte.

Im Gehirn von Schulkindern, die im Unterricht ruhig sitzen, sind kaum Aktivitäten festzustellen, wie die linke Aufnahme zeigt. Nach 20 Minuten Gehen auf dem Laufband sind deutlich gesteigerte Gehirnaktivitäten (Bild rechts) nachweisbar. Die geistige Leistungsfähigkeit steigt.
Im Gehirn von Schulkindern, die im Unterricht ruhig sitzen, sind kaum Aktivitäten festzustellen, wie die linke Aufnahme zeigt. Nach 20 Minuten Gehen auf dem Laufband sind deutlich gesteigerte Gehirnaktivitäten (Bild rechts) nachweisbar. Die geistige Leistungsfähigkeit steigt.