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Hyrox verwandelt Hobbysportler in Athleten

Neuer Fitnesstrend : Hyrox verwandelt Hobbysportler in Athleten

Der neue Fitnesstrend erfordert Ausdauer und Kraft. Unsere Redakteurin Sarah Konrad und Aline Barz haben sich an den Start gewagt.

Der eiserne Schlitten ist ein gnadenloser Gegner. Standhaft wehrt er sich dagegen näherzurücken. Ich lehne mich zurück, stemme die Füße so fest es geht in den Boden und ziehe mit aller Kraft an dem schwarzen dicken Seil. Jetzt endlich setzt sich das 80 Kilogramm schwere Gerät in Bewegung. Ganz langsam kommt es auf mich zu. „Los, nur noch ein Stückchen, gleich haben wir es geschafft“, feuert mich meine Teampartnerin an. Ich spüre, wie die Muskeln müde, die Arme immer schwerer werden. Aber eine Pause können wir uns nicht leisten. Hau ruck, hau ruck – der Schlitten überquert die weiße Markierung. Ein Schiedsrichter klatscht in die Hände. „Okay“, brüllt er. Das ist unser Signal. Wir dürfen wieder auf die Laufstrecke. Sled Pull (Schlittenziehen) ist die dritte Übung bei diesem Hyrox-Wettkampf in der Messehalle in Karlsruhe.

Ein neuer Weltrekord Insgesamt 1650 Athleten werden hier heute antreten. Damit es zu keinen Wartezeiten kommt, starten jeweils 30 bis 40 Teilnehmer in Abständen von zehn Minuten in den Parcours. Ich quäle mich zum Glück nicht alleine, sondern mit meiner Freundin Aline Barz. Wir müssen gemeinsam acht Mal einen Kilometer laufen und acht verschiedene Fitnessübungen absolvieren. Dazu zählen unter anderem Ausfallschritte mit einem Sandsack auf den Schultern, Rudern auf einem Ergometer und Gewichte-Tragen.

Geschafft: große Erleichterung und Freude im Ziel. Foto: sportograf.com

Für das komplette Programm braucht ein Sportler im Schnitt etwa eineinhalb Stunden. Wer es ins Ziel schafft, darf sich offiziell zum elitären Kreis der Finisher zählen. Und hat die Chance, sich für die Hyrox-Weltmeisterschaft am 4. April in Berlin zu qualifizieren.

„Mein Puls ist bei 180“, keucht Aline. „Egal, der geht auch wieder runter“, antworte ich. „Los weiter.“ Wir ordnen uns auf der Bahn ein. Sie führt rund um das Zentrum, in dem sich die Fitness-Stationen befinden. Am Rand stehen die Zuschauer und jubeln den Athleten zu. Auch ein paar Freunde von uns sind irgendwo in der Menge.

„Achtung, weg da“, brüllt plötzlich eine Frau von hinten und schiebt mich zur Seite. Zwei Sportlerinnen in grauen T-Shirts stürmen an uns vorbei. Sie sind gefühlt doppelt so schnell unterwegs wie wir. Später erfahre ich, dass die beiden Mädels mit dem Team-Namen Pfitzenmeier Karlsruhe einen neuen Weltrekord aufgestellt haben. Sie rockten das komplette Workout in 57:53 Minuten.

Ein neuer Fitnesstrend Dass beim Hyrox die schmalen, wenig muskelbepackten Läufer-Typen ganz oben auf dem Siegertreppchen landen, ist keine Seltenheit. Doch auch zahlreiche Sportler, die einst Crossfit betrieben haben, nehmen an den Wettkämpfen teil. „Die allerbesten sind die Hybrid-Athleten, die sowohl im Kraft- als auch im Ausdauerbereich gut sind“, weiß Michael Trautmann. Er hatte zusammen mit Christian Toetzke und Moritz Fürste die Idee für den neuen Fitnesstrend. „Wir haben uns schon vor der Gründung intensiv mit dem Markt beschäftigt und waren sehr erstaunt, dass die größte organisierte Sportart keinen Wettbewerb für jedermann hat“, sagt Trautmann.

Das wollten die drei Männer ändern. Zusammen mit der sportlichen Leitung Mintra und Jacob Tilly entwickelten sie ein Format, das Laufen mit funktionalen Kraftübungen verbindet. „Wir haben es mit Athleten unterschiedlicher Leistungsstärke getestet und optimiert“, erzählt Trautmann, „solange, bis wir beim heutigen Hyrox-Workout gelandet sind.“

Zu dem gehören auch Burpee Broad Jumps: flach auf den Boden legen, aufstehen, springen – immer und immer wieder. Diese Übung über eine Distanz von 80 Metern saugt das letzte bisschen Luft aus der Lunge. Irgendwann schaffe ich es kaum noch, mich vom grauen Filzteppich hochzudrücken. Aline übernimmt. Sie hat ihre kurze Auszeit genutzt, um tief durchzuatmen, und gibt jetzt richtig Gas.

„Die Übungen sind anstrengend, aber von jedem beherrschbar“, erläutert Trautmann. Auf komplexe Bewegungsabläufe habe man beim Hyrox absichtlich verzichtet. „Wir sagen Fitness für jedermann und so meinen wir es auch“, betont er. Das erste offizielle Event fand 2018 mit rund 750 Teilnehmern in Leipzig statt. Seitdem haben circa 15 000 Athleten an mehr als zehn Wettkämpfen in Deutschland, Österreich und den USA teilgenommen.

„Wir sehen bei unseren Events Athleten im Alter bis über 70 Jahre“, sagt Trautmann. In Hamburg gebe es zudem ein spezielles Angebot für Jugendliche. Somit eigne sich Hyrox für jeden Sportler, der einmal etwas Neues ausprobieren möchte. Die wichtigste Voraussetzung: die Bereitschaft, sich zu quälen.

Ausfallschritte mit Sandsack Aline lädt sich einen zehn Kilogramm schweren Sandsack auf die Schultern und marschiert los. Wir müssen eine Strecke von 100 Metern in Ausfallschritten zurücklegen. Das hintere Knie soll dabei immer leicht den Boden berühren. Ich behalte meine Partnerin im Auge. Laufe direkt hinter ihr her. „Wechsel“, ruft sie.

Was jetzt kommt, haben wir unzählige Male geübt. Die Bewegungsabläufe sitzen wie im Schlaf. Wir stellen uns Rücken an Rücken. Ich gehe leicht in die Knie. Aline legt den Sandsack auf meinen Schultern ab. Ich packe beide Griffe – und weiter geht’s. Gleich zwei Schiedsrichter kontrollieren, ob wir die Übung korrekt ausführen. Der Sack darf den Boden zu keiner Zeit berühren. Sollte er runterfallen, würde das eine Zeitstrafe nach sich ziehen. Doch die bleibt uns erspart. Das Training zahlt sich aus. Wir freuen uns, klatschen ab und gönnen uns eine kurze Pause an der Trinkstation.

Mit Teamarbeit zum Erfolg In der Kategorie „Double“ ist das Teamwork entscheidend für den Erfolg. Die Duos – auch gemischte Teams sind möglich – müssen sich perfekt aufeinander abstimmen. Gelaufen wird zwar immer zusammen. Aber die Arbeit an den einzelnen Stationen können sich die Athleten ganz nach ihren Stärken aufteilen. Wer lieber als Einzelkämpfer antreten möchte, hat auch dazu Gelegenheit. Unterschieden wird dann nicht mehr nur nach Alter und Geschlecht, sondern auch den Fitnesskategorien „Hyrox“ und „Hyrox Pro“. Dabei bleibt das Workout immer das gleiche, nur die Höhe der Gewichte variiert. So müssen die Double-Frauen die letzte Übung beispielsweise nur mit vier und nicht wie die Männer mit sechs Kilogramm schweren Bällen absolvieren.

Michael Trautmann, Christian Toetzke und Moritz Fürste (v. l.) haben Hyrox gegründet. Foto: Hyrox/Trautmann

Der Countdown läuft. Das Ziel rückt immer näher. Meine Hände umschließen die dicke Kugel. Ich mache eine Kniebeuge, werfe den Ball beim Aufstehen gegen eine Scheibe in drei Metern Höhe und fange ihn wieder auf. „Noch 37 Wiederholungen“, kommentiert die am Boden kniende Schiedsrichterin den Zwischenstand. „Das kann nicht sein“, bin ich überzeugt, „Es dürften nur noch 25 Wall Balls fehlen, ich habe mitgezählt.“ Auch Aline blickt die Unparteiische fragend an. Doch die erklärt nüchtern: „Ihr müsst mit dem Hintern tiefer runter. Einige Wiederholungen konnte ich nicht gelten lassen.“ Verdammt. Gerade noch war das Ziel in greifbarer Nähe, jetzt ist es wieder ein ganzes Stück in die Ferne gerückt. Wir mobilisieren unsere letzten Kräfte. Wir kämpfen. Und dann: 73, 74, 75, fertig. Wir rennen los, überqueren die Ziellinie nach 1:23:04 Stunden. Damit sind wir auf Platz 42 von 105 gelandet. Erschöpft, aber glücklich fallen wir uns in die Arme. Unseren ersten Hyrox-Wettkampf haben wir gemeistert. Gemeinsam.