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SZ-Sommerserie: Im Nationalpark Hunsrück-Hochwald leben Wildkatzen und fleischfressende Pflanzen

Sommerserie „Am schönsten ist’s daheim!“ : Verrückte Wesen, die im Nationalpark leben

Im jungen Nationalpark Hunsrück-Hochwald leben nicht nur Wildkatzen und fleischfressende Pflanzen, sondern auch sehr eigentümliche Arten, die Biologenherzen höher schlagen lassen.

Schon mal was vom abgestutzten Tentakelkeulchen gehört? Nein? Kein Wunder. Das ist auch ziemlich selten. In den weiten Buchenwäldern, Mooren, Feuchtwiesen und Felsenlandschaften des jungen Nationalparks Hunsrück-Hochwald leben jetzt schon zahlreiche Tiere, Pflanzen, Pilze oder Flechten, die so selten sind, dass viele ihren Namen noch niemals vernommen haben dürften.

Natürlich wären da die „Klassiker“ der vom Aussterben bedrohten Fauna und Flora, die zwar kaum einer je in seinem Leben zu Gesicht bekommt, die aber dennoch jeder kennt. Allen voran die streng geschützte Wildkatze. Im Nationalpark leben so viele dieser Tiere wie nirgends sonst in Europa. 2017 wurden 99 Katzen mithilfe von Haaren nachgewiesen, die an Lockstäben zurückblieben und 2018 94 Stück. Das ist etwa ein Zehntel der rheinland-pfälzischen Population.

Kleine Wissensfrage am Rande: Wie heißt die männliche Wildkatze? Wetten, dass dieses Wort die meisten erstaunt? Die Antwort lautet: Kuder. Mit drei bis acht Kilogramm werden Kuder deutlich schwerer als Katzen und haben mit bis zu 4000 Hektar auch ein deutlich größeres Territorium.

Dann wären da natürlich noch die seltenen Schwarzstörche, die alte Wälder mit Gewässern lieben, sage und schreibe sieben Spechtarten, darunter frisch im Nationalpark entdeckt auch der seltene Wendehals sowie der aus dem Saarland eingewanderte Biber.

Zu den geschützten Klassikern der Pflanzenwelt kann man getrost den Rundblättrigen Sonnentau zählen, eine  fleischfressende Pflanze, die ihren Stickstoffbedarf in Mooren mit Insekten aufbessert. Auch der hübsche Siebenstern mit seinen siebenblättrigen weißen Blüten wird gerne genannt, genau wie das Wollgras, Torfmoose oder die stattlichen, bis zu 120 jährigen Moorbirken. Nicht zu vergessen die vom Aussterben bedrohte Arnika, aus der Goethe sich gerne Tee kochte.

Alles sehr selten. Und dennoch bekannt. Doch dann wären da noch die unbekannten, heimlichen Stars unter den seltenen Nationalpark-Arten. Wesen mit merkwürdigen Namen, die das Herz von Biologen höher schlagen lassen. 2015 hatte die Biologin Dorothee Killmann eine bis dahin völlig unbekannte Flechtenart im Nationalpark entdeckt, als sie Naturwaldreservate kartierte: die Hunsrücker Warzenflechte oder lateinisch Verrucaria hunsrueckensis.

Aktuell werden in dem Naturreservat, das Gegenstand zahlreicher Forschungsarbeiten ist, Rindenwanzen kartiert. „Die Kartierer haben schon ganz spannende Sachen gefunden“, sagt Forschungsreferentin Andrea Kaus-Thiel. Darunter die extrem seltene graue Rindenwanze und Fransenrindenwanze, die sich von Pilzen ernähren, die im Totholz leben. Beide Arten seien Naturnähezeiger, wenn nicht Urwaldrelikte. „Mit dem Nationalpark hat das nichts zu tun. Der ist ja viel zu jung“, sagt die Biologin. Für die seltenen Insekten sei es allerdings perfekt, dass sich der offenbar jetzt schon ziemlich naturnahe Wald nun zum Urwald weiterentwickeln darf.

Und dann wäre da natürlich noch das abgestutzte Tentakelkeulchen, das Kaus-Thiel nicht nur deshalb begeistert, weil es „optisch ganz goldig ist“, sondern auch sehr selten und Anzeichen für eine hervorragende Wasserqualität. Handelt es sich bei diesem Wesen doch um einen kleinen Pilz mit gelbem Köpfchen, der auf Totholz wächst, das im Wasser liegt.

Ins Schwärmen gerät die Biologin auch bei den Rosselhalden, einer geologischen Besonderheit des Nationalparks. Bei diesen Halden aus Quarzitblöcken handelt es sich um ganz spezielle Biotope. Auf der Gesteinsoberfläche wird es glühend heiß, wenn die Sonne darauf knallt, im Inneren der meterhohen Halden sorgt ein Kamineffekt dafür, dass es dort sehr kalt bleibt. Extreme Bedingungen, unter denen nur wenige Flechten, Reptilien und Insekten überleben können. „Was ich sensationell finde: Die letzte Eiszeit ist 10 000 Jahre her und noch immer sind diese Halden nicht zugewachsen“, sagt die Biologin begeistert.

Drei Nationalparktore, zahlreiche Wanderwege und neue Radrouten laden zur Erkundung des Nationalparks ein. Dabei lohnt es sich, genau hinzusehen: Ist das Besondere doch manchmal winzig klein und gut versteckt.

Tipp: Mit der App durch die Natur. Fünf Jahre nach Eröffnung des Nationalparks haben Rheinland-Pfalz und das Saarland eine App für Besuche in dem ausgedehnten Gebiet eingeführt. Dazu gehört eine Kartenanwendung, die Naturfreunden zeigt, wo sie sich gerade befinden, wie der zuvor ausgewählte Wanderweg verläuft oder wo es die nächste Möglichkeit zum Einkehren gibt. An einzelnen Stationen erfahren die Nutzer mehr über den Nationalpark. Mal erklären Ranger in Videos, welche besonderen Tiere und Pflanzen es vor Ort gibt, wie naturnahe Waldbewirtschaftung funktioniert oder was im Nationalpark erforscht wird. Mal ist die Tour als Lauschtour angelegt, sodass man sich beim Wandern anhören kann, welche seltenen Schmetterlinge über die Arnikawiesen flattern. Kleines Highlight: Nach dem Scannen von kleinen Infotafeln erscheint ein virtueller Ranger im Kamerabild, der die Besucher begrüßt.

Infos: www.nationalpark-hunsrueck-hochwald.de

 Der hübsche Siebenstern ist ein Bewohner der Nationalparkmoore. Foto: Konrad Funk
Der hübsche Siebenstern ist ein Bewohner der Nationalparkmoore. Foto: Konrad Funk Foto: TV/Konrad Funk
 Die seltene Fransen-Rindenwanze wurde kürzlich im Nationalpark entdeckt. Foto: C. Morkel
Die seltene Fransen-Rindenwanze wurde kürzlich im Nationalpark entdeckt. Foto: C. Morkel Foto: TV/C. Morkel

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